Der dramatischste Einschnitt in der Geschichte der Antarktis

20. April 2013, 17:58
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Als die Vereisung des Kontinents einsetzte, wurden die marinen Ökosysteme völlig umgekrempelt - ein möglicher Entwicklungsschub für Wale und Pinguine

Bremen - Anfang 2010 gewann eine Expedition des Integrierten Ozean-Bohrprogramms (IODP)  Sedimentkerne vor der Küste des antarktischen Wilkes-Lands, das etwa 3.500 Kilometer südlich von Australien liegt. Die Meeresablagerungen spiegeln die Klima- und Umweltgeschichte der Region während der vergangenen rund 53 Millionen Jahre wider, wie das Bremer Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) berichtet.

Darin ist auch jener Zeitabschnitt enthalten, der den dramatischsten Einschnitt in der Geschichte der Antartkis bildet: Vor etwa 33,5 Millionen Jahren setzte die Vereisung des Kontinents ein. Als Teil des Superkontinents Gondwana hatte Antarktika während des Erdmittelalters subtropische Bedingungen geboten. Diese hielten sich noch lange bis in die Erdneuzeit hinein, als Gondwana längst begonnen hatte zu zerfallen. Als sich mit Australien und Südamerika die letzten früheren Teilkontinente Gondwanas von Antarktika lösten, konnte sich der Ozean um Antarktika schließen. Die Bildung des kalten Zirkumpolarstroms ließ die Temperaturen in der Antarktis stark sinken und sorgt bis heute dafür, dass der südlichste Kontinent vereist ist.

Große Veränderungen

Die nun in "Science" veröffentlichte Studie belegt die weitreichende Folgen, die dieser Prozess für das Meeresökosystem mit sich brachte. Um die Umweltgeschichte der Küstengewässer vor dem Wilkes-Land zu rekonstruieren, nahmen die Forscher insbesondere einzellige Dinoflagellaten unter die Lupe, deren Reste in den erbohrten Sedimenten abgelagert worden waren. Als die Antarktis noch subtropisch und eisfrei war, lebten in den angrenzenden Meeresregionen viele Wärme liebende Dinoflagellaten. Durch die Abkühlung ging es mit der Artenvielfalt rapide bergab. Anstelle vieler Wärme liebenden Dinoflagellaten dominierten innerhalb kurzer Zeit wenige Arten, die auch heute noch im Ökosystem Meereis vorkommen.

Aber nicht nur Winzlinge waren von der Veränderung betroffen. Das IODP-Expeditions-Team vermutet, dass diese Entwicklung entscheidenden Einfluss auf die Evolution verschiedener Tiergrupen in den antarktischen Gewässern hatte - und nicht immer nur negativen. Das sich vor 33,5 Millionen Jahren bildende Meereis verkürzte und intensivierte den Lebenszyklus der Algen. Die Auswirkungen auf die Nahrungskette zogen sich bis zu den Großtieren hin.

"Daher glauben wir, dass es kein Zufall ist, dass die Evolution von Walen und Pinguinen gerade mit der Entwicklung des antarktischen Meereises in Schwung kam", sagt Studien-Erstautor Sander Houben. So gesehen belegt die "Science"-Studie, wie große Klimaveränderungen mit relativ raschen biologischen Entwicklungen Hand in Hand gehen. (red, derStandard.at, 20. 4. 2013)

 

  • Winziger Zeuge der Erdgeschichte: Eine 100 Mikrometer kleine Dinoflagellatenzyste, wie sie eine Forschungsexpedition aus 33 Millionen Jahre alten Sedimentproben gewann.
    foto: sander houben, universität utrecht

    Winziger Zeuge der Erdgeschichte: Eine 100 Mikrometer kleine Dinoflagellatenzyste, wie sie eine Forschungsexpedition aus 33 Millionen Jahre alten Sedimentproben gewann.

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