Wie bei Oma zum Fünf-Uhr-Tee

18. April 2013, 17:55
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Am Freitag erinnert man im Rhiz an das österreichische Accordia-Label

Je weniger Konturen die gegenwärtige Popkultur zeigt, desto reizvoller scheint das Graben in den Anfangstagen der Tonträgerkultur. Seit Beginn des Jahres widmen sich Musikliebhaber mit Hang zur Musikarchäologie in der Aufarbeitung des hiesigen Accordia-Labels, das in den Jahren von 1961 bis 1971 in Form eines Vinyl-Single-Klubs existierte.

Der aufkeimende Rock 'n' Roll aus den USA wurde damals von lokalen Protagonisten aufgegriffen, um ihn von Sex und Drugs zu befreien. Damit ließ es sich prima über den Tanzboden fegen, ohne sofort die Revolution auszurufen. Das funktionierte kommerziell erstaunlich gut. Schließlich galt in Österreich einst auch die Zeit der Aufklärung als katholische Bewegung.

Künstler wie die Les Hammond Singers besangen im Beat-Gewand die Vorzüge des Frühlings - The Rockets ließen ausrichten: "Du bist so wunderbar." Den wahren Kern des Rock 'n' Roll traf hingegen ein Mann namens Walter Kramer sehr früh, sehr gut: "Ein Viertel Wein, zwei Vierterln Wein."

Die Macher der am Freitag im Wiener Rhiz über die Bühne gehenden Klubveranstaltung im Zeichen des Tanzverhaltens der Großelterngeneration delektieren sich am Trash-Faktor dieser teilweise höchst obskuren Aufnahmen und sehen in der Struktur des Labels eine frühe Form der heute vielbeschworenen Do-it-Yourself-Kulturtechnik.

Die Vinylschätze hieven die DJs Marthy Coumans, René und Teddy Windholz auf die Teller. Als Live-Einlage verspricht Reverend Ana Threat: "Die große Mambo-Rock-'n'-Roll-Revue mit Autodrom, Geisterbahn, Watschenbaum und Stahlwarenfachmesse." Klingt komisch, aber so steht es geschrieben.  (Johannes Luxner, DER STANDARD, 19.4.2013)

  • Austro-Beat revisited.
    foto: accordia

    Austro-Beat revisited.

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