Ist ja nicht zum Dersaufen!

Kolumne23. April 2013, 15:51
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Flandern lockt mit kaum bewältigbarer Vielfalt grandioser Biere mit kuriosen Namen und noch kurioseren Geschmäckern - Conrad Seidl hat eine Route zu einigen der Besten erarbeitet

Eine Biertour durch Flandern beginnt, schon aus praktischen Erwägungen, am besten in Brüssel. Dort gibt es ein Café, das sich die bescheidene Aufgabe gestellt hat, jedes Jahr ein Bier mehr auf die Karte zu setzen. Gestartet hat das Delirium Café 2004 mit 2004 Bieren. Inzwischen sollten es 2013 sein - aber das Lokal in der Impasse de la Fidélité 4 ist schneller gewachsen als geplant und gleichzeitig die Bierliste. Dieser Tage sollte das 2500. Bier auf die Karte kommen - da hat keiner die Chance, sich durchzukosten oder herauszufinden, ob das eine oder andere Bier vielleicht gerade aus ist.

Die Biervielfalt ist jedenfalls ein Erfolgsrezept - der Name auch. Hieße das Lokal einfach nach der Brauerei Huyghe, man wüsste nicht einmal sicher, wie man das ausspricht. Hüg? Hüge? Hoyge? Hoi?

Klingt alles krank. Dann lieber gleich "Delirium Tremens" - mit Augenzwinkern und Geschäftssinn hat die Brauerei Huyghe im Jahr 1989 ein 8,5 Prozent starkes obergäriges Bier dieses Namens eingebraut. Und damit einen Welterfolg gelandet. Also: Nicht zu viel kosten im Delirium Café, sondern auf nach Melle, zur Brauerei. Man kann sie eigentlich nicht verfehlen, die ganze Stadt scheint mit rosa Elefanten dekoriert zu sein - je näher man der Brauerei kommt, desto dichter tritt das Delirium-Markenzeichen auf.

6,5 Prozent

Und dann steht man vor einer Brauerei mit Art-déco-Portal (das glücklicherweise noch nicht von Elefanten verdrängt wurde) und einem hochmodernen, erst im Vorjahr fertiggestellten Sudhaus. Wer will, kann auch ein kleines Brauereimuseum besuchen, aber die meisten Gäste machen sich lieber gleich an die Verkostung. Immerhin 30 verschiedene Biere kommen von hier - die Delirium- und Floris-Marken sind die bekanntesten, aber das weniger bekannte St-Idesbald Blond ist mit 6,5 Prozent ein ganz guter Einstieg in die flandrische Biervielfalt.

Viele Marken - etliche Brauereien brauen verschiedene Markenportfolios - und eine Vielfalt an Bierstilen, die für den habituellen Märzenbiertrinker verwirrend ist. Da gibt es Gewürzbiere (von Melle ist es nicht weit nach Gent, wo sogar ein Grutbier wiederbelebt wurde), Starkbiere unterschiedlicher Intensität und natürlich die sauren Biere.

Lambic ist die Gattung, Lambeek die namensgebende Ortschaft, Frank Boon die Brauerei, die sich um die Perfektionierung dieser Biere verdient gemacht hat: Der Brauereibesitzer führt durch den Keller, wo die mit wilden Brettanomyces-Hefen spontan vergorenen Biere in alten Weinfässern reifen und eine edle Säure entwickeln - erfrischend und je nach Alter mehr oder weniger sauer. Erst durch den richtigen Verschnitt von älterem und jungem Lambic entsteht das Gueuze, auf das Frank Boon so stolz ist: "Mariage Parfait" nennt er es, die acht Prozent Alkohol merkt man kaum, weil es so erfrischend ist und wegen seiner adstringierenden Wirkung den Durst dennoch nicht zu löschen vermag.

Historische Braustätte

Es soll Leute geben, denen der erste Schluck zu sauer war - und die doch die ganze Flasche getrunken haben, weil der Durst hier mit dem Trinken kommt. Und wer das saure Ale erst einmal zu schätzen gelernt, hat, der will mehr davon, probiert ein Kriek (mit Weichseln) oder ein Oud Bruin, wagt sich an das Rodenbach oder an das dunkle Liefmans, von dem es wieder mehrere Versionen (auch eine mit Kirschen) zu verkosten gibt.

Und natürlich gibt es bei Liefmans viel zu schauen: In Oudenaarde steht die historische Braustätte, bei der man den Eindruck vermittelt bekommt, dass hier schon seit Jahrhunderten mit denselben Gerätschaften gebraut wird - tatsächlich stammt die Brauereieinrichtung nicht aus der Gründungszeit (1679), sondern aus dem frühen 20. Jahrhundert. Und einige der Flaschen im Reservekeller liegen seit wenigstens zwei Jahrzehnten dort, immerhin.

Mortgaat-Brauerei

Nächste Einladung, nächstes Bier: Roman, ebenfalls in Oudenaarde, ist ebenfalls eine historische Braustätte, die besichtigt werden kann - die Familie Roman betreibt eine 1545 gegründete Brauerei, die wie viele andere im 20. Jahrhundert auf die Produktion gängiger Pilsbiere umgestellt hatte. Aber mit dem neuen Interesse an Starkbieren hat sie die Linie von Ename-Bieren aufgelegt, deren starkes (und stark gehopftes) Tripel zu den besten Vertretern des Stils gehört.

Eine ähnliche Geschichte hat die Mortgaat-Brauerei: Ihre Flaggschiffmarke ist das hochvergorene und daher sehr schlank wirkende Duvel, das Albert Mortgaat 1923 erstmals mit einer englischen Ale-Hefe gebraut hat - und damit die untergärigen Allerweltspilsbiere aus seiner Brauerei verdrängt hat.

Duvel-Moortgat hat in den vergangenen Jahren eine komplett neue (und für Besucherströme optimierte) Brauerei errichtet - aber schon versucht man, die traditionsreiche Marke neu zu erfinden. Jährlich gibt es einen Sondersud vom "Triple Hop"-Bier, das eine besondere Hopfensorte betont. Heuer ist es die Sorte Sorachi Ace aus Japan, die sich im flandrischen Bier gut macht. (Conrad Seidl, Rondo, DER STANDARD, 19.4.2013)

www.flandern.com bietet eine detaillierte Broschüre mit diversen Bierrouten zum Download an.

  • Nur vier Beispiele für die Biervielfalt von Flandern: Mit dem Delirium Tremens hat sich die Brauerei Huyghe quasi neu erfunden - im Zeichen des rosa Elefanten hat sie ein neues Sudhaus errichtet.
    foto: hersteller

    Nur vier Beispiele für die Biervielfalt von Flandern: Mit dem Delirium Tremens hat sich die Brauerei Huyghe quasi neu erfunden - im Zeichen des rosa Elefanten hat sie ein neues Sudhaus errichtet.

  • Im Zeichen des Teufels kommt das Duvel daher - ein teuflisch leicht zu trinkendes Starkbier.
    foto: hersteller

    Im Zeichen des Teufels kommt das Duvel daher - ein teuflisch leicht zu trinkendes Starkbier.

  • Liefmans liefert ein Beispiel für traditionelle Braukunst - wobei der Zusatz von Weichseln durchaus belgische Tradition ist.
    foto: hersteller

    Liefmans liefert ein Beispiel für traditionelle Braukunst - wobei der Zusatz von Weichseln durchaus belgische Tradition ist.

  • Auch bei Roman hat man mit dem Starkbier Ename mehr Erfolg als mit Pils.
    foto: hersteller

    Auch bei Roman hat man mit dem Starkbier Ename mehr Erfolg als mit Pils.

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