Reininghaus-Gründe in Graz: "Sie sehen die Jahrhundertchance nicht"

23. April 2013, 18:31
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Die als urbanes "Jahrhundertprojekt" angedachte Gestaltung könnte am politischen Kleinmut scheitern. Es drohe eine visionslose Verbauung

Graz - "Diese Gelegenheit bekommen die Stadtpolitiker nur einmal, aber wir haben die Befürchtung, dass sie das bis heute nicht erkennen. Sie sehen die Jahrhundertchance nicht", klagt Michael Sammer, Soziologe und Mitglied der Gruppe "Offene Reininghausgesellschaft".

Die Initiative um den ehemaligen Kulturstadtrat Helmut Strobl, um Architekten, Wissenschafter, Pädagogen und Stadtplaner, drängt die Stadtpolitiker seit langem, jenes unbebaute, mehr als 500.000 Quadratmeter umfassende Reininghaus-Areal im Grazer Westen als stadtplanerisches Zukunftslabor zu nutzen. Um dort, im neuen Stadtviertel moderne Formen des Arbeitens, Wohnens, Lernens und Forschens, des städtischen Zusammenlebens der Generationen und Kulturen zu erproben. 

Inspirierende Lösungen wären möglich

Derartiges hatte der ehemalige Besitzer der Reinighaus-Gründe, Ernst Scholdan, im Sinn. Am Beispiel Reininghaus, dem künftigen Stadtteil für 12.000 Bewohner, könnten neue urbane Lösungen entwickelt werden, die in der Folge für ganz Graz und auch andere Städte inspirierend sein könnten, glaubt Sammer. So ziemlich alle urbanen Lebensbereiche seien in Konzepten längst erfasst.

Beispiel: Bildung. Im Kern des neuen Viertels könnte eine "offene Schule" stehen, als geistiges und kulturelles Zentrum am Grazer Stadtrand. Diese neue Schule soll, so steht es in einem Manifest der "Offenen Reininghausgesellschaft" praktisch umsetzen, was Neurowissenschafter, Soziologen und Ärzte, was Pädagogen schon lange fordern. Um diese Schule sollte eine Kunstakademie, eine ebenfalls lang diskutierte Idee, endlich realisiert werden. Und alles im Konzert mit hochwertiger zeitgenössischer Architektur. Es gehe natürlich auch um integrierte Konzepte einer intelligenten Verknüpfung von individuellen und öffentlichen Verkehr.

Visionslose Verbauung befürchtet

Wie es scheint, laufe jetzt aber nach dem Verkauf und der Umwidmung des Areals für Wohnbau alles auf eine konventionelle, visionslose Verbauung hinaus. "Irgendwelche Genossenschaften werden irgendwelche Wohnobjekte bauen. Alles läuft hinter verschlossenen Türen, es gibt für dieses Projekt keine zündende Diskussion mehr, aus dem Rathaus kommt keine einzige wirklich kreative Idee", kritisiert Sammer. Dabei: Schon vor Jahren habe Scholdan die internationale Crème der Stadtplaner und Grünraumvisionäre nach Graz geholt. Deren Entwürfe könnten jederzeit reanimiert werden, sagt Sammer.

Die "Offene Gesellschaft" will jetzt gemeinsam mit sozialen, medialen Netzwerken und Initiativen Druck auf die Rathauspolitiker machen, "um Reinighaus vielleicht doch noch retten". (Walter Müller, DER STANDARD, 24.4.2013)

  • Auf dem Reininghaus-Areal sollten neue Formen urbanen Zusammenlebens entstehen.
    foto: gubisch

    Auf dem Reininghaus-Areal sollten neue Formen urbanen Zusammenlebens entstehen.

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