Almagul Menlibayeva: Sobald die Hunde fliehen

23. April 2013, 17:20
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Der Kunstraum Innsbruck zeigt erstmals Arbeiten der kasachischen Künstlerin: Es geht dabei um die Aufarbeitung der Folgen von Atomtests während des Kalten Krieges

Innsbruck - Streunende Hunde hatte man eingefangen und sie dort angekettet, wo eine dieser Detonationen stattfinden sollte. Nach der Explosion wurde an den Körperteilen die Strahlung gemessen. Unmengen von Daten wurden so gesammelt und an ein anonymes Postfach geschickt.

Es galt also strengste Geheimhaltung, aber es gab keine gesundheitliche Sicherheit. Ganz im Gegenteil: Jedes Wochenende um zehn Uhr früh, in einem Zeitraum von 1947 bis 1992, habe die Erde gebebt - so erzählt eine alte Frau in der fünfteiligen Videoinstallation Kurchatov 22 von Almagul Menlibayeva, die im Kunstraum Innsbruck gezeigt wird. In der aktuellen Ausstellung An Ode to the Wastelands and Gulags berichten die Überlebenden vom 18.400 Quadratkilometer großen Testgelände "Kurchatov 22" in Nordkasachstan. Und von jenen Menschen, die erblindeten, verstarben oder nach wie vor an den Folgen der insgesamt etwa 456 (über- und unterirdisch durchgeführten) Nukleartests sterben.

Ein Testgebiet

Denn zu Zeiten des Eisernen Vorhangs war der nach dem Atomwissenschafter Igor Wassiljewitsch Kurchatov (1903-1960) benannte Ort ein operatives Zentrum des Atomwaffentestgebiets von Semipalatinsk.

Almagul Menlibayeva, selbst im Jahr 1969 in Kasachstan geboren, lässt in ihrer Arbeit mithilfe junger Frauen und Männer die regelrecht weggewischte Realität der Vergangenheit in Form von schamanistischen Ritualen wiederaufleben: Eine Frau posiert in der verlassenen und zerstörten Stadt; und drei Männer rollen runde Scheiben durch die Wüstenlandschaft.

Schaurige Wirklichkeit

Auf diesen sind dokumentarische Fotografien aus jener traurigen Zeit affichiert: Der Diktator Stalin ist zu sehen, auch seine Kommandeure; und aufsteigende Atompilze belegen für einen kurzen Moment die ehemals schaurige Wirklichkeit jener Tage. Und: Sie untermauern so die biografischen Erzählungen der Überlebenden im Video.

Es ist dies eine kraftvolle Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit in Kasachstan, das nach den Wurzeln seiner gesellschaftlichen Identität sucht. (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 24.4.2013)

Almagul Menlibayeva, "An Ode to the Wastelands and Gulags", Kunstraum Innsbruck, bis 11. 5., Di-Fr 12-18, Sa 11-16 Uhr

  • Die kasachische Künstlerin Almagul Menlibayeva erinnert an eine schreckliche Zeit, an Stalin, seine Kommandeure und aufsteigende Atompilze.
    foto: menlibayeva

    Die kasachische Künstlerin Almagul Menlibayeva erinnert an eine schreckliche Zeit, an Stalin, seine Kommandeure und aufsteigende Atompilze.

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