Der spezialisierte Blick auf den Alltag

23. April 2013, 17:00
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Zum ersten Mal ist US-Künstler Jason Dodge in Österreich eine Ausstellung gewidmet

Linz - Ein großer, leerer Weidenkorb an der Tür und Kartons, in denen nichts als gelb eingefärbte Neonröhren liegen, im ersten Raum. Im zweiten Raum des Lentos-Museums in Linz finden sich eine hängende Lampe ohne Neonröhren und ein Stapel gebügelter und gefalteter Leintücher.

Die Ausstellung des 44-jährigen Amerikaners Jason Dodge sucht einerseits das Abwesende, das die erzählerische Lücke füllen könnte, die sich aus den anwesenden Objekten und einem Titel ergibt: Unter amber room sind Neonröhren und Lampe gelistet, die Leintücher heißen Sheets replaced weekly by a linnen service, und der Weidenkorb, mit einer hinweisgebenden Lampenkonstruktion versehen, rangiert einfach nur unter the carrier.

Das mag auf den ersten Blick gnadenlos didaktisch und als etwas pathetische Geste wirken. Dodge aber ist sich ebenso der Präsenz der Objekte bewusst und wie verunsichernd sie im Kontext eines Ausstellungsraums wirken können. Kunst sei einer der wenigen "Orte", die es noch gebe, um komplexe Ideen zu denken und zu entwickeln, so Dodge, und: Er schätze den Gedanken an einen Ausstellungsraum als Rahmen, in dem eine ganz alltägliche Situation ablaufe.

Ganz alltäglich in dem Sinn, dass hier Besucher und Besucherinnen auf Objekte stoßen, die sie als alltäglich wahrnehmen oder wiedererkennen. Und so erzeugt Dodge ein Paradoxon, in dem die Objekte, die Art, wie sie zueinander in Beziehung stehen, und kleine, unscheinbare Details wie Glöckchen sich bei jedem Einzelnen zu einer höchst privaten Alltagsgeschichte entwickeln. Als hätte das Universum so etwas wie " bekannt" oder "allgemeingültig" überhaupt vorgesehen, lacht Jason Dodge.

Man fühlt sich also aufgefordert, die Ausstellung für sich zu erfinden, und erinnert sich unwillkürlich an die Versuche im Kindergarten des Sohnes, an einem Tag pro Woche alle Spielsachen wegzuräumen und die Kinder sich mit den Alltagsgegenständen beschäftigen zu lassen, die nicht als Spielzeug definiert sind. "Wenn Sie neben einem Herzchirurgen stehen, der gerade eine Operation durchführt, der neben einem Herzchirurgen steht, der zusieht, denken Sie wirklich, dass Sie und die Chirurgen dasselbe sehen, die gleiche Situation erleben?", gibt Dodge in einem Interview zu bedenken und erzählt vom "spezialisierten Blick", mit dem wir uns immer wieder auch Ausstellungen nähern.

Der in Berlin lebende Künstler lässt sich in seiner künstlerischen Praxis nicht allein auf Begriffe wie Minimalismus oder Strategien wie Readymades oder Abstraktion reduzieren, auch wenn formal vieles darauf hindeutet.

Auch der Effekt, den Jason Dodge auf eine Ausstellung als sozialen Raum mitsamt seiner hierarchischen, hierarchisierenden Ordnung in Wissende und Nicht-Wissende hat, ist nichts Neues. Bei Dodge, dem amerikanischen Künstler voller Hintersinn, wirkt er allerdings poetischer und radikaler zugleich. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 24.4.2013)

  • "Sheets replaced weekly by a linnen service".
    foto: maschek

    "Sheets replaced weekly by a linnen service".

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