Utopien unter einem guten Stern

21. April 2013, 17:21
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Jetzt hat auch Mercedes sein Zukunftsforum: Mit "Future Talk" startet ein Unterfangen, das um die Mobilität von morgen kreist

"Und der Mensch schuf den Androiden nach seinem Bild, nach dem Bild des Menschen schuf er ihn." Hybris begleitet den Menschen durch das gesamte Projekt der Moderne, jede Utopie läuft nach dem Strickmuster Paradies – und endet wie in der archetypischen biblischen Vorlage, nämlich mit Rausschmiss, also Scheitern. Versprechen versus Resultat.

Häh? Sind wir hier im Autoteil? Wir sind – und erläutern gern, wovon konkret die Rede ist. Martina Mara vom Linzer Ars Electronica Futurelab hielt in Berlin einen mitreißenden Vortrag über Menschen und Roboter, ihre Beziehung zueinander und warum der Homo sapiens diese Maschinen nicht allesamt als R2-D2-Kastln designt, sondern sich abartig um menschenähnliche Gestaltung bemüht, obige Genesis-Modifikation wäre eine mögliche Antwort.

Multiple Zukünfte

Noch immer nicht im Thema? Doch, gleich: Schon in wenigen Jahren werden Autos zu mobilen Robotern, indem sie selbst das Steuer in die Hand nehmen. Nennt sich autonomes Fahren. Wie sich das auf das Verhältnis von Mensch und Auto auswirkt, muss jeden Autohersteller interessieren, ebenso wie die Zukunft der Stadt, aber was heißt Zukunft: Auf multiple Zukünfte müssen sich die Planer einstellen.

Dazu diskutiert nun auch Mercedes und lässt diskutieren, ein erstes Mal dieser Tage in Berlin, und ähnlich wie Audis "Urban Future Initiative" stellen sich auch die Stuttgarter bei ihrem "Future Talk" breit und interdisziplinär auf. Angetreten waren neben Mara unter anderem der Stuttgarter Philosoph Philipp Hübl, Architekturprofessor Tobias Wallisser (Gründer des Laboratory of Visionary Architecture – Lava), Holger Hutzenlaub (Mercedes Advanced Design) und Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky.

Negative Szenarien überwiegen

Das Thema lautete "Zukünfte brauchen Utopien", und wenn festgestellt wurde, dass die (westliche) Menschheit vor 100 Jahren nur positiv in die Zukunft gesehen habe, heute hingegen negative Szenarien überwögen (Umweltverschmutzung, Klimawandel, Überbevölkerung), so liegt das natürlich auch daran, dass inzwischen etliche Utopien gründlich in die Hose gingen. Der Kommunismus zum Beispiel. Es sei auch hier nochmal auf das Strickmuster Paradies verwiesen, und das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Zum Menschsein zählen die Bereiche des Bewussten, des Unterbewussten und des Unbewussten. Und dann gibt es noch die Kategorie des Noch-nicht-Bewussten. Geniale Erkenntnis, verdanken wir dem Philosophen Ernst Bloch – und die ist das Betätigungsfeld der Zukunftsforschung.

Roboter mit eigener Intelligenz

Dazu hatte Holger Hutzenlaub vier spannende Ansätze herausgearbeitet, allesamt in schauderhaften englischen Begriffen, aber anschaulicher deutscher Gründlichkeit. In "Giving back to the City" etwa werden Autos zu Datenknotenpunkten, zu Robotern mit eigener Intelligenz und Handlungsfähigkeit, und das ist doch auch eine paradiesische Vorstellung, oder? (Andreas Stockinger, DER STANDARD, 19.4.2013)

  • Beim "Future Talk" von Mercedes wurde gewissenhaft präsentiert.
    foto: der standard/stockinger

    Beim "Future Talk" von Mercedes wurde gewissenhaft präsentiert.

  • Auto und Architektur können symbolisch verschmelzen (und einander formal beeinflussen).
    foto: der standard/stockinger

    Auto und Architektur können symbolisch verschmelzen (und einander formal beeinflussen).

  • Eine Utopie. Realisierung unwahrscheinlich.
    foto: der standard/stockinger

    Eine Utopie. Realisierung unwahrscheinlich.

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