Vom grünen Gold zur dürren Topfleiche

17. April 2013, 18:13
1 Posting

Pflanzen als Wohlstandsverlierer: Isa Melsheimer in der Galerie nächst St. Stephan

Wien - Lange bevor Pflanzenjäger zu einer Berufsbezeichnung für die nach neuen exotischen Pflanzen suchenden Forschungsreisenden wurde, schickte die ägyptische Pharaonin Hatschepsut (1450 v. C.) bereits ihre Mannen in die Ferne. Im Lande Punt mussten Weihrauchbäume und andere begehrte Hölzer beschafft werden. Auch Isa Melsheimer lässt ihre, den Plant Hunters gewidmete Ausstellung in Ägypten beginnen: Ein Stickbild auf einem Vorhang zeigt das Beladen von Hatschepsuts mächtigen Segelschiffen.

Hinter dem Store breitet Melsheimer auf weiterem Textil das nächste Kapitel aus: den Handel mit Pflanzen aus dem Orient. Die schöne Tulpe löste in den 1630er-Jahren sogar ein Tulpenfieber aus: Die Preise für die begehrte Blume stiegen ins Extreme und brachen dann ein. Heute betrachtet man die Tulpenmanie als erste gut dokumentierte Spekulationsblase.

Ein neues Kapitel ist die Pflanze auch in Isa Melsheimers (geb. 1968 in Neuss) OEuvre, kennt man die Künstlerin doch insbesondere für ihre Beschäftigung mit Architektur und den dahinter stehenden Ideologien. Ihren Exkurs könnte man verschiedentlich erklären: Zum einen mit einer Arbeit für das Mudam in Luxemburg 2011, die sich mit dem Architekten des Museumsbaus, Ieoh Ming Pei, beschäftigt. Laut Melsheimer soll Pei für jedes Museum einen Garten verlangt haben; eine Idee, die sie mit ein paar Bonsais realisierte.

Zum anderen fragt die Künstlerin sich stets auch, wie wir uns einrichten: Pflanzen gehören dazu. Herleiten lässt sich ihr Ausflug aber auch über eine spezielle Architektur für Pflanzen, da Melsheimer auch drei Ward'sche Kästen zeigt: eine ungemein praktische Erfindung für die Pflanzenjäger, denn in den geschlossenen Glaskästen konnten Pflanzen auch lange Überfahrten überleben - die Verdunstungsfeuchtigkeit konnte nicht entweichen, schlug sich also nieder. Folglich mussten Matrosen ihr Trinkwasser nicht an die Flora vergeuden. Eine wunderbar inszenierte Geschichte, die mit den Folgen der Pflanzenjagd aber eine moralische Wende nimmt. Einst schmückte man sich mit den Exotika, heute lässt man das superbillige, hochgezüchtete grüne Gold achtlos verdorren. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 18.4.2013)

Bis 27.4., Galerie nächst St. Stephan

Grünangergasse 1, 1010 Wien

www.schwarzwaelder.at

  • Tulipomanie, Rosskastanien-Boom oder Ward'sche Kästen: Mussten die Matrosen der Bounty womöglich wegen Brotfruchtbäumen auf Trinkwasser verzichten? Isa Melsheimers Interesse für Pflanzenjäger.
    foto: galerie nächst st. stephan

    Tulipomanie, Rosskastanien-Boom oder Ward'sche Kästen: Mussten die Matrosen der Bounty womöglich wegen Brotfruchtbäumen auf Trinkwasser verzichten? Isa Melsheimers Interesse für Pflanzenjäger.

Share if you care.