Wissenschaftsrat: Medizin-Fakultät in Linz ist nicht notwendig

18. April 2013, 17:07
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Stellungnahme kritisiert Konzept aus Oberösterreich: Finanzierung und Umsetzung unklar

Linz/Wien - Der Wissenschaftsrat lehnt die Pläne für eine eigenen Medizin-Fakultät in Linz ab. Nach Vorlage eines ersten Konzeptes sieht der Rat weiterhin keine Notwendigkeit, diese Neugründung zu forcieren, so das Beratungsorgan in einer Stellungnahme am Donnerstag (siehe pdf links).

Kein Zeit- und Finanzierungsplan

Nach wie vor fehle eine konkrete Zeit- und Finanzplanung für den Aufbau von Forschung und Lehre, es gebe keine ausgewiesenen Schwerpunkte in der medizinischen Forschung am Standort und auch das Konzept für eine künftige profilbildende Forschung sei nicht überzeugend. Somit fehle dem Konzept eine wesentliche Grundlage für den Aufbau einer qualitätsorientierten Forschung und Lehre. Auch ein Konzept für die Kooperation mit den anderen drei Medizinischen Universitäten vermisst der Wissenschaftsrat.

"Kosten zu niedrig angesetzt"

Die Räte weisen in ihrer Stellungnahme darauf hin, zu wenig Informationen über die Finanzierung des Projektes bekommen zu haben. "Auch auf mehrfache Nachfrage hin war es nicht möglich, Angaben zu einer Grobschätzung der Kosten zu erhalten", heißt es. "Die wenigen, in der Diskussion gemachten Angaben und Kommentare zur finanziellen Ausstattung geben Anlass zur Befürchtung, dass, um das Ziel einer Medizinfakultät auf jeden Fall zu erreichen, die tatsächlichen Kosten deutlich zu niedrig angesetzt werden." Damit ließe die Fakultät sich zwar womöglich irgendwie rasch realisieren, klares Entwicklungspotenzial in Richtung einer leistungsfähigen anerkannten medizinischen Einrichtung lasse sich jedoch in dem vorliegenden Konzept nicht erkennen, warnt der Rat.

Ärztebedarf unklar

Die Uni argumentiere den Bedarf nach einer Medizin-Fakultät vor allem mit dem regionalen Ärztemangel. Sie beruft sich dabei in ihrem Konzept auf eine Ärztebedarfstudie aus dem Jahr 2012. Darin werde jedoch klar, dass kein Ärztemangel in Österreich bestehe, so der Rat. Vielmehr sei die Ärztedichte in Österreich wesentlich höher als im Durchschnitt der EU-Staaten. Ungünstige Ärzteverteilung in ländlichen Regionen sei ein Problem, das in ganz Österreich und nicht nur in Oberösterreich bestehe. Durch zusätzliche Ausbildungsplätze allein sei dieses Problem allerdings nicht zu lösen. Dazu komme, dass durch einen Ausbau der Studienplätze die Mediziner-Quote gegenüber der EU-Kommission schwerer mit einer drohenden Gefährdung der Gesundheitsversorgung argumentiert werden könne. 

Uni weist Kritik zurück

Die Johannes Keppler Universität Linz (JKU) hat in einer Presseaussendung die Stellungnahme des Wissenschaftsrates als überstürzt bezeichnet. Das Papier des Rates beschäftige sich mit Themen, die mit der Universität noch gar nicht erörtert wurden. Zudem seien keine Detailunterlagen angefordert worden.

Der Wissenschaftsrat ist ein Beratungsorgan. Er berät den Wissenschaftsminister, Universitäten, Nationalrat und Landtage in Angelegenheiten, die Universitäten und deren Weiterentwicklung betreffen. 

"Doch die Provinz wird sich zu wehren wissen"

Der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) ist über die Stellungnahme des Wissenschaftsrates "verstimmt". Er finde es eigenartig, dass ein Gremium, das sich Wissenschaftsrat nennt, noch vor Vorliegen des Konzeptes, nur auf der Basis einer Powerpoint-Präsentation eine so grundlegende Stellungnahme abgibt, erklärte er in einem APA-Gespräch.

"Man merkt die Absicht und ist verstimmt", sagte Pühringer. Das sei Teil der Abwehrkräfte aus Wien. Dass sich so ein Gremium ohne Kenntnis des Konzeptes derart instrumentalisieren lasse, irritiere ihn. Das sei die Methode "Was wollen die aus der Provinz! Doch die Provinz wird sich zu wehren wissen", stellte der Landeshauptmann fest.

Keine Med-Uni in Kärnten

Das Projekt einer privaten Medizin-Uni in Kärnten ist unterdessen endgültig gestorben. Der neue Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) hatte diese bei seiner Regierungserklärung angekündigt. Der Plan der in Wien beheimateten Sigmund-Freud-Privatuni (SFU) sah vor, bereits mit Herbst 2013 den Betrieb einer Medizin-Fakultät in Klagenfurt zu starten. Die Fakulät war wegen sehr hoher Studiengebühren als "Reichen-Uni" kritisiert worden. Laut übereinstimmenden Medienberichten wurde SFU-Rektor Alfred Pritz nun offiziell dazu aufgefordert, alle Aktivitäten in Zusammenhang mit der geplanten Medizin-Ausbildungsstätte einzustellen. Pritz soll nun seinerseits Schadensersatzforderungen erwägen, immerhin seien in den vergangenen fünf Jahren rund 500.000 Euro in das Projekt investiert worden. (APA/red, derStandard.at, 18.4.2013)

  • Die Stellungnahme des Wissenschaftsrates zum Download.

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