Der Schnulzenboy

18. April 2013, 17:40
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Dagobert, ein junger Mann mit schweizerdeutschem Akzent, macht in Berlin angeblich ironiefreie Schlagermusik für ein Indie-Pop-Publikum, das gern auch einmal schunkelt

Die Versuche, dem zeitgenössischen deutschen Schlager ohne Ironie beizukommen, sind mannigfaltig. Immerhin würde es das Publikum riechen, wenn Stars des Genres wie Helene Fischer, Andrea Berg oder Nik P. ihren Beruf mit dem Mittel der ironischen Brechung ausüben. Das ist Ernst. In diesem Fach geht es darum, nach Zahlen zu malen und damit Seelsorge zu betreiben. Durchhalten, weitermachen, aussitzen. Licht am Ende des Tunnels. Kein Güterzug. Hoffnung. Und immer wieder geht die Sonne auf.

"Humor" gibt es natürlich auch. Er definiert sich im Schlager nicht subtil, sondern feixend und mit dem Dampfhammer. Deklarierte Trash-Kanonen wie Heino mit seinen aktuellen Bearbeitungen deutscher Pop- und Punkklasssiker, Mickey Krause mit seinem Superhit Geh doch zu Hause, du alte Scheiße! Oder DJ Ötzi und all die Guildo Horns dieser Welt sind immer so lustig, dass es wehtut. Merke: Wenn etwas wehtut, merkt man, dass etwas da ist.

Der Schweizer Sänger Dagobert, der jetzt sein selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht, nimmt eine gewisse Sonderstellung ein. Im Wesentlichen fügt der 30-jährige Wahlberliner dem Schlager wieder ein Pathos bei, das sich nach all dem verhallten und hohlen Synthetikdonner der letzten Jahrzehnte wieder einem dick aufgetragenen Old-School-Pathos verpflichtet fühlt. Man kennt dieses etwa von alten Genremeistern wie Christian Anders und Es fährt ein Zug nach Nirgendwo oder Geh nicht vorbei. Man muss also gut 40 Jahre zurückschauen. Besonders gut kann man das etwa anhand seines Youtube-Clips "Morgens um halb vier" beobachten.

 

Der Mann bezeichnet sich selbst nicht umsonst als "Schnulzensänger aus den Bergen". Irgendwo in der Mitte zwischen Nick Caves The Good Son, Roy Orbison, Christian Anders und einer Donald-Duck-Stimme mit hartem schweizerdeutschen Akzent muss man angesichts dieses gewollt ironiefreien Kitsches lächeln.

Allerdings verbreitet Dagobert dann auch eine dank möglicherweise nicht ganz wahrhaftiger Biografie befeuerte Beklemmung, bei der man zwischen Rührung und Fremdschämen Gänsehaut bekommt. Dagobert war ein depressives Kind, lebte lange sozusagen halbobdachlos im Proberaum einer Band und verbrachte obendrein auch noch fünf lange Jahre als Einsiedler in einer Schweizer Berghütte, wo seine Kunst zur Meisterschaft reifte.

Neben orchestraler Schwermut und Melancholie finden sich auf dem Album, das interessanterweise auf dem im Besitz der diskursiven Punkveteranen Goldene Zitronen und des Malerstars Daniel Richter befindlichen, linkskodierten Hamburger Buback-Label erscheint, aber auch harte zeitgenössische Sachen. Retrosynthesizer klingeln, quengeln und dengeln. Billige Elektronikkirtagsounds aus dem Alltag des Regionalradios.

Die aktuelle Single Ich bin zu jung flirtet mit dieser Szene und stellt nach dem aktuellen Jeans-Team-Album Alkomerz einen weiteren Versuch dar, das mitteleuropäische Schunkeln auch aufgeschlossenen studentischen Indie-Pop-Schichten zugänglich zu machen.

 

Zum Glück kann Dagobert zwischendurch wirklich gute Lieder und schöne Texte schreiben wie: "Du bist viel zu schön, um auszusterben, ich will ein Kind von dir." Es steht allerdings zu befürchten, dass die Leute im Musikantenstadl trotz aller blauäugigen Dagobert'schen Ernsthaftigkeit den Braten riechen werden.  (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 19.4.2013)

Dagobert: "Dagobert" (Buback Tonträger / Hoanzl)

  • Schnulzensänger Dagobert kann zwischendurch wirklich gute Lieder und schöne Texte schreiben wie: "Du bist viel zu schön, um auszusterben, ich will ein Kind von dir."
    foto: buback

    Schnulzensänger Dagobert kann zwischendurch wirklich gute Lieder und schöne Texte schreiben wie: "Du bist viel zu schön, um auszusterben, ich will ein Kind von dir."

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    foto: buback
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