Welt für Sparer gerade sehr deprimierend

Interview19. April 2013, 19:21
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Standard: Sie forschen zum Thema Finanzwissen. Was weiß Otto Normalverbraucher von Finanzprodukten?

Mitchell: Leider wenig. Wir haben weltweit Studien gemacht und festgestellt, dass das Ausmaß des finanziellen Analphabetismus enorm groß ist. Selbst einfache Fragen zur Zinseszinsrechnung werden von von fast jedem Zweiten falsch beantwortet. Auch die grundlegenden Vorteile der Diversifikation, dass es weniger riskant ist, einen Fonds mit vielen Einzelaktien anstatt nur eine Aktie zu halten, werden kaum verstanden.

Standard: Bei wem sind denn die Lücken besonders gravierend?

Mitchell: Es hat mich geschockt, dass auch die Gruppe der 50-Jährigen massiv unterinformiert ist. Denn die mussten schon ihr ganzes Leben lang Entscheidungen in Finanzfragen treffen. Die Bildungslücken sind einer der wesentlichen Gründe, warum die Leute in der Finanzkrise in solche Schwierigkeiten gekommen sind.

Standard: Könnte Bildung in Finanzfragen Krisen verhindern?

Mitchell: Sie hätte eine enorme Wirkung, vor allem aber für den Einzelnen. Das zeigen uns Studien aus den USA. In einigen Bundesstaaten sieht die Schulbildung Finanzkurse vor. Wir konnten uns daher ansehen, wie sich die jungen Menschen zwischen 20 und 35 wirtschaftlich getan haben und ob sich ihr Sparverhalten unterscheidet. Tatsächlich haben jene, die in der Schule verpflichtende Kurse in Finanzbildung hatten, mehr gespart und ihre Finanzen besser im Griff gehabt.

Standard: Ein Problem vor der Krise waren ja die hohen Schulden.

Mitchell: Vor der Finanzkrise kamen viele Dinge zusammen: Gier, Betrug und eine fehlgeleitete Politik. Die Politik war zu sehr darauf ausgerichtet, die Menschen zu Immobilieneigentümern zu machen, auch wenn das finanziell nicht vernünftig war. Daran hat sich nicht viel geändert. Der Immobilienmarkt in den USA heizt sich heute wieder auf, und es fragt sich, ob wir auf dem Weg zur nächsten Immobilienkrise sind. Man bekommt wieder Hypotheken ohne Eigenmittel.

Standard: Nicht nur in den USA steigen die Immobilienpreise, auch in Deutschland oder Österreich.

Mitchell: Die meisten Menschen denken, dass ihr Haus immer ein solides Investment ist. Es ist schließlich aus Ziegeln und Mörtel und bietet damit wohl etwas Inflationsschutz. Doch es ist auch das perfekte Beispiel für einen Mangel an Risikostreuung. Viele haben nur einen Vermögenswert, das Haus oder die Wohnung. Man braucht aber einen Mix an Vermögenswerten, mit Aktien und Anleihen. Das müsste man in jedem Finanzkurs lernen.

Standard: Wann sollte man mit der Bildung beginnen?

Mitchell: Idealerweise zu Hause. Ich hatte daheim eine Tabelle, die wir die "Bank of Mum" genannt haben. Da sollten sich die Kinder einen Überblick verschaffen, was ihre Ausgaben und Einnahmen betrifft. Aber weil viele Eltern selbst nicht die Zeit oder das Wissen haben, ist es wichtig, dass die Schulen eine prominente Rolle spielen. Finanzbildung ist eine Investition. Man muss Zeit und Geld investieren, um die Begriffe zu verstehen, und dafür gibt es einen Ertrag. Denn die Bildung hat einen enormen Einfluss auf die langfristige Vermögensungleichheit.

Standard: Hohe Gebühren bei Finanzprodukten gelten als größte Hürde für den langfristigen Investmenterfolg. Sind teure Finanzprodukte gerade jetzt, im Umfeld niedriger Zinsen, zu vermeiden?

Mitchell: Die Welt ist für Sparer gerade sehr deprimierend. Die extrem niedrigen langfristigen Zinsen transferieren viel Wohlstand von den Pensionisten zu den Staaten. Man muss sich daher früher und intensiver mit der Vorsorge beschäftigen. Das Problem ist, dass die Menschen Prozente nicht intuitiv verstehen. Wenn ich jemandem erzähle, die Gebühr eines Fonds ist zwei Prozent, dann ist die Antwort: "Das ist ja nichts." Man muss Anlegern aber zeigen, wie viel Euros oder Dollars sie absolut über eine lange Zeit verlieren, wenn sie teure Finanzprodukte kaufen. Wer finanziell gebildet ist, kann Gebühren besser verstehen und vermeiden. (Lukas Sustala, DER STANDARD; 20.4.2013)

Olivia Mitchell ist Professorin für Versicherung und Risikomanagement an der Wharton School der Universität von Pennsylvania. Die renommierte Forscherin ist Direktorin des Gremiums für Pensionsforschung. Sie war auf Einladung des Gutmann Center der Wirtschaftsuniversität in Wien.

  • Olivia Mitchell warnt vor Wissenslücken in Finanzfragen.
    foto: standard/university of pennsylvania

    Olivia Mitchell warnt vor Wissenslücken in Finanzfragen.

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