Risiko und Rendite: Fonds für sanfte Bullen

21. April 2013, 17:02
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Produkte, die nach dem Low-Volatility-Konzept veranlagen, versprechen höhere Rendite bei weniger Risiko

Risiko und Rendite sind die beiden Säulen der modernen Finanztheorie. Wer das eine will (Rendite), muss das andere eingehen (Risiko). Doch diese eherne Regeln wackelt. Immer mehr Fondsgesellschaften bieten Produkte an, die mit dem Hinweis "Low Volatility", "MinRisk" oder "Minimum Varianz" versehen werden.

Diese Produkte setzen auf die gut dokumentierte Anomalität des geringen Risikos (Wikipedia). Denn Aktien mit geringer Schwankung, gemessen an der Volatilität, haben in der Vergangenheit deutlich höhere Renditen erwirtschaftet als hoch riskante Papiere. "Es gibt einen negativen Zusammenhang zwischen Risiko und Ertrag. Die Theorie funktioniert also in der Praxis nicht", sagt Thomas Brose vom deutschen Asset Manager Quoniam.

Warum das so ist, darüber wird noch gestritten: Manche Experten vermuten, dass stark volatile Aktien gerade deswegen so schwach abschneiden, weil viele "Spieler" diese Papiere halten. Sie brauchen die Volatilität für den Nervenkitzel. Doch Nervenkitzel ist eben ein schlechter Ratgeber in Finanzfragen. So argumentiert etwa der US-Fondsmanager Eric Falkenstein, dass "Menschen manchmal eben risiko-verliebt sind und daher keine positiven Risikoprämien zu erwarten sind". Wer mehr Risiko eingeht, könnte daher durch die Finger schauen, wenn auch andere Anleger auf riskante Wertpapiere setzen und damit die Preise treiben.

Risikoscheue Anleger

Teilt man die Aktienmärkte in zehn Teile (Dezile), wird die Anomalie augenscheinlich. Die ruhigsten Aktien (links auf der Grafik), die die geringsten Schwankungen aufgewiesen haben, haben deutlich höhere Renditen erwirtschaftet als die volatilsten Aktien (rechts in der Grafik). Der Effekt ist in der Vergangenheit so stark gewesen, dass Quoniam-Experte Brose etwa rechnet, dass Anleger mit einem Drittel weniger Schwankung in Aktien investieren können, wenn sie auf die ruhigen Titel setzen - ohne auf Rendite zu verzichten. Eine Reihe von Fondsgesellschaften, von der britischen Schroders bis zur französischen BNP Paribas, bieten mittlerweile für Aktienmandate Low-Volatility-Alternativen an.

Das Interesse der Investoren, die in den vergangenen Monaten mehrere Milliarden Euro in die Strategien veranlagt haben, ist auch ein Zeichen dafür, dass viele immer noch defensiv investieren wollen. Solidere Aktien wie aus dem Konsumgüterbereich sind daher beliebter als zyklische Werte oder Bankpapiere.

Doch nicht nur die aktive Fondsbranche setzt mittlerweile auf den Trend, dass sichere Aktien tendenziell mehr Ertrag liefern. Eine Reihe von ETF-Anbietern ist in den vergangenen Monaten mit Gründungen auf den Markt gekommen. Doch dabei zeigt ein Vergleich der Fondsanalysten von Morningstar, dass es auch bei Minimum-Varianz-Fonds Fallstricke gibt. Denn die Indexkonstruktion ist höchst unterschiedlich. Ein ETF etwa hat 16 Prozent in Technologieaktien investiert, ein anderer nur drei Prozent. Morningstar-Analyst Gordon Rose empfiehlt daher: "Minimum Varianz erfordert maximale Sorgfalt."

Im Grunde machen Low-Volatility-Strategien viel Sinn. Sie stützen sich auf eine Anomalie auf den Finanzmärkten, die gut dokumentiert ist und bereits lange Bestand hat. Doch das könnte sich genauso als Makel entpuppen. Denn wenn erst einmal immer mehr Investoren (auch auf der institutionellen Seite) auf diese Strategie aufspringen, könnte die Anomalie verschwinden. Dann erfreuen sich Anleger mit weniger Risiko nicht länger eines Mehr an Rendite. (Lukas Sustala, derStandard.at, 21.4.2013)

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    foto: quoniam
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