Schulstart 9 Uhr: Lehrer, Eltern, Schüler zweifeln

25. April 2013, 13:49
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Ein späterer Schulstart verbessert die Leistung von Teenagern - Die Schulpartner wollen trotzdem weiter um 8 Uhr beginnen

An der UCL Academy in London werden Teenagerträume wahr. Die Schüler der "Sixth Form" können ausschlafen und dürfen erst um 10 Uhr in der Schule erscheinen. Die 16- bis 18-Jährigen müssen zwar bis halb 6 am Nachmittag bleiben, trotzdem werde die Regelung gut angenommen, sagt Direktorin Geraldine Davies zur "Sunday Times". Die Schule begründet den Schritt mit mehreren Studien, die gezeigt hätten, dass Teenager die besten Leistungen erbringen, wenn sie später mit dem Unterricht starten.

Österreich ist von diesem Schritt noch weit entfernt. Im Schulzeitgesetz ist zwar nur geregelt, dass der Unterricht nicht vor 7 Uhr beginnen darf. Trotzdem hat es sich eingebürgert, dass der Unterricht um 8 startet, manche Schulen beginnen sogar schon früher. Laut Unterrichtsministerium gibt es nur vereinzelt Schulen, die nach 8 Uhr mit dem Unterricht anfangen. Und das, obwohl bereits mehrere Studien bestätigt haben, was die Schüler am Morgen am eigenen Leib verspüren: So zeitig am Tag kann man sich nicht konzentrieren.

Junge Menschen haben anderen Rhythmus

Eine aktuelle Untersuchung unter knapp 9.000 16- bis 25-Jährigen in Deutschland hat ergeben, dass Jugendliche zu wenig schlafen. "Junge Menschen haben einen anderen Rhythmus, sie sind abends lange aktiv und würden morgens mindestens bis 8 oder 9 Uhr schlafen. Aufgrund des frühen Arbeits- oder Schulbeginns haben viele ein permanentes Schlafdefizit", erklären die Studienautoren in einer Presseaussendung. 63 Prozent der Befragten fühlen sich nicht ausgeruht und leistungsfähig, 63 Prozent wünschen sich mehr Schlaf. In Deutschland hat der Biologe Christoph Randler sogar herausgefunden, dass "geborene" Frühaufsteher bessere Noten bekommen als Langschläfer, da sie im aktuellen System bevorzugt werden.

Eine Studie unter 200 Oberstufenschülern aus den USA aus dem Jahr 2010 ergab, dass sich die gefühlte Leistungsfähigkeit bei 45 Minuten mehr Schlaf signifikant verbesserte. Die Schüler fühlten sich weniger erschöpft und waren regelmäßiger im Unterricht. Die Direktorin der UCL Academy kann zwar ein halbes Jahr nach der Einführung des späteren Schulbeginns noch keine gesicherten Angaben machen, spricht in Interviews aber davon, dass es keine Probleme mehr mit der Pünktlichkeit der Schüler gebe.

Schmied verweist auf Schulpartner

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) will dennoch den späteren Schulbeginn nicht im Alleingang einführen. Aus ihrem Büro heißt es gegenüber derStandard.at, dass die Schulpartner in diesem Bereich tragfähige und praktikable Vorschläge vorlegen sollten. Weder beim späteren Schulbeginn noch bei der Länge der Sommerferien - über die ebenfalls regelmäßig diskutiert wird - habe es bisher aber Ergebnisse gegeben.

Die Schulpartner, das sind Schüler-, Lehrer- und Elternvertreter, haben allerdings erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines späteren Schulbeginns. Bundesschulsprecher Felix Wagner ist dafür, dass die Schulen selbst entscheiden, wann sie mit dem Unterricht beginnen. Am Land bräuchten Schüler zum Beispiel für den Schulweg manchmal über eine Stunde. Wenn der Unterricht dann bis weit in den Nachmittag dauere, kämen sie erst sehr viel später nach Hause. "Manche Schüler können sich auch um 4 Uhr am Nachmittag nur mehr schlecht konzentrieren", sagt er.

Elternvertreter hat Zweifel

Theodor Saverschel vom Bundesverband der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen ist zwar offen für einen späteren Schulbeginn, hat aber Zweifel. Ein Problem sieht er darin, dass die unflexiblen Verkehrsbetriebe am Land dann ihre Intervalle umstellen müssten. Auch das Argument, dass Teenager oft lange aufbleiben und deshalb in der Früh weniger leistungsfähig sind, will er so nicht gelten lassen: "Ich weiß auch, wann meine Arbeit beginnt, und muss mich darauf einstellen."

"Wandel müsste gesamte Gesellschaft vollziehen"

Auch Pflichtschul-Lehrergewerkschafter Paul Kimberger hält einen späteren Schulstart für schwer umsetzbar. "Wir werden es nie hinbekommen, dass für alle Schüler die Schule zum idealen Zeitpunkt beginnt", sagt er. Schließlich gebe es sehr unterschiedliche Typen. Zudem könne nicht die Schule alleine später beginnen. "Diesen Wandel müsste die ganze Gesellschaft vollziehen." In Österreich starte eben auch die Arbeitswelt sehr früh, weshalb die Eltern ihre Kinder oft schon um 7 Uhr in die Schule schicken müssten.

Die Wiener Stadtschulrats-Präsidentin Susanne Brandsteidl hat die Diskussion schon früher als "Bobo-Debatte" bezeichnet. Auch jetzt macht ihr Sprecher darauf aufmerksam, dass es unterschiedliche Lebensrealitäten der Eltern gebe. Manche würden ihre Arbeit bereits um 7 oder halb 8 Uhr beginnen. "Es hilft nicht, wenn die Kinder schon zwei Stunden vor Schulbeginn da sind." Schließlich müssten sie auch betreut werden.

Aus dem Unterrichtsministerium heißt es, dass ein spätere Unterrichtsbeginn wohl nur dann möglich sei, wenn flächendeckend ganztägige Schulformen eingeführt werden. Dann könnten manche Schüler mit Freizeit- und Sportangeboten ab 7.30 Uhr in den Tag starten und erst später der "echte Unterricht" beginnen, der dann bis in den Nachmittag dauert. (Lisa Aigner, derStandard.at, 25.4.2013)

  • Viele Teenager schlafen zu wenig.
    foto: istockphoto.com/sharon dominick

    Viele Teenager schlafen zu wenig.

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