Zeigen Femen Muslimas den Mittelfinger?

18. April 2013, 07:00
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Femen streuen mit ihren Aktionen zunehmend Ressentiments und Anti-Islam-Slogans, kritisieren muslimische Feministinnen

Am Anfang schien alles so einfach. Eine Protestform, die unkompliziert in der Umsetzung ist und dazu noch sehr eindrücklich wirkt. Medien stürzten sich begierig auf die 2010 noch so wenig vertrauten Bilder von jungen Frauen oben ohne in kämpferischer Pose. Damals ging es bei Femen vor allem um die Probleme von Frauen in der Ukraine: Den Sextourismus, der rund um die anstehende Fußball-EM 2012 zu explodieren drohte, die damit verbundene Belästigung aller Frauen und die Ukraine als besonders patriarchalen Staat insgesamt. All das beklagte Femen.

Doch mit dem weltweiten Interesse an ihren Aktionen, wuchs das Engagement von Femen über die Grenzen der Ukraine hinaus. Und damit auch die Kritik an den Auftritten und Aussagen der Frauengruppe. Erst im Februar gab es einen ersten geballten Unmut aus Deutschland, als Femen auf der Hamburger Rotlichtmeile mit NS-Symbolik gegen die Sexindustrie demonstrierte (dieStandard.at: Femen und die Faschismus-Keule). Mit dem von Femen ausgerufenen "International Topless Jjihad Day" am 4. April gerieten Femen nun erneut in den Fokus der Kritik.

Femen als Befreierinnen der Muslimas?

Vor allem muslimische Frauen ärgern sich über die aktuellen Bilder, Aktionen und Aussagen von Femen-Aktivistinnen. Eine Gruppe namens "Muslim Women Against Femen" machte in einem offenen Brief ihrem Ärger Luft: Femen stelle sich pauschal gegen den Islam und betrachte alle Muslimas per se als unfrei. Auch die Online-Kampagne "Muslimah Pride Day" auf Facebook und Twitter, die unmittelbar als Reaktion auf den "Topless Jjihad Day" entstand, wehrt sich gegen die Vorstellung von Femen als Befreierinnen aller muslimischen Frauen. 

Neben der Kritik an paternalistischen und kolonialistischen Tönen von Femen werden aber auch rassistische Darstellungen kritisiert. Im Zuge des "Topless Jjihad Day" posierte eine Femen-Aktivistin mit Turban; auf dem Bild trägt sie außerdem einen langen dunklen aufgeklebten Bart und aufgemalte zusammenwachsende Augenbrauen. Eine Bloggerin zeigt sich schockiert darüber, dass es sich bei diesem Bild nicht um einen rassistischen Streich einiger Jugendlicher handelt, sondern um Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen. 

Auch die Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüsay ist über die jüngsten Aussagen über muslimische und/oder kopftuchtragende Frauen empört. "Nein zum Kopftuch! Das Kopftuch ist keine Wahl!", so Femen vor einigen Wochen in Schweden - eine Position, die die Gruppe bereits in der Vergangenheit öfters formulierte. Ignorant, kommentiert Gümüsay Sager wie diese und andere Aktionen am "Topless Jjihad Day". Femen würde sich islamophoben Stereotypen und rassistischen Ressentiments bedienen, und: "Sie zeigen jenen muslimischen Frauen, die sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte in islamischen Ländern einsetzen, den großen Mittelfinger."

Neben der Kritik gibt es aber auch andere Reaktionen. Bedankt hat sich etwa die Tunesierin Amina Tyler für den Einsatz von Femen am "Topless Jjihad Day", mit dem sie auf die Situation der Tunesierin hinweisen wollten. Tyler postete im mittlerweile berühmten Femen-Stil - mit Slogan auf dem nackten Oberkörper - ein Foto von sich. "Fuck your morals" war auf ihrer Haut zu lesen. Ein tunesischer Prediger forderte daraufhin Peitschenhiebe und eine Steinigung, eine brenzlige Situation für Amina Tyler, die auch von vielen anderen Seiten Mord- und Verstümmelungsandrohungen erhielt. Mit dem Spruch "Fuck your morals" wollten sich Femen am "Topless Jjihad Day" solidarisieren und posierten mit dem Slogan weltweit vor Moscheen und tunesischen Botschaften.

Forderungen mit "Anti-Islam"-Bildern verknüpft

Und noch eine zur Berühmtheit avancierte Aktivistin aus der arabischen Welt tat sich kürzlich mit Femen zusammen. Alia Magda al-Mahdi veröffentlichte im November 2011 ein Foto von sich in ihrem Blog "Diary of a Rebel", auf dem sie außer schwarzen Strümpfen, roten Schuhen und einer rote Blume im Haar nichts trägt. Mit diesem Nacktfoto wollte sie "gegen eine Gesellschaft von Gewalt, Rassismus, Sexismus, sexueller Belästigung und Heuchelei" protestieren, schrieb al-Mahdi. Ein Sturm der Empörung über das Foto und Morddrohungen zwangen die 20-Jährige zur Flucht. Jetzt lebt Alia Magda al-Mahdi in Schweden. Dort entstand Ende 2012 ein weiteres Nacktbild vor der ägyptischen Botschaft in Stockholm von ihr, das um die Welt ging. Diesmal in unverkennbarer Femen-Pose, flankiert von zwei Femen-Aktivistinnen.

Die Unterschiede zwischen dem ersten Nacktbild von 2011 und dem mit Femen würden von einer gewissen ästhetischen Vereinnahmung zeugen, schreibt Sara Mourad in ihrem Text "The Naked Bodies of Alia". Gemeinsam hätten die Bilder, dass sie beide etwas gegen sexuelle Unterdrückung bewirken sollen. Doch im Gegensatz zum von al-Mahdi konzipierten Foto von 2011, verknüpfe das Foto mit Femen diese Intention explizit mit einer "Anti-Islam" und einer "Anti-Religion"-Botschaft, schreibt Mourad und verweist auf die bei der Nackt-Aktion in Stockholm eingesetzten Slogans wie "Religion is slavery". Bemerkenswert findet Mourad auch, dass sich nur al-Mahdi völlig nackt zeigt, während sich die zwei Femen-Frauen mit ihren Schildern teilweise bedecken.

Verbündete für Alice Schwarzer                                  

Lob und Unterstützung erhält Femen übrigens von Deutschlands bekanntester Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und dem von ihr herausgegebenen Magazin "Emma". Sie sah in den zunehmend expandierenden Femen schon früh Verbündete. So sind Schwarzer und Femen etwa beim Thema Sexarbeit d‘ accord: Eine Sexarbeiterin aus freien Stücken kann es nicht geben - auch wenn diese das vielleicht behaupten mag. Alice Schwarzer und Femen teilen auch ihren Ton gegenüber Kopftuch tragenden Frauen: "Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus", sagt Schwarzer schon seit Jahren.

Die Gruppe Femen thematisierte in den ersten Jahren ihres politischen Aktivismus vor allem vertraute Lebensrealitäten und nationale Problemlagen und erntete damit weitgehend Solidaritätsbekundungen. Mit ihren weltweiten "Filialen", wie Femen ihren grenzüberschreitenden Einsatz betiteln, und spätestens mit ihrem "Topless Jjihad Day" finden sich die Aktivistinnen nun mitten in einer Debatte über Deutungshoheit und Definitionsmacht wieder, an der sie jedoch nicht teilnehmen wollen. Bisher hätten noch alle Sklaven bestritten, Sklaven zu sein, sagte Femen-Aktivistin Inna Shevchenko zu den Protesten von muslimischen Feministinnen. Das Selbstbild als Befreierinnen ist also noch nicht angekratzt. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 18.4.2013) 

  • Aktivistinnen am "International Topless Jihad Day" am 4. April in Brüssel.
    foto: epa/olivier hoslet

    Aktivistinnen am "International Topless Jihad Day" am 4. April in Brüssel.

  • Und am selben Tag vor der tunesischen Botschaft in Italien.
    foto: reuters/alessandro garofalo

    Und am selben Tag vor der tunesischen Botschaft in Italien.

  • Alia Magda al-Mahdi (links) vor der ägyptischen Botschaft in Stockholm.
    foto: reuters

    Alia Magda al-Mahdi (links) vor der ägyptischen Botschaft in Stockholm.

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