Proschat Madani: "Heimat ist ein mentaler Zustand"

Chat18. April 2013, 11:35
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Die Schauspielerin ("Der letzte Bulle", "Cop Stories") veröffentlicht mit "Suche Heimat, biete Verwirrung" ihr erstes Buch

Derzeit ist die Schauspielerin Proschat Madani in den Serien "Der letzte Bulle" (SAT1) und "Copstories" (ORF) zu sehen. Im derStandard.at-Chat erzählt sie von ihrem Leben zwischen Wien und Berlin. "In Berlin gehen mir die Wiener Kaffeehäuser ab. In Wien die Schnoddrigkeit der Berliner", sagt die gebürtige Iranerin.

Ihr Farsi sei so schlecht, dass sie ihre Sprachkenntnisse, ihre Tochter "lieber nicht zumuten" möchte. Mit dem Iran verbindet Madani allerdings noch immer "ein undefinierbares Gefühl des sich Vertrautfühlens, mit der Sprache, der Mentalität, den Menschen".

Am 22. April erscheint ihr Buch erstes Buch: "Suche Heimat, biete Verwirrung" in dem sie übers Fremdsein und Anpassen schreibt. (red.,18.4.2013, derStandard.at)

ModeratorIn: derStandard.at begrüßen die Schauspielerin Proschat Madani im Chat. Wir freuen uns auf eure Fragen.

Proschat Madani: Ich freue mich sehr über die Einladung und noch mehr freue ich mich über die Fragen der User.

UserInnenfrage per Mail: Der Titel Ihres Buchs lässt vermuten, dass Ihr interkultureller Background Sie in Ihrem Leben stets begleitet. Ist das so?

Proschat Madani: Mehr noch, auch das Thema fremd sein, weil ich überall wo ich bin eine Ausländerin bin - was nicht per se etwas schlechtes sein muss.

UserInnenfrage per Mail: Sie leben zwischen Wien und Berlin. Wo fühlen Sie sich zu Hause, bzw. wie definieren sie Heimat für sich?

Proschat Madani: Überall und nirgendwo, in Berlin gehen mir die Wiener Kaffeehäuser ab. In Wien die Schnoddrigkeit der Berliner.

anna_lea: Zunächst muss ich erst einmal loswerden, dass Sie eine ganz wundervolle Schauspielerin sind. Ich sehe Sie unglaublich gerne im TV und freue mich auf Ihr Buch sowie auf alle weiteren Projekte. Hier meine Fragen: Was hat Ihr Beruf mit dem Thema des

Proschat Madani: So wie Schauspieler unterschiedlich authentisch und wahrhaftig spielen, spielen wir auch unsere Alltagsrollen mehr oder weniger glaubwürdig. Ich denke, dass wir alle viel lernen können von guten Schauspielern. Man kann nämlich spielen und trotzdem sehr wahrhaftig dabei sein. Humor ist ein Allheilmittel für mich. Zu Lachen wenn es gar nichts zu Lachen gibt, ist für mich ein kluger Umgang mit Schmerz. Und schallend über sich selber Lachen zu können, ist für mich eine Stärke.

Alp Arslan: Merhaba Frau Madani, auch ich suche nach meiner Heimat, weil ich nirgends daheim bin. Wo ist der Mensch daheim, wenn er grundsätzlich nirgendwo eine Heimat hat?

Proschat Madani: Für mich ist Heimat weniger ein Ort, mehr ein mentaler Zustand in dem ich mich angenommen fühle - von anderen, aber in erster Linie von mir selbst.

UserInnenfrage per Mail: Sind sie mit den Rollen zufrieden für die sie besetzt werden?

Proschat Madani: Nicht immer, aber immer öfter.

Dialektix: Nervt es Sie nicht, in ihren Rollen auf Ihren "Migrationshintergrund" festgelegt zu sein? (Tatort, CopStories ...)

Proschat Madani: Grundsätzlich nicht. Es würde mich allerdings nerven, wenn ich nur Rollen mit Migrationshintergrund bekommen würde.

UserInnenfrage per Mail: Bekommt man als persisch-deutsch-österreichische Schauspielerin überhaupt Rollen, die nichts mit diesem Hintergrund "Herkunft" zu tun haben?

Proschat Madani: Mittlerweile bekomme ich sie. Ich bezeichne sie als nationalitätsneutrale Rollen, z.B. Tanja Haffner im "Der letzte Bulle".

en1: Großes Kompliment für Ihre Interpretation der Psychologin in "Der letzte Bulle". Wird es eine neue Staffel dieser Serie geben?

Proschat Madani: Vielen Dank! Ja, ist auch schon offiziell bekannt gegeben.

UserInnenfrage per Mail: Was sagen Sie zur Kritik, dass „Cop Stories“ Stereotypen wiederkäue?

Proschat Madani: Ich hatte sie noch nicht gehört. Ich empfinde es nicht so. Bin aber offen für jede Kritik.

UserInnenfrage per Mail: Finden Sie die Macho-Performance von Henning Baum in der "Der letzte Bulle" nicht etwas öd? Muss man jemanden wirklich Jahrzehnte ins Koma schicken, damit das im Fernsehen noch herzeigbar ist?

Proschat Madani: Ich empfinde Mick Brisgau als einen sehr liebenswerten Macho. Das "Koma" ist eine Möglichkeit, es gibt mit Sicherheit noch unendlich viele andere.

Pentamica: Müssen migrantische Autoren Autorinnen immer zunächst ihre Migrationsgeschichte autobiographisch ausbeuten, um am Literaturmarkt auf Beachtung zu stoßen?

Proschat Madani: Das weiß ich nicht, da ich diesbezüglich wenig Erfahrung habe. Ich wollte über etwas schreiben, zu dem ich auch tatsächlich etwas zu sagen habe und das ist in meinem Fall das Thema fremd sein. Ob ich aufgrund meines Migrationshintergrunds deswegen auf mehr Beachtung stoßen werde - auch das weiß ich nicht, wird man sehen.

ModeratorIn: Ihr erstes Buch erscheint am 22. April. Erzähen Sie uns kurz wovon es handelt?

Proschat Madani: Es geht ums Fremdsein und Anpassen. Und da Fremdsein letztendlich nichts anderes bedeutet als anders zu sein, ist es ein Buch, das nicht nur die Ausländer betrifft, sondern jeden der das Gefühl hat, sich auch von sich selbst entfremdet zu haben.

Susanne Grothe: Hallo Frau Madani! Erst mal vorab, VIELEN Dank, daß sie sich die Zeit nehmen uns Fragen zu beantworten. Zu meiner/n Frage(n): Über welchem Zeitraum entstand ihr Buch – von der Idee bis zur Veröffentlichung? Und Frage 2: Wann fanden sie als vielbesch

Proschat Madani: Hallo Frau Grothe! Schön, dass Sie dabei sind. Von der Idee bis zum fertigen Buch 2 Jahre. Der Schreibprozess zirka 1 Jahr. In den Drehpausen unter Zeitdruck und Ringen unter den Augen.

UserInnenfrage per Mail: War es in Berlin leichter als in Wien, sich als Schauspielerin zu behaupten?

Proschat Madani: Ich habe in Deutschland keine Erfahrung mit den Theatern. Im Drehgeschäft Fuß zu fassen ist, fürchte ich, überall schwer. In Deutschland gibt es allerdings einen größeren Markt, das macht es etwas leichter.

UserInnenfrage per Mail: Empfinden Sie Österreich als xenophober als andere Länder?

Proschat Madani: Da ich außer in Berlin und Wien nirgendwo länger gelebt habe, kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich bin davon überzeugt, dass man über längere Zeit an einem Ort sein muss, um zu erspüren wie stark die Fremdenfeindlichkeit dort ist. Berlin, auf jeden Fall, empfinde ich als sehr multikulturell und offen.

Dialektix: Sie haben ja auch schon mit Michael Niavarani zusammengearbeitet. Gefällt Ihnen sein Zugang, die eigenen "Wurzeln" zum komödiantischen Treppenwitz zu machen und die "Fremdheit" zur Kenntnlichkeit zu überspitzen? Oder irritiert Sie diese "Was-guckst-

Proschat Madani: Ich finde sein deutsch-persisches Kabarett genial. Ich habe nicht nur Tränen gelacht, ich habe mich in vielen seiner Sketche wiedergefunden - und das, obwohl ich mich gar nicht so sehr als Perserin empfinde. Ich finde mit den Eigenheiten eines Volkes so humorvoll umzugehen wunderbar und im Grunde genommen eine Liebeserklärung an die Perser.

Naphtali: Sie sind eine tolle Schauspielerin - aber das ist nicht die Frage. Meine Frage ist eine biografische, nach dem Geburtsort nämlich. wikipedia und andere Online-Quellen schreiben Wien, anderswo heißt es wieder, sie sind im Iran geboren. Was stimmt jet

Proschat Madani: Ich bin im Iran geboren und mit 4 Jahren nach Wien gekommen und hier aufgewachsen.

empörter soziologe im inländerghetto: Empfinden sie Migranten xenophober als Nichtmigranten? Wien ist ja besonders xenophob.

Proschat Madani: Es gibt solche und solche. Manchmal bin ich erstaunt wie Ausländer mit Ausländern umgehen. Da ist ja manch xenophober Inländer noch harmlos dagegen.

ruzika: Hat Heimat für Sie mit Ihren Wurzeln zu tun oder eher damit, wo Sie sich jetzt zu Hause fühlen?

Proschat Madani: Heimat ist ein Konglomerat aus Vielem für mich, aber in erster Linie ist es für mich ein Zustand des sich vertraut Fühlens. Vor allem mit mir selbst, egal wo ich bin. Mir selbst keine Fremde zu sein, wenn ich das schaffe, habe ich immer ein Stück Heimat für mich gefunden. Kein statischer Ort, stets in Bewegung.

Pentamica: Wie fühlen Sie sich dabei, wenn sie als „gelungenes Beispiel der Integration“ bezeichnet werden?

Proschat Madani: Komisch, da ich weiß, dass gelungene Integration oft auch mit Selbstverlust einhergehen kann. Ein Thema mit vielen Facetten, zu komplex leider für einen Chat.

UserInnenfrage per Mail: Sie spielen eine Integrationsbeauftragte. Verfolgen sie die Integrationsdebatte/ Politik in Österreich und/oder Deutschland?

Proschat Madani: Ja, immer wieder.

Atius Tirawa: Wann haben Sie beschlossen, Schauspielerin zu werden, bzw. wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Proschat Madani: Bereits als Kind. Die Vorstellung unterschiedliche Identitäten annehmen zu können, empfand ich als sehr lustvoll. Ist nach wie vor so.

Brisgau: Du hast eine Tochter, möchte sie auch Schauspielerin werden?

Proschat Madani: Nein, Gott sein Dank nicht.

UserInnenfrage per Mail: Was mögen Sie am Fernsehen? Würden Sie lieber mehr Kino machen?

Proschat Madani: Ich muss gestehen, ich schaue fast gar kein Fernsehen, gehe viel lieber ins Kino. Demnächst drehe ich 2 Kinofilme, auf die ich mich sehr freue. P.S. Dokus und Kultursendungen mag ich im Fernsehen.

UserInnenfrage per Mail: Mit welchem Regisseur würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten?

Proschat Madani: Tom Tykwer.

Consti_: Hallo Frau Madani! Spielt Religion in Ihrem Leben eine Rolle?

Proschat Madani: Religion nein, Spiritualität ja.

Pentamica: Emfpinden sie Witze über die „Verschiedenheit der Kulturen“ als erlösende Erleichterung im verkrampften Migrationsdiskurs oder eher als Reproduktion gefährlicher Klischees?

Proschat Madani: Absolut erlösend, herrlich, wunderbar. Mehr Humor, weniger politische Korrektheit, das wünsche ich mir.

greenling: Haben sie schon von der Initiative der Mezzosporanistin Elisabeth Kulman gehört, die eine Revolution der Künstler aufgrund immer schlechterer Jobbedingungen auslösen will? Haben sie im Schauspielbereich auch Schwierigkeiten bei Auditions, mit Gagen-

Proschat Madani: Ich habe nichts davon gehört, sorry. Auch im Schauspielbereich werden die Gagen und Jobbedingungen immer schlechter, das stimmt allerdings. Gute Sache, wenn man darauf aufmerksam macht und sich für bessere Bedingungen einsetzt. Wo hat man es mittlerweile nicht schwer, Fuß zu fassen?

Izzy007: Welchen Job könnten Sie sich neben der Schauspielerei noch vorstellen?

Proschat Madani: Entweder so viel Geld haben, dass ich gar keinen Job brauche, oder Rückzug ins Kloster und Hauptbeschäftigung mit dem Transzendentalen. Leider eine große Bandbreite bei mir.

Dialektix: "Weniger politische Korrektheit"? Das ist doch ein Kampfbegriff derjenigen, die "Gutmenschen" und "Multikulti" hassen. Politische Korrektheit und Humor müssen doch nicht ausschließen?

Proschat Madani: Wenn politische Korrektheit wirklich vom Herzen kommt und nicht nur vom Kopf, dann schließt er den Humor natürlich nicht aus. Nur etwas das korrekt ist, kann das wirklich vom Herzen kommen?

odrr: Glauben Sie dass Frauendiskriminierung und Ausländerdiskriminierung ähnlich bzw. vergleichbar sind? Betreff z.B. der gläsernen Decke?

Proschat Madani: Ich glaube, dass Diskriminierung, egal in welchem Bereich, mehr oder weniger immer nach dem selben Schema ablauft. Man sieht den Menschen nur als Teil einer Gruppe, reduziert ihn, und versucht Macht über ihn auszuüben. Das betrifft Frauen, Ausländer, Gelbe, Grüne, Violette,...

BrinchenWD: Hallo! Wo spielen Sie lieber - in Deutschland oder Österreich? Welche Mentalität kommt Ihnen eher entgegen? Wo fühlen Sie sich wohler? Habe auch fast 9 Jahre i München gelebt + mich als Ausländerin gefühlt, da die Mentalität der Deutschen doch ander

Proschat Madani: Ohne es allen Recht machen zu wollen, so wohl als auch. Österreicher und Deutsche können sehr unterschiedlich sein, was ja nicht schlecht ist.

ja jestem: Liebe Frau Madani. Meine Frau klebt bei jeder Folge des "Bullen" am TV um Sie zu sehen. Wäre es möglich Autrogrammkarten von Ihnen zu bekommen? Sie ist Deutsch-Lehrerin an einer Polnischen Oberschule. Zudem würde sie gerne erfahren, ob es in der neu

Proschat Madani: Wenden Sie sich für ein Autogramm bitte an die Agentur Kelterborn in Berlin und was die Zukunft von Mick und Tanja anbelangt, muss ich Sie auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten, noch kann ich dazu nichts sagen.

UserInnenfrage per Mail: In welcher Sprache träumen Sie? Deutsch oder persisch?

Proschat Madani: Deutsch.

UserInnenfrage per Mail: Was verbindet Sie noch zu Ihrem ursprünglichen Heimatland?

Proschat Madani: Ich habe noch Verwandte dort. Ein undefinierbares Gefühl des sich Vertrautfühlens, mit der Sprache, der Mentalität, den Menschen dort.

Brisgau: Was würden Sie nie spielen wollen?

Proschat Madani: Eine Tomate.

Pentamica: War die erste Rolle, für die Sie gecastet wurden, eine „typische Migrantenrolle“?

Proschat Madani: Nein. Ich weiß leider nicht mehr wie die hieß. Der Film hieß "Der Hund muss weg".

PsDa: Wächst Ihre Tochter zwiesprachig auf, d.h. sprechen Sie Persisch mit ihr?

Proschat Madani: Zweisprachig ja, allerdings Deutsch und Englisch. Meine schlechten Farsi-Kenntnisse wollte ich meiner Tochter nicht antun.

mehr Demokratie1: wenn ich Sie frage, was Sie am liebsten mögen, dann ist das:

Proschat Madani: Menschen.

chpmc: Würden Sie CopStories das Prädikat „Sehenswert" verleihen?

Proschat Madani: Für mich, ja, aber Geschmäcker sind ja....

UserInnenfrage per Mail: Vor Ihrer TV-Karriere waren Sie ja am Theater. Wollen Sie dahin zurück?

Proschat Madani: Nein. Ich stehe lieber vor der Kamera als auf der Bühne.

Edward NORTON: Ich habe keine unter den Nägeln brennende Frage, möchte nur festhalten, dass Sie die deutschsprachige Schauspielkultur wirklich bereichern, Frau Madani. Weiterhin viel Erfolg in Ihrem Schaffen.

Proschat Madani: Ich verbeuge mich, danke!

Susanne Grothe: Ich wünsche ihnen noch einen wundervollen sonnigen Tag!! Hat mich sehr gefreut!! Vielen DANK!! Auf bald... LG Susanne

Proschat Madani: Hat viel Spaß gemacht, vielen Dank!

ModeratorIn: Leider ist unsere Zeit schon zu Ende. Herzlichen Dank für die Fragen.

Proschat Madani: Das war mein erster Chat, Juhu, Premiere! Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und gerne wieder. Allen einen wunderbaren, schönen Frühlingstag!

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