Alte Lasten und neue Gräben in Angern an der March

22. April 2013, 18:24
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Rund 50 Häuser in Angern an der March stehen auf einem von Altlasten verseuchten Areal. Schäden für die Gesundheit können nicht ausgeschlossen werden. Nach jahrelangen Untersuchungen wird den Betroffenen nun geraten, Erdreich abzutragen. Einige weigern sich

Angern an der March - Wo die Grundstücke der Ehepaare Franke und Dolecek in Angern an der March (Bezirk Gänserndorf) liegen, stand einst eine Teerfabrik. In den Jahren 1860 bis 1924 wurden dort Strom- und Telegrafenmasten mit Teer und anderen Straßenbaustoffen imprägniert. Heute stehen auf dem 112.000 Quadratmeter großen Areal rund 50 Einfamilienhäuser. Der Untergrund ist schwer belastet - unter anderem mit Arsen, Quecksilber und Blei. Die Frankes sagen, sie wussten von der Vorgeschichte ihres Grundstücks, als sie es vor 46 Jahren erwarben und ein Haus bauten: "Das weiß doch jedes Kind."

Doch wie kontaminiert der Untergrund ist, ist erst seit Ende 2012 auf dem Tisch, als das Umweltbundesamt seine Gefahrenabschätzung präsentierte: Demnach ist eine "erhöhte Schadstoffaufnahme durch Menschen zu erwarten", und daher könnten "bedingt langfristige Wirkungen auf die Gesundheit der Menschen nicht ausgeschlossen" werden. Die Altlast wurde mit Prioritätenstufe eins bewertet. "Schadstoffpotenzial: äußerst groß."

Teerblasen

Das Ehepaar Dolecek will von der früheren Fabrik rein gar nichts gewusst haben, als der Sohn 2005 den Grund für sie erwarb. Dass irgendetwas nicht stimmt, sei ihnen erst klar geworden, als sie das Areal bereits freigerodet hatten und das Enkelkind mit schwarzen Händen aus dem Garten angekommen sei. Immer wieder kämen Teerblasen an die Oberfläche, sagt Johann Dolecek und zeigt einen harten schwarzen Fleck zwischen den Grasbüscheln mit etwa 20 Zentimetern Durchmesser.

Die Doleceks gingen zum ORF-Bürgeranwalt. Seit der Sendung vor etwa zwei Wochen ziehen sich durch die Angerner Siedlung neue Gräben. Alles sei aufgebauscht worden, finden die über 80-jährigen Frankes. Gemunkelt wird, die Doleceks bräuchten eben Geld. Aussagen, die diese "einfach dumm" finden.

Arsengrenzwerte

Die Frankes essen die Weichseln aus ihrem Garten, die Doleceks verschmähen die ihrigen wegen überschrittener Arsengrenzwerte. Die Frankes gossen das wachsende Gemüse bis vor kurzem mit dem Wasser des Hausbrunnens, bis es die Gemeinde Ende 2013 verboten hat. Am Donnerstag wird das Land Niederösterreich und das Umweltbundesamt die Betroffenen über mögliche Maßnahmen informieren: Der Vorschlag ist, 50 Zentimeter Erdreich abzutragen.

Die Frankes werden ihren Garten so belassen, wie er ist. Die Doleceks wollen das Erdreich loswerden. Laut Bürgermeister Robert Meißl (SPÖ) hat sich bisher ungefähr jeder vierte Betroffene an der Maßnahme interessiert gezeigt. Die Kosten übernimmt der Bund mit dem Altlastenfonds. Sie werden von der Wasserabteilung des Landes auf zwei bis vier Millionen Euro geschätzt. Allerdings versuche man, sich von der Nachfolgefirma des Fabriksbetreibers schadlos zu halten, heißt es aus dem Umweltministerium. Medienberichten zufolge sind die Fronten hier verhärtet.

Das Umweltbundesamt hat das Areal 2003 als Altlast ausgewiesen. Dass es neun Jahre dauernde Untersuchungen brauchte, liege an der komplexen Untergrundbeschaffung, heißt es dort. Und daran, dass das Areal bebaut ist. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 23.4.2013)

  • Das Ehepaar Franke hängt an seinem Garten mit den Gemüsebeeten und dem dichten Rasen und denkt nicht daran, das gesamte Erdreich dort abtragen zu lassen.
    foto: standard/regine hendrich

    Das Ehepaar Franke hängt an seinem Garten mit den Gemüsebeeten und dem dichten Rasen und denkt nicht daran, das gesamte Erdreich dort abtragen zu lassen.

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