"Einsatz hätte keinen militärischen Sinn"

23. April 2013, 18:49
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Eine genaue Feststellung, ob chemische Waffen eingesetzt wurden, ist aus der Ferne nicht möglich. Klarheit über die Vorwürfe könnten nur Inspektionen schaffen, sagt Chemiewaffen-Experte Ralf Trapp zu Manuel Escher

Standard: Wie ist Ihre Einschätzung zu den Meldungen über einen syrischen Chemiewaffeneinsatz?

Trapp: Was ich bisher gesehen habe, lässt für mich nicht den Schluss zu, dass da chemische Waffen eingesetzt wurden. Und man müsste mehr wissen, etwa wie viele Personen zu Schaden gekommen sind. Man muss davon ausgehen, dass diese Waffen effektiv sind und massiv eingesetzt würden. Da hätte man nicht ein paar Tote, sondern ein paar Hundert.

Standard: Wie sicher lässt sich der Einsatz von Sarin denn feststellen?

Trapp: Mit großer Sicherheit nur mit einem Team an Ort und Stelle, etwa dann, wenn man dort mit Zeugen und medizinischem Personal spricht. Und wenn es möglich ist, Beweismaterialien zu finden, etwa Reste von Granaten oder Bodenproben. Aus der Ferne wird es problematischer.

Standard: Brigade-General Brun argumentiert, die Verletzungen ließen auf Sarin schließen ...

Trapp: Die Rede war von Schaum vorm Mund und verengten Pupillen. Das deutet nicht nur auf Sarin hin, sondern auf eine Reihe von Waffen, die am Nervensystem wirken. Den genauen Stoff kann man so nicht feststellen, sehr wohl aber grobe Aussagen machen.

Standard: Hätte der Einsatz überhaupt einen militärischen Sinn?

Trapp: Wir reden hier über einen Bürgerkrieg. Und da hätte jeder Einsatz von toxischen Stoffen, Chemikalien und ähnlichen Waffen aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn, weil man nur massiv die Zivilbevölkerung schädigt. Der militärische Zweck ist dagegen sehr zweifelhaft.

Standard: Es heißt, Waffen könnten auch an die Opposition geraten sein. Ist der Einsatz schwierig?

Trapp: Nein, wenn es abgefüllte Waffen sind, werden sie genauso verschossen, wie jede Granate.

Standard: Könnten Inspektionen überhaupt Klarheit schaffen?

Trapp: Im Prinzip schon. Aber das Problem ist, dass man das Team im Moment nicht ins Land bekommt. Und dass es sowohl aus Sicherheitsgründen als auch in Bezug auf Zutrittsrechte Probleme gibt, die man bisher nicht klären konnte. (Manuel Escher, DER STANDARD, 24.4.2013)


Wissen: Syriens Chemiearsenal

Syrien soll bereits seit Anfang der 1970er-Jahre an Chemiewaffen arbeiten. In den 1980ern kaufte man auch Technologie aus der Sowjetunion zu. Laut Experten soll das Land über mehrere Hundert Liter Kampfstoff verfügen, die mit Raketen, Artilleriegeschoßen und Bomben eingesetzt werden können.

Syrien besitzt neben Senfgas und dem Kampfstoff VX auch über Sarin, das im aktuellen Fall zum Einsatz gekommen sein soll. Die 1939 in Deutschland entwickelte Substanz ist farb- und geruchslos und sowohl wasserlöslich als auch als Gas verwendbar. Sarin kann über die Haut in den Körper gelangen, weitaus gefährlicher ist es aber, wenn es als Gas eingeatmet wird. Es bewirkt eine Dauerreizung der Nerven, Folgen sind erhöhter Speichelfluss und Muskelzucken - und schließlich der Tod durch Atemlähmung. (red)

  • Ralf Trapp (60) ist Chemiker und arbeitet seit etwa 30 Jahren auf dem Gebiet der Abrüstung chemischer sowie biologischer Waffen. Seit einigen Jahren ist er als unabhängiger Berater in diesen Fragen in Frankreich tätig.
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    Ralf Trapp (60) ist Chemiker und arbeitet seit etwa 30 Jahren auf dem Gebiet der Abrüstung chemischer sowie biologischer Waffen. Seit einigen Jahren ist er als unabhängiger Berater in diesen Fragen in Frankreich tätig.

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