"Vom Terror nicht beeindrucken lassen"

Interview16. April 2013, 19:45
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Die Gesellschaft muss lernen, Attacken als eine Art von Schicksalsschlag zu akzeptieren, sagt Terrorismus-Experte Tuschhoff

Absolute Sicherheit vor Terrorismus ist nicht erreichbar - die Gesellschaft muss daher lernen, solche Attacken als eine Art von Schicksalsschlag zu akzeptieren, sagt Terrorismus-Experte Christian Tuschhoff zu Manuel Escher.

Standard: Nach den Anschlägen wurde der Frage große Beachtung geschenkt, ob Präsident Obama von "Terrorismus" sprechen würde. Eine innenpolitische Frage oder grundlegender Streitpunkt?

Tuschhoff: Das zentrale Merkmal terroristischer Anschläge ist der Versuch, in der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken auszulösen. Das scheint mir in jedem Fall gegeben zu sein, wenn Bomben bei Massenveranstaltungen mitten in der Menge explodieren.

Standard: Also ist eher das Zögern der Politik erstaunlich?

Tuschhoff: Nach gängigen Definitionen ist es eindeutig Terrorismus. Das Problem ist eher, dass die Menschen mit Terrorismus oft einseitig den islamistischen Terrorismus identifizieren. Deswegen ist es vielleicht so, dass die Politik entschieden hat, mit dem Begriff vorsichtig zu sein.

Standard: Deutet die Ausführung - zwei Stunden nach dem Zieleinlauf der Schnellsten - auf eine weniger organisierte Gruppe hin?

Tuschhoff: Es ist vergleichsweise kompliziert, mit vier verschiedenen zivilen Flugzeugen, die man kapern muss, in das World Trade Center oder das Pentagon hineinzufliegen. Es ist vergleichsweise einfach, mit offenbar improvisierten Sprengkörpern ein solches "weiches Ziel" anzugreifen, gerade in der Ausnahmesituation einer Massenveranstaltung.

Standard: Sehen Sie Fortschritte bei der sogenannten Resilienz - der Fähigkeit der Gesellschaft, mit der Schockwirkung von Anschlägen umzugehen?

Tuschhoff: Es gibt natürlich keine absolute Sicherheit, gerade bei solchen Massenveranstaltungen. Man muss einfach damit rechnen, dass terroristische Attentäter manchmal ihr Ziel erreichen. Wenn es zu Anschlägen kommt, ist es extrem wichtig, dass man sich davon nicht irritieren lässt. Man muss das als eine Art von Schicksalsschlag akzeptieren können. Man muss Attentätern das verweigern, was sie erreichen wollen: Terror in der Gesellschaft auszulösen - übertriebene Furcht, übertriebene Angst. Wenn das die Folge von Anschlägen ist, dann haben Terroristen ihr Ziel erreicht.

Standard: Was könnte man konkret tun?

Tuschhoff: Es gibt verschiedene Ansätze, etwa, sich anzusehen, wie um die Opfer des 11. September 2001 getrauert wird und wie das immer verbunden wird mit der Entschlossenheit der Hinterbliebenen und der Gesellschaft, sich dem Terror entgegenzustellen und sich nicht beeindrucken zu lassen oder sich ihm zu beugen.

Standard: Ist Medienberichterstattung, in der Explosionsszenen im Minutentakt wiederholt werden, dabei hinderlich?

Tuschhoff: Man darf bei der Beurteilung nicht nur auf die unmittelbaren Reaktionen achten, die natürlich in emotionalen Ausnahmesituationen geschehen. Wenn man etwa Menschen, die unmittelbar dabei waren, ein Mikrofon unter die Nase hält, ist das keine gute Grundlage, um eine vernünftige, durchdachte Abwehrstrategie durchhalten zu können. Entscheidend sind vor allem der zweite und dritte Schritt.

Standard: Gibt es ein richtiges Gleichgewicht, was das Zeigen der Bilder betrifft?

Tuschhoff: Nach meinem Eindruck findet gar keine Selektion statt. Ich sehe auch nicht, dass bei den Medienvertretern besonders darüber diskutiert würde, welche Konsequenzen das Zeigen von solchen Bildern und Videosequenzen hat. (DER STANDARD, 17.4.2013)

  • In vielen US-Bahnhöfen (Bild: Los Angeles) patrouillierten Bombensuchtrupps.
    foto: ap/dovarganes

    In vielen US-Bahnhöfen (Bild: Los Angeles) patrouillierten Bombensuchtrupps.

  • Christian Tuschhoff (57) ist Politikwissenschafter an der Freien Universität Berlin. Der Terrorismusexperte lehrte unter anderem als Gastprofessor in Harvard bei Boston.
    foto: privat

    Christian Tuschhoff (57) ist Politikwissenschafter an der Freien Universität Berlin. Der Terrorismusexperte lehrte unter anderem als Gastprofessor in Harvard bei Boston.

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