"Unser ganzes Umfeld ist aufmerksamkeitsdefizitär"

Interview19. April 2013, 05:30
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Achtung! Aufgepasst! Philosoph Christoph Türcke über Studierende, die keine 90 Minuten mehr zuhören können, die Zappelphilipp-Gesellschaft und Revolution per Notbremse

STANDARD: Wie wappnet sich ein Vortragsreisender, der seine Gesellschaftsdiagnose in das Buch "Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur" gepackt hat, gegen das mutmaßlich "aufmerksamkeitsdefizitäre" Publikum?

Christoph Türcke: Das geht nur, wenn man weiter an die Kraft des erzählenden und Gedanken entfaltenden Wortes glaubt. Dann folgen Studierende oder Hörer von Vorträgen eine Stunde oder länger ganz aufmerksam. Die neue Kulturtechnik des Powerpoint benötige ich nur in ganz seltenen Fällen. Wenn sie zum allgemeinen Vortragsstandard wird, verstärkt sie bloß das Aufmerksamkeitsdefizit.

STANDARD: Wie erleben Sie als Philosophieprofessor die immer häufiger diagnostizierten ADHS-Kinder - "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom" - an der Uni?

Türcke: Ich selbst habe ziemlich gute Erfahrungen, aber wir haben auch handverlesene, hochmotivierte Studierende. Von 1000 Bewerbern pro Jahr werden maximal 70 bis 80 genommen. Ich höre aber von manchen Unis, dass Studierende nicht mehr in der Lage sind, eine eineinhalbstündige Lehrveranstaltung ohne Pause zu absolvieren. Vereinzelt gab es solche Fälle auch früher, aber die Geballtheit - und auch die neue Einstellung, das zu einem Problem des Lehrenden zu machen und ihm zu sagen: Locker deine Lehrveranstaltung doch mal so auf, dass wir auch folgen können -, das halte ich für eine qualitativ neue und bedenkliche Situation.

STANDARD: Was meinen Sie mit "Aufmerksamkeitsdefizitkultur"?

Türcke: Ich habe dieses Wortungetüm vom Begriff Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, den jeder kennt, polemisch abgeleitet. Es besagt, dass unser gesamtes alltägliches Umfeld aufmerksamkeitsdefizitär organisiert ist: ständig Mails checken, ständig schielen, ob eine SMS gekommen ist, ständig ruckartige Veränderungen der Bildschirmeinstellung. Das ist der kulturelle Boden, auf dem das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom grassiert. Es handelt sich dabei nicht um eine Krankheit in gesunder Umgebung, ganz im Gegenteil. Erst seit wir diese Umgebung haben, taucht es massenhaft auf. Vor wenigen Jahren sprach man noch davon, dass jedes sechste Kind tendenziell betroffen ist, jetzt heißt es schon, tendenziell jedes vierte. Ich will mich nicht auf Zahlen versteifen, aber es gibt eine offenkundig steigende Tendenz.

STANDARD: Sie sprechen von "konzentrierter Zerstreuung". Es gab ja auch Zeiten, da war Zerstreuung eigentlich ganz positiv besetzt - als Luftholen neben dem beruflichen Alltagstrott und seinen Zwängen.

Türcke: Ich bin kein Feind der Zerstreuung! Entspannung ist elementar wichtig, und entspannen kann man nicht, ohne dass man sich in gewisser Weise auch zerstreut. Es gibt aber auch zermürbende Zerstreuung, nämlich wenn ständig wechselnde Imperative auf uns einstürzen, und jeder von ihnen gibt uns einen Ruck: "Achtung! Aufgepasst! Hierher gesehen!" Jeder lenkt unsere Aufmerksamkeit befehlsartig auf eine andere Bildeinstellung, SMS etc. Das ist konzentrierte Zerstreuung, ein gewalttätiges Aufmerksamkeitsregime. Die typische Figur dafür ist die Dame im Callcenter, die alle 30 Sekunden einen anderen Anruf zu bedienen hat. Nicht zufällig gehören diese Leute zu den Personen mit den meisten psychosomatischen Störungen.

STANDARD: Welches Gegenmittel empfehlen Sie? Ritalin für die ganze moderne "Gesellschaft der Zappelphilipps" kann es ja nicht sein ...

Türcke: Nein, allenfalls in Notfällen. Ich leugne nicht, dass es Fälle gibt, wo man gar nicht anders kann und damit eine vordergründige Beruhigung eintritt. Aber das Quantum Ritalin, das inzwischen zum Teil völlig gedankenlos vergeben wird, ist nicht akzeptabel. Was kann man tun? Beruhigungsräume schaffen, in denen es möglich ist, bei einer Sache zu bleiben. Denn so würde ich Aufmerksamkeit definieren: die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Sei es eine Sache, ein Gedanke, auch eine Person. Auch unsere Beziehungsfähigkeit hat mit kontinuierlichen Aufmerksamkeitsleistungen zu tun. In seiner Privatsphäre kann jeder solche Räume schaffen. Man muss nicht alle fünf Minuten zum Computer gehen und schauen, was da Neues ist. Oder ständig durch die Programme zappen. Solche Abschirmungen sind möglich, aber nur ein Anfang. Immerhin zeigen sie, was geschehen müsste: ein gesamtgesellschaftliches Bremsen. Walter Benjamins berühmte Metapher - die Revolution ist nicht die Lokomotive, sondern der Griff nach der Notbremse - wird immer aktueller. Wir müssen auf den verschiedensten Gebieten das Bremsen neu lernen.

STANDARD: In welcher Form würden Sie mit dem Bremsen anfangen?

Türcke: Ich habe z. B. ein Schulkonzept entwickelt, das ich Ritualkunde nenne. Keine Sorge, ich verstehe darunter nicht Kerzenanzünden und Besinnlichkeit. Rituale sind geronnene Wiederholungen. Ritualkunde heißt zunächst nichts anderes, als bei den Kindern die Wiederholungsfähigkeit herzustellen. Das muss schon in der Grundschule geübt werden, nicht als eigenes Schulfach, sondern als eine Achse, die den ganzen Unterricht durchzieht, eine Aufführungsachse. Sämtliche Fächer sollen in regelmäßige kleine theatralische Aufführungen eingebunden werden. Aufführen heißt: Ich muss etwas einstudieren, wiederholen, mit anderen machen, ich kann ihnen den Auftritt vermasseln oder mich selber blamieren. Kurzum: Alles, was man als soziales Lernen propagiert, wäre inbegriffen. Und Aufführungen prägen sich ein. Was Kinder dafür lernen, das sitzt. So entsteht ein Repertoire. Zudem heißt etwas aufführen lernen immer auch: sich aufführen lernen. Elementare Sittlichkeitsstandards einüben - ohne dass man sich als trüber Moralprediger mit erhobenem Zeigefinger hinstellt und irgendwelche Grundsätze einbläut.

STANDARD: "Einübung von Sittlichkeit" klingt nach Ethikunterricht?

Türcke: Ja, aber genauso nach Sozialkunde. Soziale Strukturen sind ja auch geronnene Wiederholungen. Und nicht zu vergessen ist der historische Kern des Rituals: die sakralen Riten. Ritualkunde würde in höheren Klassen ein Großfach sein, das Sozialkunde, Religionskunde und Philosophie miteinander verbindet und dabei sowohl praktische Wertschätzung des Rituellen als auch kritische Reflexion impliziert. Nicht alle Rituale sind gut! Es gibt grauenhafte Rituale. Das Lernziel wäre nicht neue Frömmigkeit, sondern rituelle Mündigkeit. Und das Ganze wäre auch ein Beitrag zu der multikulturellen und multireligiösen Gemengelage, die wir in Mitteleuropa mit einem neu präsenten Islam haben und die dringend bearbeitet werden müsste.

STANDARD: Sehen Sie in der Politik auch gewisse ADHS-Symptome?

Türcke: Zumindest so, dass Politiker ständig genötigt sind, Aufsehen zu erregen. Kleine Provokationen schärfen das Profil. Oft ist es ihnen wichtiger, überhaupt wahrgenommen zu werden als zustimmend wahrgenommen zu werden.

STANDARD: Sie lehren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Dem guten alten Buch zwischen zwei Buchdeckeln droht ja digitale Gefahr. Wird es überleben? Um ein Buch zu lesen, braucht man ja wirklich echte Aufmerksamkeit.

Türcke: In einer Nische, als kleiner Restbestand, als Luxusartikel für Leute, die beim Lesen etwas in der Hand haben möchten, wird es ganz sicher überleben. Wenn es aber nur noch in dieser Form überleben würde, wäre das trotzdem betrüblich, um nicht zu sagen katastrophal, denn wir erleben jetzt schon, dass sich ein großer Teil der Studierenden gar keine Bücher mehr anschafft, sondern Reader ins Netz gestellt bekommt. Das Wissen wird häppchenweise und in Zusammenfassungen geliefert. Warum soll ich ein ganzes Buch lesen, wenn auch das Abstract genügt? Diese Mentalität geht überall um. Aber wer nicht mehr in der Lage ist, sich in den Zusammenhang eines Buches zu vertiefen, kann auch die Zusammenhänge in der Welt nicht mehr verstehen.

STANDARD: Sie eröffnen am Freitag-Abend die Tagung "Sackgassen der Bildungsreform" (Samstag, 20. April, 9 bis 18 Uhr, Uni Wien, Kleiner Festsaal). Wie beobachten Sie die Konjunktur des Bildungsbegriffs?

Türcke: Ich halte es da stark mit der "Theorie der Unbildung" meines Kollegen Konrad Paul Liessmann. Bildung kann man das, was gegenwärtig betrieben wird, kaum noch nennen. Es dominieren Handreichungen zur Ausbildung und zum Kompetenzerwerb. Zur Bildung gehört ein Fundus an Gedanken, ein mentaler Nährboden, auf dem Qualifikationen und Kompetenzen heranwachsen können. Wenn so ein Nährboden gar nicht mehr gelegt wird, weil man sagt, wir beschränken uns auf das Wesentliche, und das ist Qualifikation und die einzelne operationalisierbare Kompetenz, dann ist da ein Begriff des Wesentlichen im Spiel, der von den Imperativen unserer Gesellschaft vorgegeben wird, nämlich: Du sollst funktionieren. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 19.4.2013)

Christoph Türcke, geb. 1948, studierte Evangelische Theologie und wurde 1972 in Zürich zum Pfarrer ordiniert, danach Studium der Philosophie an der Uni Frankfurt, 1977 Promotion, seit 1993 Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Er referiert heute, Freitag, bei den " Wiener Vorlesungen" über "Aufmerksamkeitsdefizitkultur" (19.00 Uhr, Wiener Rathaus, Volkshalle, Lichtenfelsgasse 2, Eintritt frei).

  • Christoph Türcke: "Wer nicht mehr in der Lage ist, sich in ein Buch zu vertiefen, kann auch die Welt nicht verstehen."
    foto: manfred klimek

    Christoph Türcke: "Wer nicht mehr in der Lage ist, sich in ein Buch zu vertiefen, kann auch die Welt nicht verstehen."

  • "Zur Bildung gehört ein Fundus an Gedanken, ein mentaler Nährboden, auf dem Qualifikationen und Kompetenzen heranwachsen können", sagt der Philosoph.
    foto: istockphoto.com/skynesher

    "Zur Bildung gehört ein Fundus an Gedanken, ein mentaler Nährboden, auf dem Qualifikationen und Kompetenzen heranwachsen können", sagt der Philosoph.

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