Facebook Home kann im Test nicht überzeugen

21. April 2013, 14:18
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Zuckerbergs Unternehmen muss an Home noch viel schrauben, wenn es zur Zentrale für Facebook-Nutzer werden soll

Home ist, where my Facebook is. Das größte soziale Netzwerk ist für viele Menschen zum ständigen Begleiter geworden. Die meisten Zugriffe erfolgen mobil, weshalb das Unternehmen in den letzten Jahren verstärkt Smartphones ins Visier genommen hat. Mit Facebook Home wird nun der Homescreen in Beschlag genommen und zwar komplett. Aus einem Android-Phone wird durch die App ein Facebook-Phone. Hat Mark Zuckerberg damit die neue "Killer-App" für Android gefunden? Der WebStandard hat sich zur Klärung dieser Frage tiefer in die Facebook-Welt begeben.

Eine App, nicht für alle

Die Fakten vorweg: Facebook Home ist eine herkömmliche App, die kostenlos aus dem Google Play Store heruntergeladen kann. Um Home nutzen zu können, ist die Installation der aktuellsten Versionen der Facebook- und Facebook-Messenger-App notwendig. Weitere Vorbereitungen, wie etwa das Rooten des Geräts, sind nicht notwendig.

Aktuell werden nur wenige Smartphones unterstützt. Offiziell darf sich Home auf den Modelle HTC One X, One X+, Samsung Galaxy S III und Galaxy Note II einnisten. Am neuen HTC First ist es bereits vorinstalliert. Weitere Geräte dürften bald folgen. Es wäre aber nicht Android, wenn es nicht einen Workaround gäbe, um Home auch auf anderen Modellen zum Laufen zu bringen (der WebStandard berichtete.) Für andere Betriebssysteme ist die App (noch) nicht verfügbar.

Was passiert beim "Homecoming"?

Das Facebook-Feature löst den bekannten Homescreen komplett ab – Hintergrundbilder, Apps und Widgets werden durch die Facebook-Schicht ersetzt. Stattdessen werden Beiträge, die im News-Feed angezeigt werden, im sogenannten Titel-Feed bildschirmfüllend eingeblendet, den man mittels Wischgeste durchblättern kann. Alle Postings werden mit einem fließend dahingleitenden Hintergrundbild angezeigt. Bei reinen Textupdates wird das Coverfoto des jeweiligen Nutzers eingeblendet. Gut sieht das freilich nur dann aus, wenn die Fotos eine entsprechende Qualität aufweisen, sonst wird die Angelegenheit schnell pixelig.

Durch einen Doppelklick kann man einen Beitrag "liken", was am Anfang öfters auch versehentlich passiert. Kommentare können ebenfalls direkt vom Homescreen aus verfasst werden. Längeres Antippen verkleinert ein gepostetes Bild vom bildschirmfüllenden Ausschnitt zur Komplettansicht. Benachrichtigungen werden ebenfalls am Homescreen eingeblendet und können durch Antippen angerufen werden. Gleiches Prinzip gilt für Chatnachrichten – dazu später mehr.

App-Launcher

Über ein rundes Symbolbild des eigenen Profilfotos gelangt man wahlweise zum Messenger, dem App-Launcher oder der zuletzt benutzten Anwendung. Dazu muss das Bild auf eines der drei Icons gezogen werden. Den App-Launcher kann man auch durch Drücken des Homebuttons der Smartphones aufrufen. Hier gibt es zwei Bereiche: einen Startscreen, auf dem man häufig genutzte Apps ablegen und direkt über eigenen Buttons Facebook-Updates schreiben oder Fotos hochladen kann.

Platz bietet dieser Screen für maximal 16 Apps, bei mehr Anwendungen werden weitere Screens hinzugefügt. Das ersetzt bis zu einem gewissen Grad die bisherigen Homescreens, Widgets werden hier jedoch nicht unterstützt. Zu allen weiteren Apps gelangt man durch eine Wischgeste.

Einstellungsoptionen

Viele Einstellungsmöglichkeiten gibt es nicht. Optional kann man die Statusleiste ein- und ausblenden und den normalen Sperrbildschirm beim Einschalten des Displays anzeigen lassen. Zu diesen Optionen gelangt man schnell über einen permanent eingeblendeten Button am unteren Bildschirmrand. Hier können Nutzer auch Fehler melden, den Hilfebereich aufrufen und sich von Facebook abmelden. Für alle weiteren Einstellungen, muss die herkömmliche Facebook-App geöffnet werden.

Einschränkungen

Facebook Home ist in der aktuellen Form sehr eingeschränkt. Im Grund ist es eine attraktivere Darstellung der Updates, die in ihrer Aufbereitung jedoch konfus ist. Die Beiträge sind nicht chronologisch sortiert. Ein schnelles Überfliegen der Inhalte ist nicht möglich, da immer nur jeweils eine Update bildschirmfüllend angezeigt wird. So findet man sich einer eine konstanten Wischerei wieder. Das mag bei entsprechenden Inhalten optische Reize bieten, ist jedoch unübersichtlich.

Offenbar werden zudem Beiträge von Seiten oder Personen eingeblendet, die man eigentlich aus dem News-Feed verbannt hat. Dabei dürfte es sich um einen Fehler handeln, denn laut Facebook werden im Titel-Feed Beiträge angezeigt, die man "normalerweise in den Neuigkeiten" sehen kann. Im Redaktionstest war das definitiv nicht der Fall.

Die Möglichkeit vom App-Launcher aus Updates zu schreiben, funktioniert nicht schneller als die App selbst zu öffnen. Eine tiefere Integration von weiteren Facebook-Apps wie Instagram oder dem Seitenmanager fehlt. Zudem wird in Zukunft auf Home auch Werbung landen – bei der Präsentation von Facebook Home hatte CEO Mark Zuckerberg das bereits in Aussicht gestellt.

Beste Neuerung: Messenger

Am besten ist die Neuerung der Chatfunktion, also des Facebook Messengers, gelungen. Gelangt eine neue Nachricht ein, wird diese am Display durch ein rundes Symbolbild des jeweiligen Chatpartners visualisiert. Egal, was man am Smartphone gerade macht – beispielsweise im Browser surfen oder E-Mails lesen – durch Antippen der "Chatheads" wird ein Messenger-Fenster geöffnet und die Konversation kann gestartet oder fortgesetzt werden, ohne die aktuelle App verlassen zu müssen.

Die Chatheads lassen sich beliebig am Display-Rand positionieren, durch Hinunterziehen zum unteren Rand wird die Konversation geschlossen. Bei Nachrichten mehrerer Nutzer werden diese allerdings übereinander gestapelt, sodass nicht alle Absender auf den ersten Blick sichtbar sind. Die neue Chatansicht steht mit dem Update der Facebook-App auch unter iOS zur Verfügung, dort funktioniert sie jedoch nur innerhalb der App.

Sicherheitslücke und andere Ärgernisse

Mit der Sicherheit nimmt es Facebook Home nicht so genau, denn sofern zum Nutzen eines Smartphones ein Sperrcode aktiviert ist, muss dieser zumindest zur Ansicht des Titelfeeds nicht eingegeben werden. Erst wenn man in die tiefen des Systems vordringen und eine App öffnen will, wird danach gefragt. Umgehen kann man diese Sicherheitslücke, indem man in den Einstellungen deaktiviert, dass gleich beim Einschalten des Bildschirms Home angezeigt wird.

Daten- und Stromverbrauch können durch das ständige Nachladen neuer Updates im Hintergrund wie auch bei normalen Widgets, in die Höhe getrieben werden. In den Home-Einstellungen gibt es zwar einen Punkt zum "Datenverbrauch", bei dem man zwischen "niedrig", "mittel" und "hoch" wählen kann. Was genau eine Änderung hier bewirkt, bleibt dem Nutzer jedoch verborgen. Facebook macht dazu auch keine näheren Angaben in der App.

Facebook speichert zudem wie bereits berichtet sämtliche Interaktionen über den Dienst, unter anderem auch welche Apps geöffnet werden. Nach eigenen Angaben erfolgt das anonymisiert und wird nach 90 Tagen wieder gelöscht.

Mehr Facebook und gleichzeitig doch weniger

Facebook bewirbt Home damit, dass Nutzer noch schneller in Echtzeit erfahren, was ihre Freunde gerade auf Facebook tun. Im Titel-Feed bekommt man allerdings nur einen Ausschnitt des Spektrums geboten. Um mehr zu sehen und zu tun muss weiterhin die herkömmliche App geöffnet werden.

Facebook Home wirkt derzeit noch wie die viel zu große Masche auf einem schlichten Sommerkleid, oder die zu bunte Krawatte zum eleganten Anzug. Es übertüncht alles mit einer auffälligen Schicht und lenkt dabei vom Wesentlichen ab.

Das Smartphone ist zentraler Hub für Kommunikation, Information und Unterhaltung. Ein gutes Betriebssystem sollte dem Nutzer schnellen Zugriff auf seine am öftesten genutzten Dienste sowie eine attraktive Präsentation von Informationen bieten. Beides wird durch Facebook Home beschnitten, indem beispielsweise Widgets "verschwinden" oder man zum Telefonieren oder Öffnen der Kamera erst den App-Launcher aufrufen muss.

Regelmäßige Updates versprochen

Facebook verspricht immerhin monatliche Update für Home. So ist zu hoffen, dass noch fehlende Funktionen, wie eine Sortieroption nachgereicht oder etwa die Sicherheitslücke bei Passworteingabe behoben wird.

Diesen Problemen muss sich Facebook auch rasch annehmen, soll Home größere Verbreitung finden. Denn die bisherigen Nutzerreaktionen sind großteils negativ. Im Play Store wird die App von vielen Nutzern schlecht bewertet. Neugierige Facebook-User können sich dennoch "gefahrlos" selbst ein Bild davon machen. Denn: Home lässt sich in den Einstellungen sehr leicht und umkompliziert deaktivieren oder komplett deinstallieren. Danach erscheint wieder der vertraute Homescreen mit sämtlichen Apps und Widgets. (Birgit Riegler, derStandard.at, 21.4.2013)

  • Facebook Home ersetzt auf Android-Smartphones den Homescreen samt Apps und Widgets komplett durch den sogenannten Titel-Feed. Zu den installierten Apps gelangt man über das Icon des eigenen Profilbildes.
    foto: derstandard.at/riegler

    Facebook Home ersetzt auf Android-Smartphones den Homescreen samt Apps und Widgets komplett durch den sogenannten Titel-Feed. Zu den installierten Apps gelangt man über das Icon des eigenen Profilbildes.

  • Direkt vom Homescreen aus kann man Beiträge "liken" und kommentieren.
    foto: derstandard.at/riegler

    Direkt vom Homescreen aus kann man Beiträge "liken" und kommentieren.

  • Der App-Launcher bietet einen personalisierbaren Bereich, von dem aus man auch Facebook-Updates schreiben und Fotos posten kann.
    foto: derstandard.at/riegler

    Der App-Launcher bietet einen personalisierbaren Bereich, von dem aus man auch Facebook-Updates schreiben und Fotos posten kann.

  • Der neue Messenger zeigt "Chatheads" des jeweiligen Chatpartners am Screen an - egal, was man am Smartphone gerade tut.
    foto: derstandard.at/riegler

    Der neue Messenger zeigt "Chatheads" des jeweiligen Chatpartners am Screen an - egal, was man am Smartphone gerade tut.

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