Der Sogcharakter des Buches

19. April 2013, 19:58
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Als besondere Objekte können Bücher gegen die Elektronik überleben. In Kürze werden die schönsten des Jahres 2012 vorgestellt

"The Great Gatsby", "Gatsby Le Magnifique", "Veliki Getsbi" ...: Der große Roman von F. Scott Fitzgerald erschien seit 1922 in vielen Sprachen und unzähligen Ausgaben, und jede Ausgabe erzählt auf dem Cover eine eigene Geschichte. Einmal steht der Titelheld im Vordergrund, als dramatische Zeichnung oder im Schattenriss, ein andermal der Autor. Hier wird Magritte bemüht, dort das Bild einer Luxuslimousine. In Rumänien begrüßen abstrahierte Herzmuster den Leser, in Serbien das Foto einer komplizierten Mechanik.

Der Fitzgerald-Biograf Matthew Bruccoli hatte sie alle gesammelt, die "New York Times" stellte vor kurzem eine Auswahl vor: Buchumschläge als Visitenkarten zur Lektüre. Sie vermitteln davon, was die Käufer erwartet, einen ersten Eindruck.

Es ist beileibe nicht der letzte. Neben (in diesem Fall) den vorgestellten Problemen eines reichen Mannes auf Long Island, also neben dem Inhalt, erwartet die Leser immer auch eine Form, ein Objekt, das mehr oder weniger lesbar ist, das sich angenehm anfühlt oder nicht, das ein ästhetisches Erlebnis vermitteln kann, noch bevor man die erste Zeile gelesen hat.

Argumente für den kulturellen Wert von Büchern gibt es, seit Gutenberg erstmals eines gedruckt und im Übrigen auch selbst gestaltet hat. Dass sie mehr sind als nur zufällige Transporteure von Buchstaben, das gehört zum Bildungskanon – erst recht, seit sie das Monopol auf diese Funktion zu verlieren drohen, also seit dem Vormarsch digitaler Lesemittel.

Die Veränderungen sind gravierend. Sie führen bei Teilen der Branche dazu, dass immer billiger produziert wird – möglichst gleich als Paperback, gedruckt irgendwo auf der Welt, wo's gerade am günstigsten ist, Grafik vom Fließband, Papierqualität sowieso. Trotzdem (oder gerade deswegen?) geht es der Branche immer schlechter. Die Margen sinken, Verlage sperren zu, andere gehen in den  E-Book-Sektor und konkurrenzieren mit Silicon-Konzernen.

Dem stehen da und dort und vielleicht sogar in wachsendem Maß Produzenten gegenüber, die umso mehr auf das Besondere des  gedruckten Wortes Wert legen.  Nischen vielleicht, aber von der spannenden Sorte. Das Buch werde als Medium prekär, sagte Judith Schalansky in einem Gespräch in der "FAZ", "aber das ist ja gerade hochinteressant. In diesem Moment muss sich das Buch neu erfinden." Schalansky aus Berlin gehört zu den Miterfindern, zweimal hat sie den Preis für das "schönste deutsche Buch des Jahres" gewonnen (und beide Male es auch selbst geschrieben).

So wie sie findet der Göttinger Verleger Gerhard Steidl, dass die Ausstattung eines Buches den Lektüreeffekt verändert. Sogar der Geruchssinn spiele mit, meinte er vor kurzem in der Presse, "mit hochwertigen Papieren und Druckfarben aus regenerativen Ölen" lasse sich der "Triumph der Haptik und des angenehmen Geruchs voll ausspielen".

Einigung durch Crowdsourcing

So weit ist die Jury, die im vergangenen Jänner die 15 schönsten österreichischen Bücher 2012 gekürt hat, selten in ihren Beurteilungen gegangen. Der Hauptverband des Buchhandels schreibt den Bewerb alljährlich aus. Verlage von Büchern, die zum überwiegenden Teil im Inland produziert wurden, können gegen eine Nenngebühr von 90 Euro ihre Kandidaten einschicken. Eine Vorjurierung filtert mit Technik- und Praxiskriterien von den unzähligen Anwärtern rund 50 aus. Die kommen in die Endausscheidung.

Der Jury gehören Grafiker und Verleger an, Typografen und der Leiter des Salons für Kunstbuch. Als Gastjurorin kam Andrea Tinnes von der Kunst- und Designuniversität in Saale angereist, und auch der Autor dieses Textes war dabei, als Vertreter der Medien und als Endverbraucher.

50 Bücher vernebeln einem das Beurteilungsvermögen vielleicht weniger als 50 Rotweine, dennoch  kostet es einige Anstrengung, nach mehreren Durchgängen zwischen womöglich durchaus ähnlichen Kunstkatalogen oder feinen Poesiebänden noch zu differenzieren.

Die Entscheidungen fielen, als man aus den zahlreichen Beurteilungen der jeweiligen Profis ihrer Zunft (Crowdsourcing?) ein alle befriedigendes Resümee ziehen konnte.

In dem war dann zum Beispiel zu lesen, dass das Buch "Bergtee", aus der oft überkandidelten Kulinarik-Sparte, gestalterisch gerade nicht übertrieben ist, sondern klare und benutzerfreundliche Typografie, Satz und Druck hat.

Oder dass "Vivaldis letzter Sommer" ein geschlossenes Kunstwerk ergibt, dessen origineller Umgang mit den historischen Elementen einen besonderen Sogcharakter entwickelt.

Oder dass der starke Umschlagkarton den "Roman eines geborenen Verbrechers" wie Gefängnismauern zusammenhält und dass sich darin Siebdrucke, dezente Farbgebung und wie von Hand gezeichnete Unterstreichungen ausbreiten können.

Oder dass der luxuriöse Einstieg in den "Blanc de Titre" / "Blank of Title" eine Slow Motion der besonderen Art bildet und in eine auf- und abschwellende Präsentation mündet, die unsere visuellen Wahrnehmungen subtil herausfordert (siehe die Bilder links).

Diese und elf weitere Bücher werden kommenden Montag offiziell vorgestellt. Bei der Gelegenheit wird auch bekannt, welche von ihnen die drei Staatspreise des Unterrichtsministeriums bekommen, als Gütesiegel und erhoffte Verkaufshilfe.

Heureka-Momente

Buchgestaltung unterliegt Entwicklungen und Trends, und wer kreativ Hand anlegt, kann sowohl bei den modernsten Unternehmen als auch bei traditionellen Betrieben fündig werden, die noch bestimmte Künste des Prägedrucks oder der Leinenbindung beherrschen – ja, auch das Aufspüren eines ganz besonderen Stoffs gehört zu den Heureka-Momenten dieser Buchliebhaber.

Was noch vor wenigen Jahren großes Erstaunen erregt hat – Fotoprachtbände etwa –, hat es heute viel schwerer, in die Spitzenkategorie vorzudringen: "Schon wieder so ein Riesenkatalog", war mehrmals der Jury-Kommentar  zu Büchern, die dann wegen  routinemäßiger Typografie oder schlampigen Satzes ausgeschieden  wurden.

Große Verlage leisten sich die Nenngebühr vielfach und sollten es dadurch leichter haben, vorne zu landen. Das geschah auch gelegentlich in vergangenen Jahren. Garantie ist es keine. Es mag mit dem Aufkommen engagierter Bibliophiler zu tun haben, dass sich diesmal auch exzentrische, liebevolle Kleinproduktionen behaupten konnten.

Keine gesonderte Kategorie, aber eine besondere Herausforderung waren die Kinderbücher in der Endauswahl. In der Jury schieden sich die Geister, ob man eher erwachsene oder vermutete kindliche Kriterien anlegen sollte. Letztlich konnte sich zwar keiner der Bände zu den oberen 15 durchringen. Jedoch verwendeten die Juroren – österreichische  Lösung – die Kategorie "Lobende Erwähnung" dafür, wenigstens die Zugvögel doch noch zu den Auszeichnungen fliegen zu lassen.

An diesen Büchern werden also kleine Auszeichnungen haften. Wer ein Gespür für sie hat, wird sie schätzen, sie werden mit einem altern, man wird ihnen den Gebrauch anmerken.

Ein Nachteil? Von wegen. Bei  E-Books wird bereits daran gearbeitet, wie man sie gelesen aussehen lassen kann.   (Michael Freund, Album, DER STANDARD, 20./21.4.2013)

Die schönsten Bücher Österreichs werden am kommenden Montag, 22. April, vorgestellt, ebenfalls die drei Staatspreisträger  unter ihnen. Siehe ab 23. April:  www.schoenstebuecher.at

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