"Bettelstudent": Liebes- und Titelschwindeleien

18. April 2013, 17:59
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Die Operette lebt - zumindest im Prinzregententheater in München

Emmy Werners Inszenierung von Carl Millöckers "Der Bettelstudent" ist von überschäumender Lebenslust. Und angeblich die letzte Regiearbeit der langjährigen Volkstheater-Prinzipalin.

In eine heruntergekommene Halle des Hotel Polonia als Reminiszenz an das Nachkriegs-Wien, als die Besatzer in den Grandhotels der Ringstraße logierten, verlegt Emmy Werner die Geschichte um Betrug, Verrat und natürlich Liebe - alles vor dem Hintergrund des um seine Freiheit kämpfenden Polen. Der Schauplatz ist klug gewählt. Wie auch die optische Verlegung von Carl Millöckers erfolgreicher Operette Der Bettelstudent in die Zeit ihrer Entstehung 1882.

Werner, die von 1988 bis 2005 als künstlerische Leiterin das Wiener Volkstheaters prägte, nimmt noch eine weitere "kleine Verschiebung der Grundkonstellation" vor, um ihre ganz persönliche Version des Operettenklassikers im Münchner Prinzregententheater auf die Bühne zu bringen. Aus den beiden Töchtern der geldgierigen Gräfin Nowalska, im Original dümmlich-naive Gören, macht sie typische Werner-Frauen: schön, selbstbewusst, schlau - und trotzdem bestechend weiblich. Schon in Linz und Klagenfurt hatte die 74-jährige Grande Dame des Theaters mit einer ähnlichen Version des Stückes Erfolg.

In München jubelte das Publikum, etwa für Oberst Ollendorf. Der bringt mit blinkendem Degen und äußerst eingenommen von sich selbst das Geschehen mit dem berühmten Operettenohrwurm in Gang - "Ach ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst" - und kassiert dafür von Komtesse Laura einen Schlag mit dem Fächer. Als Rache engagiert er zwei studentische Gefangene, staffiert sie als Graf Wybicky und dessen Sekretär aus, auf dass der nun prächtig gekleidete Bettelstudent Laura bezirzen und zum Altar führen möge. Nach Auffliegen des Schwindels wäre die titelbewusste, wenn auch verarmte Adelsfamilie mit einer nicht standesgemäßen Heirat blamiert.

Freilich, in dieser Inszenierung haben sich Laura und ihre Schwester längst in die Studenten verliebt. Nun spielen sie das Spiel mit - gewitzt, emanzipiert verstellen sie sich, täuschen vor, wie jeder in diesem Stück. Als Oberst Ollendorf die Wahrheit herausposaunt, fällt zwar die Gräfin in Ohnmacht, Laura hingegen liebt ihren Symon längst.

Aktuelle Operettenthemen

Auf dem Höhepunkt singt und spielt ganz und gar köstlich Hans Gröning als Oberst Ollendorf das traditionell auf aktuelle Skandale gemünzte Couplet "Schwamm drüber!". Es geht um Bankenskandale und Rettungsschirme, Managerboni, erschwindelte Doktorwürden, Münchner Mietwucher und Pferdefleischskandal. Betrug und Verrat, Rollentausch und Verkleidung, Intrige und Liebe - die ewigen Themen der Operette, die so gut zum Wien der vorigen Jahrhundertwende passten, sind auch heute noch aktuell. Daniel Prohaska als Bettelstudent ist voller Charme, sein Sekretär Mathias Hausmann, Ensemblemitglied der Wiener Volksoper, glänzt mit seinem sonoren Bariton, und Elvira Hasanagic als Laura spielt und singt, als würde sie es schon immer tun, dabei hat sie noch ihre Abschlussprüfung vor sich.

Dass dies die letzte Regiearbeit von Emmy Werner sein soll, mag man allerdings nicht glauben. So intelligent, so zurückhaltend in der Interpretation, so präzise dafür in den Details, so scheinbar unangestrengt inszeniert man nur nach einem ganzen Theaterleben. Die überschäumende Lebensfreude aber, die als Gesamteindruck zurückbleibt, lässt hoffen, dass dies nicht zum letzten Mal gewesen sein kann.   (Monika Czernin aus München, DER STANDARD, 19.4.2013)

Nächste Vorstellung: 26., 27. 5.

  • Bröckelnder Charme der Aristokratie: Emmy Werners Interpretation der Millöcker-Operette "Der Bettelstudent" auf der von Rainer Sinell entworfenen Bühne. 
    foto: thomas dashuber

    Bröckelnder Charme der Aristokratie: Emmy Werners Interpretation der Millöcker-Operette "Der Bettelstudent" auf der von Rainer Sinell entworfenen Bühne. 

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