Ein Theatersommer aus dem Liederbuch

18. April 2013, 17:00
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Das Repertoire der Waldviertler Bühnen reicht vom Woodstock des Wienerlieds bis zur Strauss-Operette, vom ambitionierten Steinbeck-Bearbeitung bis zur bewährten Shakespeare-Inszenierung

Was war zuerst da? Das Waldviertel als Rückzugsgebiet von Künstlern und Bobos, die Landschaft als Szenerie für Filme und Bücher, die bodenständigen Wirtshäuser mit der ehrlich guten Küche oder die Theaterbühnen? Einwandfrei trennen lässt sich diese Mischung, die Niederösterreichs entlegenste Gegenden in den Sommermonaten zum Nabel der Kunstszene machen, nicht.

Gut, der Herrensee ist nicht Mörbisch und Litschau ist nicht Salzburg, aber ambitionierte und niveauvolle Inszenierungen locken kunstsinniges Publikum bis an die nordwestlichen Grenzen Niederösterreichs. Im Theater Brauhaus in Litschau schuf Zeno Stanek bereits 1993 so etwas wie die Keimzelle der sommerlichen Bühnenkunst im Waldviertel. Gemeinsam mit Studienkollegen des Max Reinhardt-Seminars zog Stanek aufs Land, um "qualitätvolles Off-Theater im städtischen Sinn" zu bieten.

"Von Menschen und Mäusen"

19 Saisonen lang hat der passionierte Theatermacher gemeinsam mit dem Brauhaus-Ensemble seinen Anspruch erfolgreich erfüllt, für diese Saison hat er das Intendanten-Szepter an Margit Mezgolich abgegeben. Die ehemalige künstlerische Leiterin des Wiener TAG wird eine eigene Bearbeitung von John Steinbecks "Von Menschen und Mäusen" auf die Bühne des Litschauer Herrenseetheaters bringen. "Neben der Geschichte der beiden Hauptfiguren interessiert mich vor allem der Aspekt  Leben in prekären Verhältnissen", sagt die neue Intendantin im Interview. "Die damit verbundene Perspektivenlosigkeit, die vielen gescheiterten Lebensträume, sind für mich gerade heute, in Zeiten großer Krisen wieder sehr aktuell." Am 1. August wird Premiere gefeiert, weitere Vorstellungen finden bis Ende August jeweils Freitag bis Sonntag statt.

Schrammelklang am Herrensee

Zeno Stanek bleibt der Region treu und widmet sich in freier Natur am Herrensee und im Theater der Pflege des Wienerliedes. Bereits zum siebten Mal findet vom 5. bis 7. Juli unter seiner Ägide das Schrammel.Klang.Festival  rund um den Litschauer Herrensee statt. Über 100 Künstler, darunter wohlbekannte Namen wie Ernst Moden, Attwenger oder Trio Lepschi, werden an den drei Festivaltagen aufgeigen, lesen und präsentieren. Das "Woodstock des Wienerliedes" vereint Musik, Natur, Kulinarik und Theater, denn geschrammelt wird nicht nur auf der Hauptbühne im Herrenseetheater, sondern auch auf Natur- und Waldbühnen, auf Floßfahrten am See und in der nostalgischen Dampfeisenbahn. Zum erweiterten Festival-Programm gehören auch die Schrammel.Golf.Trophy und die Picknick-Gastronomie mit Schrammelheurigem und Weinpavillion.

Afrika, Tschechow und heisse Mönche

Von weiter her kommen die Rhythmen, die zur gleichen Zeit das Moorbad Harbach rocken. Der "Spirit of Africa" hält von 3. bis 7. Juli 2013 Einzug ins Waldviertel. Trommelklänge, Stilrichtungen von Reggae bis Elektronik und buntes Treiben erfüllen das Afrikadorf am Holzmühlteich in Harbach. Als besondere Highlights gelten Hot Water und Black Dillinger aus Südafrika sowie das Fusion-Projekt Burkina Electric aus Burkina Faso.

Diese einladende Open-Air-Umgebung nutzt heuer auch das Wald4tler Hoftheater, das ab 6. August für seine Inszenierung von Anton Tschechows "Möwe" auf die Seebühne am Holzmühlteich übersiedelt. Bei Schlechtwetter stellt das Schlosstheater Weitra die Kulisse für eines der großen Werke der Weltliteratur.

Und auch für die erste Sommerpremiere am 4. Juli zieht die Pürbacher Bühne ins Ausgedinge: Ein Zirkuszelt wird die Spielstätte der "Alzheimer Symphonie" von und mit dem Komödianten Justus Neumann sein. "Alzheimer Symphonie ist ein skurriles, musikalisches Theatererlebnis, das uns die Hoffnung geben kann, dass das Vergessen nichts anderes ist als die wunderbarste Befreiung vom  Alltag", beschreibt Silvia Lüftenegger vom Wald4tler Hoftheater das Stück.

Außerdem steht auf dem breit gefächerten Spielplan die Eigenproduktion "Mönche mögen's heiß", die Hakon Hirzenberger in der Pürbacher Autorenwerkstatt geschrieben hat und eine Wiederaufnahme des Erfolgsstücks
"Winnetou 4".

Klassisches von Shakespeare bis Strauss

Auf bewährte Klänge aus dem Theaterfundus dieser Welt setzen die Programmmacher auf der Rosenburg und in Langenlois. So bestreitet das Shakespeare-Festival bereits zum zehnten Mal die Sommerbühne im Festspielzelt auf der Rosenburg. Zwischen 5. Juli und 4. August steht heuer Shakespeares große komische Figur, der Falstaff, auf dem Spielplan. Die Abenteur des lebenslustigen Ritters ziehen sich durch vier seiner Stücke, für die Rosenburg werden sie in einem Drama verdichtet. Eine Fassung richtet sich an Erwachsene, die zweite an Kinder ab vier Jahren.

In Langenlois versetzt die Operette "Wiener Blut" von Johann Strauss die Besucher der Schlossfestspiele in Walzer- und Polka-Seligkeit. Vom 25. Juli bis 17. August wagt Intendant und Dirigent Andreas Stoehr im romantischen Park des Schlosses Haindorf bei Langenlois einen ernsthaften und zugleich lustvollen Umgang mit der Gattung Operette. Als Regisseur sorgt Philipp Harnoncourt, dessen inszenatorische Arbeiten bisher einen Bogen zwischen unterschiedlichsten Bühnen wie Serapionstheater und Theater an der Wien gespannt haben, für eine interessante Herangehensweise.

Saisonende im Herbst

Der Theaterherbst in Gmünd schließlich rundet vom 29. September bis zum 20. Oktober den Sommer ab. Im Kulturhaus der Grenzregion beschäftigt Regisseur Marius Schiener die Nachbarschaft. Bereits zum fünften Mal wagt er ein grenzüberschreitendes Stück. Beginnend mit Rumänien standen in den Vorjahren auch Ungarn, Tschechien und Polen am Spielplan. Heuer ist Slowenien an der Reihe. Und das mit einer deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes "Drei Schwestern" von Vinko Möderndorfer und dem slowenischen Nationaltheater als Kooperationspartner. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 18.4.2013)

  • John Steinbecks "Von Menschen und Mäusen" im August am Herrensee.
    foto: anna stoecher

    John Steinbecks "Von Menschen und Mäusen" im August am Herrensee.

  • Mit der Dampflok "Schrammel.Klang.Festival - Express" kommt man von Gmünd nach Litschau.
    foto: inge van rosmalen (ivrphotography 2010)

    Mit der Dampflok "Schrammel.Klang.Festival - Express" kommt man von Gmünd nach Litschau.

  • "Falstaff" im Juli auf der Rosenburg.
    foto: stefan smidt

    "Falstaff" im Juli auf der Rosenburg.

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