Eine Lektion in Saudologie

Analyse22. April 2013, 18:01
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Wer König Abdullah bin Abdulaziz Al Saud nachfolgen wird, ist entscheidend für die Entwicklung des Landes - Nun wurde Prinz Fahd zum neuen stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt

Es ist gar nicht leicht zu erklären, warum es so interessant sein soll, wenn, wie am Samstag geschehen, in Saudi-Arabien der stellvertretende (sic!) Verteidigungsminister abgelöst wird. Ist es aber, und hier wird der Versuch gestartet, dies zu beweisen. Ein Minimum an Interesse für "Saudologie" ist natürlich Voraussetzung - deren Hauptthema heutzutage ist, wer König Abdullah bin Abdulaziz Al Saud, der heuer 90 wird, auf dem Thron nachfolgen wird. Wer das sein wird und wie das passiert, wird entscheidend dafür sein, wie sich Saudi-Arabien entwickelt, ob es überhaupt überlebt. Nun würden die meisten im Westen diesem absolutistischen Königreich mit seiner Staatsformmischung von Theokratie und Familien-Großunternehmen nicht nachtrauern. Aber wir wünschen uns und vor allem den Bewohnern des Landes und seiner Nachbarn, dass alles, was kommt - hoffentlich in absehbarer Zeit ein Übergang in die politische Moderne - friedlich vonstattengeht.

Am Samstag wurde also Prinz Khaled bin Sultan aus seinem Amt abberufen und stattdessen Prinz Fahd bin Abdullah bin Mohammed ernannt. Den Großvater Mohammed (Fahd, Sohn des Abdullah, Sohn des Mohammed) schreibt man hier besser dazu, um dem Missverständnis vorzubeugen, dass der neue Vizeverteidigungsminister ein Sohn von König Abdullah wäre. Fahd stammt aus einer anderen Vaterlinie, nicht aus der des Staatsgründers Abdulaziz - alle Könige nach ihm und alle Kronprinzen waren dessen Söhne -, sondern aus der Linie des Halbbruders des Staatsgründers, Abdurrahman. Dieser war Fahds Urgroßvater (der Vater des Mohammed, der der Vater des Abdullah war, der der Vater des Fahd ist ... um das auch von hinten aufzurollen). Staatsgründer Abdulaziz war allerdings ebenfalls Urgroßvater des Fahd: Fahds Mutter Nura ist eine Tochter von König Saud bin Abdulaziz. Er ist also ein waschechter Saud - für die Thronfolge nach dem Sprung in die nächste Generation kommt er dennoch nicht in Frage. Da spielen jetzt einmal nur Enkel mit, deren Väter Söhne von Abdulaziz waren, aber dazu später.

Berühmt-berüchtigte Geldmaschine

Khaled bin Sultan, der Vorgänger von unserem "Neuen", ist/war hingegen sogar der Sohn eines Kronprinzen: Sultan bin Abdulaziz, ein Halbbruder von König Abdullah. Sultan war bis zu seinem Tod im Oktober 2011 Verteidigungsminister, er wurde durch den jetzigen Kronprinzen Salman bin Abdulaziz, ebenfalls Halbbruder des Königs, ersetzt. Khaled bin Sultan galt trotz der Position seines - jahrelang schwer kranken - Vaters als eher schwaches Glied. Und es ist auffällig, dass in seinem Abberufungsdekret nicht wie sonst üblich steht, dass er "auf seinen eigenen Wunsch" den Posten aufgab. Es heißt, dass seine schwache Planung dafür verantwortlich gemacht wurde, dass bei der Auseinandersetzung mit den jemenitischen Huthi-Rebellen an der jemenitisch-saudischen Grenze im Jahr 2009 150 saudi-arabische Soldaten umkamen. Außerdem soll sich der König geärgert haben, dass Khaled gerne seine eigenen Waffengeschäfte machte - zuletzt soll er in China eingekauft haben, obwohl die Saudis ein Riesengeschäft mit den USA laufen haben. Das Verteidigungsministerium ist berühmt-berüchtigt als Geldmaschine für seine Inhaber, und Khaled soll etwas zu sehr an seine eigenen Einkünfte gedacht haben.

Jetzt ist Khaled weg und Kronprinz Salman als Verteidigungsminister noch da, der von seinem Sohn Mohammed bin Salman "beraten" wird - der Kronprinz leidet nämlich unter Demenz. Wenn Salman wirklich König werden sollte, kann das nur für eine kurze Übergangszeit funktionieren. Ob Mohammed seinen Vater als Verteidigungsminister schon vorher ablöst, wird man sehen. Jedenfalls hat dieser Familienzweig jetzt die Hand auf dem mächtigen Ministerium: Der Sohn Sultans ist raus, und der neue Vize Fahd ist kein Topprinz und wird dem Sohn Salmans zuarbeiten.

Starker Kandidat der Enkelgeneration

Mohammed bin Salman ist demnach ein starker Kandidat der Enkelgeneration. Ein anderer ist Mutib bin Abdullah - Sohn des Königs und Kommandeur der Nationalgarde. Und der dritte und vielleicht stärkste ist Mohammed bin Nayef, der erste aus der Enkelgeneration, der sogar Innenminister geworden ist. Sein Vater Nayef bin Abdulaziz war ebenfalls Innenminister - und Kronprinz nach Sultan, er starb im Juni 2012. Zusammen kontrollieren die drei Staatsgründer-Enkel heute quasi die saudi-arabischen Sicherheitskräfte: Armee, Nationalgarde und Polizei. Geheimdienstchef ist zwar ein Sohn Sultans - Bandar bin Sultan, der frühere saudische Botschafter in den USA -, aber der ist durch die niedrige Herkunft seiner Mutter aus dem Rennen. Das heißt, die Söhne Abdullahs, Nayefs und Salmans sind heute am besten positioniert, um den ersten König der Enkelgeneration zu stellen.

Davor sehen die Saudologen aber auch noch Muqrin bin Abdulaziz als König, den jüngsten noch in Frage kommenden Sohn des Staatsgründers und Halbbruder Abdullahs. Auch seine Mutter, eine Jemenitin, wurde eigentlich für einen Hinderungsgrund gehalten, aber der König machte ihn Anfang Februar zum zweiten Vizepremier: Und das ist normalerweise der Posten, von dem die Kronprinzen nachrücken. Fortsetzung folgt bestimmt. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 22.4.2013)

  • Wer wird König Abdullah bin Abdulaziz Al Saud nachfolgen?
    foto: reuters/baaghil

    Wer wird König Abdullah bin Abdulaziz Al Saud nachfolgen?

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