"In Lebensgefahr": Angst vor Abschiebung nach Tschetschenien

19. April 2013, 18:54
299 Postings

Einer tschetschenischen Familie, die Opfer eines prominenten Kriegsverbrecherfalls ist, wird in Österreich kein Asyl gewährt

Wien - Auf die Frage, was geschehen würde, wenn sie und ihre Familie nach Tschetschenien zurückmüssten, antwortet Aschar S., ohne zu zögern. "Wir wären in Lebensgefahr."

Die österreichischen Asylbehörden glauben das nicht. Für sie ist das Vorbringen der 43-Jährigen, ihres Mannes Adam K. (41) und der fünf Kinder unglaubwürdig. Nach dem rechtskräftigen Nein zu internationalem Schutz fruchtete auch ein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens beim Asylgerichtshof nicht - und zuletzt lehnte auch der Verfassungsgerichtshof die Beschäftigung mit dem Fall ab.

Abschiebung der Familie in Vorbereitung

Derzeit bereitet die Wiener Fremdenpolizei die Abschiebung der Familie vor. Nur der Umstand, dass Adam K. und seine Frau schwer traumatisiert sind, was per Gutachten bestätigt wird, hat den Abtransport bisher verhindert.

Dabei hängt der Fall K./S. eng mit einem der bekanntesten Kriegsverbrechen der jüngsten Tschetschenienkriege zusammen: der Entführung, Vergewaltigung und Tötung einer 17-Jährigen durch den russischen Oberst Juri Budanow im Jahr 2000. Das Mädchen war eine Nichte Adam K.'s. Laut der Journalistin und Russland-Kennerin Susanne Scholl bedeutet das, dass "die gesamte Familie K./S. in die Affäre involviert und damit auch gefährdet ist". Dass in einem solchen Fall in Österreich kein Asyl gewährt wird, ist Scholl unverständlich.

Der Fall Budanow

Der Fall Budanow war von der - 2006 ebenfalls ermordeten - russischen Journalistin Anna Politkowskaja an die Öffentlichkeit gebracht worden. Politkowskaja und andere erreichten, dass der hohe Militär als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt wurde.

2003 wurde Budanow zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sechs davon saß er ab. Seine vorzeitige Entlassung im Jahr 2009 wurde unter anderem vom russischen Anwalt - und Rechtsvertreter der Familie K./S. -, Stanislaw Markelow, kritisiert. Nach einer Pressekonferenz zum Thema feuerten Unbekannte tödliche Schüsse auf den Juristen ab.

Doch auch Budanow selbst überlebte seine Freilassung nur zwei Jahre. Im Juni 2011 wurde er in Moskau auf offener Straße erschossen - und der russische Geheimdienst begann, die Verwandten seines früheren Opfers heimzusuchen.

Antrag auf Duldung eingebracht

Dreimal, erzählt Aschar S., seien Agenten im September 2011 in ihr Haus im tschetschenischen Dorf Tangi Tschu eingedrungen, hätten Türen und Fenster eingeschlagen und Drohungen ausgestoßen. "Beim vierten Mal hätten sie meinen Mann mitgenommen, wir wurden kurz davor gewarnt".

Ihre Flucht führte die siebenköpfige Familie nach Österreich, wo sie im September 2011 Asylanträge stellte. Die Verbindung zum Fall Budanow sei von Anfang an aktenkundig gewesen, erläutert die zuständige Rechtsvertreterin der Caritas. Sie hat für die Familie einen Antrag auf Duldung eingebracht. Eine andere Chance, um die Abschiebung aufzuschieben, gebe es derzeit nicht. (Irene Brickner, DER STANDARD, 20./21.4.2013)

  • Kann derzeit im besten Fall auf eine vorübergehende Duldung hoffen: Familie K./S.
    foto: der standard/christian fischer

    Kann derzeit im besten Fall auf eine vorübergehende Duldung hoffen: Familie K./S.

Share if you care.