"Max'n Morizz": Wo die Puppen üble Laune haben

22. April 2013, 18:18
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Produktion in der Blackbox des neuen Linzer Musiktheaters

Linz - Sie sind Anarchos, wie sie schon vor knapp 150 Jahren im Buche standen: Max und Moritz, die Sabotageakte gegen Kleinbürgertum verüben oder aus Hunger Hühner morden. Am Ende werden sie vom Müller "geschroten" , also ermordet. So weit und knapp die Geschichte, die sich im Grunde niemals als Kinderbuch eignete und nicht als solche gedacht war.

In der Linzer Version leben Max und Moritz - Aurel von Arx und Nina Sarita Müller - in einem Mehrparteienhaus: Im Erdgeschoß wohnen Adelheid von Schnotz und Diplomingenieur Bernhard Schwingenschläger, zwei Puppen, die grandios von Manuela Linshalm und Nikolaus Habjan gespielt werden. Es ist ein alterndes, getrennt lebendes Paar, das sich schon vor Beginn über zu spät kommendes Publikum echauffiert und sich im Verlauf radikalisiert, bis es vermummt auf die zwei Kinder in den Mehlsäcken schießt. Es sei kein Kinderstück und erst ab 15 Jahren geeignet, betonte Regisseur Dominik Günther, wodurch er wohl mehr kalkulierte Aufmerksamkeit konstruieren als dem Jugendschutz gerecht werden wollte. Denn es kann beruhigt werden: Hier findet sich nichts, das man nicht auch mit 13-Jährigen besprechen könnte und ohnehin sollte.

Jedenfalls: Die Formation Texta lebt als ins Spiel integrierte Gruppe über Herrn Schwingenschläger, dessen Freund und Helfer, der Besenstiel, oft gegen die Decke knallt, um endlich für Ruhe zu sorgen, wenn die vier eines ihrer Lieder anstimmen. Mit Songs wie Chickenkilla!, Hunger oder Keine Macht den Spießern! liefern die "Sprechgesängler", wie Schwingenschläger und Schnotz sie nennen, nicht allein die Begleitmusik. Sie verkörpern auch eine der drei verwendeten Kommunikations- und Spielstrukturen: Puppen, reale Schauspieler und Gesang - die Welt im Mehrparteienhaus ist eben keine homogene.

Die Frage, ob und warum es notwendig ist, die Musiker derart ins Spiel einzubeziehen, bleibt ebenso unbeantwortet, wie sich so manche Pantomime oder Kraxelei, die Aurel von Arx und Nina Sarita Müller - gekonnt akrobatisch - bieten, nicht gänzlich erschließt. Dank des famosen Puppenspiels ist Max'n Morizz allerdings in erster Linie eine intelligente Produktion, die weder mit Kritik am Bürgertum und an fehlgeleiteter Bildungspolitik noch am Regietheater spart: "Pass auf, in zehn Minuten rennt a Nackerter über die Bühne", so der ewig grantelnde Herr Schwingenschläger. So weit kommt es dann doch nicht, am Ende steht ja "nur" der Mord an zwei Buben auf dem Programm, da wird einem bang und bänger. Absolut sehenswert. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 23.4.2013)

  • Im Rausch der Streiche: "Max'n Morizz" in Linz.
    foto: christian brachwitz

    Im Rausch der Streiche: "Max'n Morizz" in Linz.

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