Luxemburg birgt viele Geheimnisse

22. April 2013, 16:46
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Mit Luxemburg teilen wir das Bankgeheimnis. Doch die Stadt ist für die meisten Österreicher auch kein offenes Buch und bietet viel zum Entdecken

Luxemburg und Österreich wurden in letzter Zeit immer in einem Atemzug genannt, in Bezug auf - Sie wissen schon - das Bankgeheimnis. Und das Luxemburger Großherzogspaar war soeben auf Staatsvisite in Wien - um vielleicht genau dieses zu besprechen. Grund genug also, um dem anderen "letzten Zwergschurkenstaat Europas" einen Gegenbesuch abzustatten. Man muss ja nachzuschauen, ob es dort außer Schließfächern noch etwas gibt ...

Nach eineinhalb Stunden ist man dort. Ein kleiner Flughafen, davor wartet bereits Bus Nummer 16, der einen binnen zehn Minuten ins Stadtzentrum bringt - für nur zwei Euro, angenehm und praktisch. Dabei durchfährt man das "Euroquartier" mit dem Europäischen Gerichtshof, dem Europäischen Rechnungshof, der Europäischen Investitionsbank und der RTL-Zentrale. Doch es sind menschenleere Avenuen mit architektonisch nicht besonders gelungenen Hochhäusern. Ein gespenstischer Anblick, der alle Vorurteile über gesichtslose Eurotechnokraten zu bestätigen scheint. Wo ist man gelandet? Im verlassenen Verwaltungszentrum des Planeten Mars? Nein, es war halt Samstag.

In der Centre Ville spielt dann ohnehin eine ganz andere Musik. Eine französelnde Altstadt, fast zur Gänze Fußgängerzone, prall gefüllt mit Leben: Auf der Place d'Armes, von den Einheimischen einfach nur Pless, also Platz, genannt setzen wir uns zu einem ersten Kaffee und blättern in den lokalen Tageszeitungen. Die größte unter ihnen - das Luxemburger Wort - trägt zwar den etwas martialischen Untertitel "Für Wahrheit und Recht", wartet aber im Inneren mit Überraschungen auf.

Lëtzebuerger Setzerrache

So tauchen neben deutschem Fließtext plötzlich, ohne ersichtlichen Anlass oder nachvollziehbare Logik, französische Artikel auf. Man reibt sich verwundert die Augen: eine Rache des Setzers? Oder gar ein Kunstprojekt? Nichts dergleichen. Erst als man dann auch noch die Leserbriefe in Lëtzebuergesch entdeckt, kommt man drauf, dass es sich einfach um gelebte Dreisprachigkeit handelt.

Das ist psychisch entlastend, weil man zwischen den Sprachen wechseln kann, ohne je Gefahr zu laufen - wie vielleicht in Belgien - für einen Verräter an der eigenen Volksgruppe gehalten zu werden. Diese entspannte Atmosphäre spürt man jedenfalls auch beim Stadtspaziergang. Da kann es schon sein, dass einem Premierminister Jean-Claude Juncker höchstpersönlich - natürlich zu Fuß und ohne Eskorte - entgegenkommt, weil er wieder einmal in Léa Linsters Delicatessen-Boutique haltmacht, um ein paar Madeleines einzukaufen.

Natürlich gibt es auch einiges zu besichtigen: sieben teilweise modernste Museen, die Befestigungsanlagen, den Wenzelweg mit seinen schwindelerregenden Einsichten ins Alzette-Tal, die Kasematten, das großherzögliche Palais und so weiter. Man kann sich aber auch einfach treiben lassen, denn in Luxemburg gibt's nicht einmal Sightseeing-Stress (außer vielleicht für die selbst hier nordic walkenden Pensionisten).

Prominenz und Krustentiere

Ein Lunch in der wunderbaren Brasserie Guillaume böte sich dann an. Während des Verspeisens allerfrischester Krustentiere kann man lokale Prominenz beobachten (wenn einen jemand darauf hinweist), und das alles in einem recht volksnahen Ambiente zu für Benelux-Verhältnisse nicht übertriebenen Preisen.

Nach ein paar weiteren Altstadtrunden wird man an einer Jause im neuen Flagshipstore des Hofchocolatiers Oberweis mit seiner überwältigenden Auswahl an Todsünden nicht vorbeikommen. Zur "Buße" empfiehlt sich dann ein Besuch entweder des Grand Théâtre oder der sich fest in österreichischer Hand befindlichen Philharmonie - auf Matthias Naske folgt jetzt Stephan Gehmacher als künstlerischer Leiter.

Das wohlverdiente Abendessen sollte aber aus einer Luxemburger Spezialität - Bouneschlupp, also einer deftigen Fisolensuppe oder auch Feierstengszalot, Rindfleischsalat - bestehen. An Schlummertrünken wird es in den Bars des neuen In-Viertels Grund bestimmt nicht mangeln.

Wer am nächsten Morgen dennoch seinen Flug nicht verpasst, ist daheim um zwei Erkenntnisse reicher: Erstens ist das Großherzogtum eine nahezu perfekte Wochenenddestination - und zweitens sind es nicht dessen Banken, die gerade für Österreicher die spannendsten Geheimnisse hüten. (Robert Quitta, DER STANDARD, Album, 20.4.2013)

  • Den Dingen auf den "Grund" gehen - in Luxemburg scheint das einfach. Immerhin heißt hier ein Teil der Unterstadt so.
    foto: aumüller

    Den Dingen auf den "Grund" gehen - in Luxemburg scheint das einfach. Immerhin heißt hier ein Teil der Unterstadt so.

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