"Meine keine Familie": Annäherung an ein fremdes Ich

17. April 2013, 17:55
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Paul-Julien Robert wurde 1979 in die Mühl-Kommune auf dem Friedrichshof hineingeboren. Mehr als dreißig Jahre später begibt er sich mit seinem Dokumentarfilm auf eine Spurensuche

Wien - Ein Baby mit seiner Mutter in der Badewanne. Ein weißblondes Kleinkind beim Spielen in einer Gruppe mit anderen. Ein kleiner Junge, der vor ein Plenum tritt. Später wird ein junger Mann Aufnahmen von diesem Kind, das er selbst einmal war, auf vielen Stunden archivierten Videomaterials suchen. Und er wird (sich) neue, eigene Bilder von seiner immer schon medial verfassten Identität machen: Fotos mit seinen " möglichen" und unmöglichen Familien aufnehmen, die nunmehr Teil eines autobiografischen Dokumentarfilms werden.

Meine keine Familie, vergangenen November mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichnet, ist eine Recherche der Vergangenheit des Filmemachers Paul-Julien Robert. Weil er bis zum zwölften Lebensjahr als Teil eines Gesellschaftsexperiments aufwuchs, handelt der Film auch von jenem landläufig als Mühl-Kommune bezeichneten Kollektiv, das sich rund um den Aktionskünstler Otto Mühl ab 1973 auf dem Friedrichshof im Burgenland ansiedelte. Dort versuchte man die Befreiung aus der "Panzerung" des Individualkörpers und den Zwängen der Kleinfamilie. Zu diesem Zweck löste man Paarbeziehungen und andere Besitzverhältnisse auf.

Auch die Mutter des Filmemachers war Mitte der 1970er aus der Schweiz gekommen und geblieben. 1979 wurde der Sohn geboren, die Vaterschaft blieb ungeklärt, erst 1991 wurde sie rückwirkend für alle Kommunenkinder ausgetestet. Für den Film sind zunächst Vorfahren, Vaterfiguren und der biologische Vater die Anlaufstellen. Ein Dialog mit der Mutter entspinnt sich - sie war ab dem fünften Lebensjahr ihres Sohnes häufig abwesend, um in der Schweiz für die Kommune Geld zu verdienen. Kommunengeschwister kommen zu Wort.

Bedürfnis nach Alternativen

Meine keine Familie ist allerdings keine Abrechnung. Der Film skizziert beispielsweise das gesellschaftliche Außen und gibt so den Motiven der Elterngeneration einen Kontext, macht deren Bedürfnis nach einer Lebensalternative nachvollziehbar. Robert konfrontiert seine Mutter mit Fragen, auf die sie nicht immer eine Antwort hat. Manche Widersprüche bleiben unauflösbar. "Du kannst auch Familie jetzt nicht idealisieren!"

1990 beschloss die Kommune Friedrichshof mit Ende des Jahres ihre Auflösung. Im November 1991 wurde Mühl unter anderem wegen Unzucht mit Unmündigen zu sieben Jahren Haft verurteilt. In Meine keine Familie kommt diese Form der kindlichen Zurichtung nur am Rand vor. Vor allem in der zweiten Hälfte des Films wird jedoch anhand von Auszügen aus dem Archivmaterial immer eindringlicher geschildert, wie autoritär und übergriffig sich der Alltag ohnehin gestaltete:

In täglichen Plena galt es, sich in "Selbstdarstellungen" zu beweisen, alle wurden Bewertungen unterzogen und bekamen dementsprechend ihre Stellung in der "flüssigen Hierarchie" der Kommune zugeteilt. Eine Sequenz zeigt Kinder, denen Mühl attestiert, wie schön oder hässlich sie heute angezogen seien: "Ein paar weinen schon" - und der Übervater lächelt. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 18.4.2013)

Chat
Regisseur Paul-Julien Robert ist am Montag, 22.4., von 12.00 bis 13.00 im Chat bei derStandard.at zu Gast. Sollten Sie zum Chat keine Zeit haben, können Sie schon jetzt Ihre Fragen an Kulturinfo@derStandard.at schicken.

  • Dokumente aus dem Leben des Kommunenkindes Paul (li.): Filmemacher Paul-Julien Robert gräbt die eigene Familiengeschichte aus.
    foto: freibeuter

    Dokumente aus dem Leben des Kommunenkindes Paul (li.): Filmemacher Paul-Julien Robert gräbt die eigene Familiengeschichte aus.

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