Heldinnen

21. April 2013, 18:00
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Nils Pickert geht in seiner neuen Kolumne der Frage nach, warum Männer eigentlich so selten weibliche Vorbilder haben

Nicht erst seit mein Jugendheld Lech Walesa sich von Homosexuellen verfolgt fühlt und damit selbst diskreditiert, frage ich mich, warum heterosexuelle Männer eigentlich so gut wie nie weibliche Vorbilder haben.  Oder erleben Sie das anders? Kennen Sie einen Mann, der eine Frau zum Vorbild hat – Künstlerin, Politikerin, Menschenrechtlerin, Forscherin? Ich nämlich auch nicht.

Vielleicht gibt es dafür ja gute Gründe. Ein Grund könnte zum Beispiel sein, dass Vorbildinnen einfach blöd klingt. Dann doch lieber Heldinnen. Trotz oder gerade wegen der immer noch andauernden Gleichsetzung des Heldenhaften mit dem Männlichen lohnt es sich, die bestehende weibliche Form des Wortes Held zu nutzen, um seine Hochachtung vor den phantastischen Leistungen auszudrücken, zu denen Frauen immer wieder im Stande sind.

Aber ein anderer Grund könnte auch darin bestehen, dass die Geschichte der Menschheit gar nicht so viele Heldinnen hervorgebracht hat. Alle größeren zivilisatorischen Errungenschaften sind doch wohl von Männern vollbracht worden, oder nicht? Wo sind denn all die Frauen, die etwas Herausragendes vollbracht haben und in welchen Büchern sind ihre Taten beschrieben?

Folgendem Zitat von Napoleon Bonaparte fehlt eigentlich nur ein winziges n, um zu verdeutlichen, worin die Problematik besteht:

Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

Sie dürfen gerne raten, wo es hingehört. Die Geschichte der Frauen ist eine sehr lückenhafte, immer wieder manipulierte und revidierte Fassung. Erst in den letzten Jahrzehnten ist es mithilfe des Feminismus gelungen, Frauen und ihre Schicksale dem aufgezwungenen Vergessen und der Nichtbeachtung zu entreißen. Bis dahin wurden sie wie Cleopatra oder Katharina die Große entweder als absolute Ausnahmeerscheinungen biographisiert, standen im Schatten von bedeutenden Männern, die sie umgaben, oder blieben vollkommen unsichtbar. Schattenfrauen erfuhren nur Aufmerksamkeit in dem Maße, wie sie eine persönliche Beziehung zu einem berühmten, genialen, oder bedeutenden Mann haben. Die Literatur ist voll davon. "Die Frauen der Genies", "Starke Frauen hinter großen Künstlern", "Im Schatten berühmter Männer" – Schattenfrauen erwerben sich demnach in den seltensten Fällen eigenen Ruhm, er färbt lediglich auf sie ab und interessiert auch nur Leute, welche die Geschichte zu feministischen Propagandazwecken nachträglich mit bedeutsamen Frauen füllen wollen. Wie Mileva Marić beispielsweise, deren möglicher Beitrag zur Entwicklung der Relativitätstheorie ihres Mannes Albert Einstein auf der einen Seite seit geraumer Zeit kritisch untersucht und gewürdigt wird, während sich auf der anderen Seite sowohl argumentativ als auch weltanschaulich strikt dagegen verwehrt wird.

So sehr man bereit sein mag, den Argumenten zu folgen, bezeugen doch die wiederholten Formulierungen des Grundsatzes, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, ein hohes Interesse daran, dass alles bleibt wie es schon immer gewesen ist. Schließlich kann nicht jede einen Platz an der Sonne haben.

Dieses Interesse ist auch der Grund dafür, dass selbst Frauen, deren Leistungen unstrittig sind, den Schatten erst seit kurzem und nur gegen erhebliche Widerstände entrissen werden. Ob es um Beiträge zur Wissenschaft, Kunst, Zeitgeschehen oder auch um die individuelle moralische Integrität geht – in der geschichtlichen Wahrnehmung fangen Frauen gerade erst an, nicht nur irgendein Kinkerlitzchen zu erfinden, epigonenhafte Kunst zu produzieren und unwichtige Entscheidungen zu treffen. Wenn man sich jedoch darauf einlässt, findet man die Schatten lichtdurchflutet. Es lohnt sich, sich mit Leben und Werk von Aphra Behn auseinanderzusetzen oder die Bilder von Artemisia Gentileschi zu betrachten und zwar geschlechtsübergreifend.

Wieso sollten die besonderen Leistungen und Biographien von Frauen nur Frauen inspirieren? Was hindert Männer daran, zu sagen, ich will so schreiben, forschen, aufschneiden, lieben oder Rückgrat beweisen wie sie? Ist es vielleicht möglich, dass ein Mann, indem er sich eine Heldin sucht und ihr nacheifert, in seinen und in den Augen der Gesellschaft damit unter seinen Möglichkeiten bleibt, weil er sich damit nicht für einen Held entscheidet? Und wer hätte Lust, diesen Zirkel zu durchbrechen?

Ach, was soll's, ich mach es einfach: Ich bewundere den unfassbaren Mut der erst vierzehnjährigen pakistanischen Bloggerin Malala Yousafzai, die sich der Tyrannei feiger Männer in einem Alter entgegenstellt, in dem ich nicht wusste, ob ich mich trauen soll, mein erstes Bier zu trinken. Ihr hat Mann dafür in den Kopf geschossen – ich hatte noch nicht einmal einen Kater.

Und ich verehre die Dichterin Mascha Kaléko, die als Seiltänzerin ohne Netz mit ihrer kühlen Sprache alles in Brand setzen konnte.

Wie ist es mit Ihnen? Fällt Ihnen auch eine Heldin ein oder müssten Sie zuerst noch Tante Google fragen? (Nils Pickert, dieStandard.at, 21.4.2013)

  • Das Porträt der Schrifstellerin Aphra Behn malte der britisch-niederländische Maler Sir Peter Lely (ca. 1670).
    foto: yale center for british art/public domain

    Das Porträt der Schrifstellerin Aphra Behn malte der britisch-niederländische Maler Sir Peter Lely (ca. 1670).

  • Malala Yousafzai geht inzwischen wieder zur Schule - in eine Mädchenschule in Birmingham, Großbritannien, wo sie inzwischen wohnt.
    foto: apa/epa/malala press office

    Malala Yousafzai geht inzwischen wieder zur Schule - in eine Mädchenschule in Birmingham, Großbritannien, wo sie inzwischen wohnt.

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