Boston: Verdächtigem droht Terroranklage

21. April 2013, 14:45
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Polizei rechnet mit keinen weiteren Komplizen - Verhafteter Dschochar Zarnajew soll wegen Terrorismus angeklagt werden - Gab nach Flucht auf und wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht

Boston/Washington - Tag 1 nach der Festnahme des mutmaßlichen Bombenlegers von Boston. Dschochar Zarnajew hatte sich am Freitag (Ortszeit) verletzt in einem Garten in einem abgedeckten Boot versteckt. Er wurde in der Nacht auf Samstag im Bostoner Vorort Watertown nach einer Großeinsatz der Polizei gestellt und schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht.

US-Medienberichten zufolge bereitete das US-Justizministerium am Samstag gegen den 19-Jährigen eine Anklage wegen Terrorismus vor. Außerdem könnte der junge Mann vom US-Staat Massachusetts wegen Mordes angeklagt werden. Welche Höchststrafe Dschochar droht, hängt davon ab, ob er nach Landes- oder Bundesrecht angeklagt wird: Massachusetts kennt keine Todesstrafe, die USA als Bundesstaat aber schon.

Die Anklageerhebung könnte eingeleitet werden, noch bevor Zarnajew aus dem Krankenhaus entlassen wird. Den Angaben zufolge befinden sich Staatsanwälte in der Klinik im Bostoner Vorort Cambridge, in dem der Verdächtige behandelt wird. Er konnte bislang nicht vernommen werden. Bei einer Schießerei mit der Polizei war er in den Hals getroffen und an der Zunge verletzt worden, wie eine mit den Ermittlungen vertraute Person sagte. Es sei unklar, wann er wieder sprechen könne. Sein älterer Bruder und mutmaßlicher Komplize Tamerlan (26) war zuvor auf der Flucht von der Polizei getötet worden. Über das Motiv der Brüder wird gerätselt.

Brüder handelten alleine

Der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, äußerte sich überzeugt, dass die beiden Brüder Zarnajew allein gehandelt haben. "Nach dem, was wir wissen, waren sie allein." Deveau gab am Samstag zugleich Details zur Festnahme bekannt. Der 19-Jährige habe nach langer Verfolgung letztlich aufgegeben. "Schließlich tat er, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch", sagte Deveau in einem Interview des TV-Senders CNN. Die Polizei wollte so sehen, ob der Verdächtige Sprengstoff bei sich trug. Deveau sprach von "20 Minuten Verhandlungen" mit dem Schwerverletzten. Er räumte allerdings ein, dass Zarnajew dabei "nicht viel gesagt" habe. Er habe aber noch um sich geschossen.

Die Behörden kamen Dschochar A. Zarnajew durch den Hinweis eines Hausbesitzers auf die Spur. Er inspizierte laut Polizeiangaben am Abend nach Aufhebung einer Ausgangssperre, die im Zuge der Fahndung verhängt worden war, sein Motorboot, das auf seinem Grundstück abgestellt war. Der Mann sah den Angaben zufolge Blutspuren auf der Abdeckplane, hob diese hoch und entdeckte darunter einen blutverschmierten Körper. Daraufhin wählte er den Polizeinotruf.

Das Haus neben dem Dschochar Zarnajew gestellt wurde:


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Die Polizei setzte zunächst einen Hubschrauber mit einer Vorrichtung zum Aufspüren von Hitzeausstrahlung ein und stellten dadurch fest, dass die Person im Boot am Leben sei. Danach wurden  Spezialeinsatzkräfte an den Ort geschickt. Sie versuchten den Verdächtigen anzusprechen, aber er reagierte nicht.

Großfahndung in Boston: Interaktive Karte

Der Festnahme vorausgegangen war eine bisher nie dagewesene US-Fahndung. Nachdem bei der Polizei Meldung über Schüsse an der Universität MIT eingingen, lieferte sich die Polizei in der Nacht auf Freitag eine dramatische Verfolgungsjagd. Ein Polizist sowie einer der beiden Tatverdächtigen , der wenig später als Tamerlan Zarnajew identifiziert wurde, wurden getötet. Sein jüngerer Bruder Dschochar dürfte bei dem Feuergefecht angeschossen worden sein.

Daraufhin durchkämmten tausende Polizisten den ganzen Freitag Watertown, einen Vorort von Boston. Der Nahverkehr im Großraum Boston wurde gestoppt, die Straßen in und nach Watertown abgeriegelt. Auch der Luftraum über dem Nordwesten der Region Boston wurde von der US-Luftfahrtbehörde FAA gesperrt. Die Maßnahme sollte den Sicherheitskräften uneingeschränkte Bewegungsfreiheit bei der Fahndung nach dem Tatverdächtigen verschaffen. Die Bürger Bostons wurden zudem aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen und die Türen verschlossen zu halten. Auf den Straßen waren schwerbewaffnete Polizisten zu sehen, die die Gegend durchkämmten.

Motiv noch unklar

Die beiden jungen Männer sind nach bisherigen Erkenntnissen tschetschenischer Herkunft, lebten mit ihren Familie aber bereits seit 2002 in den USA, wo sie Asyl erhielten. Die Eltern äußerten sich am Freitag empört über die Vorwürfe gegen ihre Söhne. Die beiden mutmaßlichen Täter seien Opfer der US-Polizei, die ihnen gezielt etwas anhänge, was sie nicht getan hätten, sagten sie im US-Fernsehen.

Über die Motive der beiden ist bisher noch nichts bekannt. Klar ist nur, dass der ältere der beiden Brüder bereits 2011 ins Visier des FBI geraten ist. Nach einer Anfrage einer ausländischen Regierung wurde Tamerlan Zarnajew von der US-Bundespolizei befragt. Laut FBI ergaben die Befragung von Zarnajew und dessen Familie sowie die Überprüfung von Reisedokumenten, Internetverkehr und persönlichen Kontakten damals allerdings keine Anzeichen einer "terroristischen Aktivität".

Obama kündigt lückenlose Aufklärung an

Obama lobte in einer kurzen Rede im Weißen Haus die Tapferkeit und Professionalität der Sicherheitsbehörden. "Sie haben so gearbeitet, wie sie sollten, als ein Team", sagte der Präsident. Der Fahndungserfolg schließe "nach fünf langen Tagen" ein wichtiges Kapitel dieses schlimmen Ereignisses. Obama kündigte zugleich eine lückenlose Aufklärung des Falles an. Es gebe viele ungeklärte Fragen.

Rechte noch nicht verlesen

Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, sagte laut "Boston Globe", er hoffe stark, dass Zarnajew überlebe. "Ich habe viele Fragen an ihn." Das Krankenhaus, in dem er liege, werde schwer bewacht. Weiter hieß es, die Polizei habe dem Festgenommenen bisher nicht seine Rechte verlesen. Dies ist in besonderen Fällen möglich, jedoch umstritten.

Die republikanischen Senatoren John McCain und Lindsay Graham forderten, Dschochar Zarnajew als "feindlichen Kämpfer" einzustufen. Damit hätte der Verdächtige den gleichen Status wie die Terrorverdächtigen, die in dem umstrittenen US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba inhaftiert sind.  (red/APA/Reuters, derStandard.at, 20.4.2012)

  • Ermittler untersuchen das Boot,...
    foto: ap photo/katie zezima

    Ermittler untersuchen das Boot,...

  • ...auf dem sich Dschochar Zarnajew in der Nacht zuvor versteckte. (Foto: Wärmebildaufnahmen der Polizei, die den Tatverdächtigen zeigen)
    foto: reuters/massachusetts state police

    ...auf dem sich Dschochar Zarnajew in der Nacht zuvor versteckte. (Foto: Wärmebildaufnahmen der Polizei, die den Tatverdächtigen zeigen)

  • Das FBI hat ein Bild von Dschochar A. Zarnajew veröffentlicht. Er wurde im Bostoner Vorort Watertown festgenommen.
    foto: ap

    Das FBI hat ein Bild von Dschochar A. Zarnajew veröffentlicht. Er wurde im Bostoner Vorort Watertown festgenommen.

  • Jubel auf den Straßen...
    foto: reuters/shannon stapleton

    Jubel auf den Straßen...

  • ...und Erleichterung bei der Polizei, nachdem der mutmaßliche Attentäter von Boston gefasst wurde.
    foto: ap photo/craig ruttle

    ...und Erleichterung bei der Polizei, nachdem der mutmaßliche Attentäter von Boston gefasst wurde.

  • Artikelbild
    grafik: apa
  • Ein großes Polizei-Aufgebot war auf der Suche nach Dschochar A. Zarnajew.
    foto: ap/krupa

    Ein großes Polizei-Aufgebot war auf der Suche nach Dschochar A. Zarnajew.

  • Dschochar A. Zarnajew (links) und sein mittlerweile toter Bruder Tamerlan Zarnajew beim Bostoner Marathon.
    foto: epa/fbi

    Dschochar A. Zarnajew (links) und sein mittlerweile toter Bruder Tamerlan Zarnajew beim Bostoner Marathon.

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