Netzbetten für Wiener Psychiater "geringeres Übel"

21. April 2013, 18:13
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Laut Volksanwaltschaft haben Netzbetten in Psychiatrien nichts zu suchen. Doch in Wien will man auf "Notfallbetten" mit Netzen nicht verzichten

Wien - Die bundesweiten neuen Menschenrechtskontrollen durch Besuchskommissionen, die die Einhaltung der UN-Antifolterkonvention überprüfen, erfüllten ihre Zwecke, freut sich Peter Kostelka: "Wenn jetzt unter Psychiatern über Netzbetten und andere Formen von Freiheitsbeschränkung schwerkranker Psychiatriepatienten diskutiert wird, so ist es genau das, was wir bezwecken", sagt der Volksanwalt.

Tatsächlich haben sich nach einem STANDARD-Bericht über die Kommissionenbeobachtung, dass auf Wiener Psychiatrien weiter Netzbetten verwendet werden, Ärzte und Experten zu Wort gemeldet. Die Betten, die fremd- oder selbstgefährdende Patienten, etwa bei schwerem Alkoholentzug, aus eigener Kraft nicht verlassen können, gelten laut dem Antifolterkomitee des Europarats CPT als menschenrechtswidrig.

Ziel, so Kostelka, sei, die Anwendung der Zwangsmittel zu vereinheitlichen, "wie es dem Stand der Medizin entspricht". Das sieht auch Ernst Berger, Psychiater und einer der Kommissionsleiter, so: Die Einsperrung in Netzbetten sei zu beenden. Andere Mittel, etwa das Anbinden an Hand- und Fußgelenken - die Vierpunktfixierung - sowie die Anwendung schwer sedierender Psychopharmaka solle bundesweit nach gleichen, unter Psychiatern vereinbarten Regeln erfolgen.

Das ist derzeit nicht der Fall. Netzbetten sind in Wien und in einzelnen steirischen Einrichtungen weiter in Gebrauch, weiß Susanne Jacquemar, Fachbereichsleiterin der Bewohnervertretung im bundesweiten Vertretungsnetz, das von freiheitsentziehenden Maßnahmen informiert werden muss. Überall sonst verzichtet man auf die "psychiatrischen Notfallbetten": etwa in Niederösterreich, wie Rainer Gross, Leiter der Sozialpsychiatrie Hollabrunn, betont.

Die Netzbettverwendung in Wien sei eine "rein medizinische Entscheidung", heißt es beim Wiener Krankenanstaltenverbund. In einer offenen Psychiatrie seien "Notfallbetten" in Krisenfällen das "gelindeste Mittel", erklärt Peter Fischer, Vorstand der psychiatrischen Abteilung im Wiener Donauspital.

Selten gebraucht

Und, so Fischer, sie kämen auch in Wien nur selten zum Einsatz, wo es im Unterschied zu anderen Bundesländern keine versperrten Psychiatrie-Eingangstüren gebe: 2012 habe man sie etwa in der Donaustädter 80-Betten-Abteilung bei 24 Personen verwenden müssen, die zwischen mehreren Stunden und, in einem Fall, länger als einen Tag hinter Netzen gelegen seien.

Fürs "Notfallbett" und gegen Gurtenfixierung sprechen sich laut Fischer in Verfahren nach dem Unterbringungsgesetz auch die Bezirksgerichte aus. Jacquemar bestätigt das: Laut den Gerichten fehlten die Alternativen, dabei seien sowohl Netzbetten als auch Gurten bei der Vierpunktfixierung "massive Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte".

Besser, so Jacquemar, wären "menschliche Aufmerksamkeit und Zuwendung, unterstützt durch elektronische Sensorsysteme". Dazu jedoch brauche es in Krisen "einen Betreuer-Patienten-Schlüssel von eins zu eins", weiß der Wiener Universitätsprofessor für Psychiatrie, Kenneth Thau, der 2009 eine Tagung über freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Psychiatrie organisiert hat.

Solch großzügige Personalausstattung habe es in keiner der besuchten Psychiatrien gegeben, schildert der Menschenrechtsexperte Manfred Nowak, der eine weitere Kommission leitet. Seine Beobachtung: "Personalmangel korreliert hier mit mehr Freiheitsentzug". (Jutta Berger/Irene Brickner, DER STANDARD, 22.4.2013)

  • Vom Europarat geächtet, in der offenen Psychiatrie in Wien weiter in Verwendung: das "psychiatrische Notfallbett".
    foto: standard/hendrich

    Vom Europarat geächtet, in der offenen Psychiatrie in Wien weiter in Verwendung: das "psychiatrische Notfallbett".

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