Karl Marx im Kontext seiner Zeit

19. April 2013, 18:48
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Kein rundum neuer Marx, aber einer, dessen Leben und Werk präziser dargestellt wird als zuvor: Jonathan Sperbers brillante Biografie

Wenn zu Marx' 130. Todestag (am 14. März) eine rund sechshundert Seiten starke Biografie erscheint, kann man sich schon fragen, ob das sinnvoll ist und ob es zu Marx noch so viel zu sagen gibt – immerhin liegen gute neuere Biografien von David McLellan und Francis Wheen vor, die so wenig veraltet sind wie ältere Standardwerke. Die Biografie des US-Historikers Jonathan Sperber zerstreut solche Zweifel gründlich. Und das hat mehrere gute Gründe.

Sperber will Marx nicht als Erfinder des Marxismus nahebringen, sondern stellt dessen Leben und Werk in den historischen Kontext. Durch diese Historisierung erscheint Marx in dem Zusammenhang, in dem er wirklich stand und nicht in dem Kontext, den ihm spätere Generationen zuwiesen. Historisch-politisch gesehen, war Marx ein Zeitgenosse der Französischen Revolution und ihrem Abschluss durch Napoleon. Als Theoretiker prägten ihn Hegel und die klassische Nationalökonomie von Smith bis Ricardo, aber auch die modernen Naturwissenschaften. Zur konsequenten Historisierung gehört auch, dass sich Sperber mit der fast unüberschaubaren Zahl von Marx-Interpretationen in der Sekundärliteratur nur so weit auseinandersetzt, wie es unumgänglich ist.

Natürlich wäre die Erwartung überzogen, Sperber präsentierte einen rundum neuen Marx. Aber weil er sich eng an Marx' Schriften und Briefe hält, kann er Leben und Werk präziser darstellen als seine Vorgänger. Sperbers Hauptquelle ist das mit 57 Bänden knapp in der Mitte angelangte, "gewaltige Projekt" (Sperber) der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) mit ihren Text- und Kommentarbänden, die eine Fundgrube darstellen und viele Details genauer dokumentieren als bisherige Werkausgaben. Sperber gliedert seine Biografie nach den Funktionen bzw. Tätigkeiten, die Marx als Redakteur, Revolutionär und Theoretiker ausübte, zeigt aber auch die private Seite des Emigranten, Beobachters, Ehemanns, Familienvaters und Veteranen.

Erst durch die MEGA-Bände, auf die sich Sperber stützt, gewinnt Marx' frühe Tätigkeit als Redakteur der "Rheinischen Zeitung" ein klareres Profil. Marx vertrat keine "communistischen Ideen" zwischen Oktober 1842 und dem Verbot der "Rheinischen Zeitung" ein halbes Jahr später, sondern suchte die Nähe zur liberalen Kölner Mittel- und Oberschicht, die ihm mit 1.000 Talern einen Studienaufenthalt in Paris finanzierte. Auf die Denunziation durch den preußischen Botschafter wurde Marx aus Paris ausgewiesen. Im dreijährigen Exil in Brüssel kam Marx über Moses Heß, Joseph Moll, Karl Schapper und dem "Bund der Gerechten" in näheren Kontakt mit kommunistischen und sozialistischen Ideen.

In dieser Zeit begann er mit dem Studium der politischen Ökonomie, aber das Werk, das er sich vornahm zu schreiben, wurde nie fertig. Vielmehr häufte Marx in den folgenden 40 Jahren einen riesigen Berg an Exzerpten, Entwürfen und fragmentarischen Manuskripten an, aus dem er nur zwei Texte selbst zum Druck freigab:  Die Skizze "Zur Kritik politischen Ökonomie" (1859) und der erste Band des "Kapital" (1867). In der MEGA umfassen die Manuskripte 15 Bände in 22 Teilbänden mit etwa 12.000 Seiten. Die Vorstellung von einem vollendeten Hauptwerk "Kapital" geht auf Engels zurück und wurde später von Marxisten-Leninisten als politisches Dogma verkündet.

Tatsächlich gibt es kein Marx'sches Hauptwerk, sondern nur Ansätze dazu. Ähnlich verhält es sich mit der "Deutschen Ideologie", die erst in den 1930er-Jahren  zur Grundlage des "historischen Materialismus" erklärt wurde. Es existiert kein Buchmanuskript mit dem Titel "Deutsche Ideologie". Nur im Titel eines Kapitels kommt das Wort vor. Das als "Deutsche Ideologie" bezeichnete Konglomerat diente der Selbstverständigung und der Abgrenzung Marx', Engels' und Moses Heß' von den Junghegelianern. Auf rund zwei Dritteln der mehr als 500 Manuskriptseiten beschäftigten sich die drei Autoren in polemischen "Wortklaubereien" (Franz Mehring) mit Max Stirner. Im politischen Handgemenge kritisierte Marx auch Ideen  anderer Autoren, denen er früher nahestand – etwa Feuerbachs Idee des "Gattungswesens".

In der Revolution von 1848/49 spielte Marx als Chefredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" eine bedeutende Rolle und vertrat einen "politischen Realismus" gegen radikale Träumer. Ab Juni 1848 hatte er mit 1500 Talern Jahresgehalt die "einträglichste Stellung" in seinem Leben  – doch nur für ein Jahr, denn danach musste der Staatenlose ins Exil nach London, in dem er sich und seine Familie nur mithilfe seines Freundes Engels über Wasser hielt. Im Haifischbecken des Exils, wo sich Polizeispitzel und Denunzianten tummelten, biss sich Marx durch und zog sich schließlich 1853 aus dem tagespolitischen Getümmel zurück. Er benützte seine enorme Arbeitskraft zum Studium der Ökonomie, das er jedoch nie zu einem befriedigenden Ende brachte – auch deshalb, weil er mit journalistischen Arbeiten seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht verdienen musste.

Publizistischen Erfolg erzielte Marx einzig mit seiner Schrift zum Staatsstreich Napoleons III. "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte" (1852/1865) und zur Pariser Kommune "Der Bürgerkrieg in Frankreich" – beides "literarische Meisterwerke" (Sperber) und herausragende Beispiele politischer Analyse.

Es ist das Verdienst von Sperbers Biografie, dass diese Marx als einen politischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts darstellt, der einerseits noch in der geschichtsphilosophischen Tradition Hegels stand und Wissenschaft als Kritik verstand, andererseits rühmte er den naturwissenschaftlich fundierten Positivismus als Fortschritt. – Ein glänzendes Buch.   (Rudolf Walther, Album, DER STANDARD, 20./21.4.2013)


Jonathan Sperber, "Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert". Aus dem Englischen von Thomas Atzert, Friedrich Griese und Karl Heinz Sieber, Euro 30,– / 634 Seiten. C.-H.-Beck-Verlag, München 2013

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    foto: c.-h.-beck-verlag
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