"Geschäfte haben die Tore in den Osten geöffnet"

16. April 2013, 18:45
posten

Trotz des Kalten Krieges war der Wirtschaftsaustausch zwischen Ost- und Westeuropa ausgesprochen rege, sagt der Historiker Philipp Ther - Der Fall des Eisernen Vorhangs wurde so wesentlich begünstigt

STANDARD: Eine von Ihnen organisierte Veranstaltung widmet sich den wirtschaftlichen "Mauersprüngen" im Kalten Krieg. Was ist darunter zu verstehen?

Ther: Es gab schon ab den 1960ern grenzüberschreitende wirtschaftliche Kooperationen zwischen Ost- und Westeuropa - und zwar mehr, als man gemeinhin denkt. Die Konferenz will das diskutieren. Sie baut dabei auf einer anderen Leseart der Geschichte des Kalten Krieges auf.

STANDARD: Inwiefern?

Ther: Vor allem in England und in den USA wird der Kalte Krieg fast ausschließlich als Konflikt beschrieben. Das betrifft auch sein Ende: Die Entspannungspolitik der 1970er-Jahre scheiterte, Ronald Reagan habe dann mit seinem militärischen Hochrüsten die Sowjetunion in die Knie gezwungen, so die "Cold War History". Würde das stimmen, hätte der Kalte Krieg in Korea und Kuba enden müssen. Er hat aber in Europa geendet. Das spricht für eine andere Interpretation.

STANDARD: Für welche?

Ther: Für jene, dass der Ost-West-Konflikt auch durch die Erfahrung der Entspannungspolitik beendet wurde. Nach der Formel "Wandel durch Annäherung" hat der Austausch zwischen Ost und West massiv zugenommen. Diese Kontakte haben offenbar Vertrauen gestiftet. Die Kommunisten haben sich auch daher für Reformen geöffnet. Dafür spricht, dass auch in Zeiten der Konfrontation, etwa nach dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, viele Geschäfte gemacht wurden und der Reiseverkehr zwischen Ost und West kaum gelitten hat.

STANDARD: Welche Rolle nahm Österreich dabei ein?

Ther: Nach Österreich konnten Ungarn und Polen zeitweise visafrei einreisen. So war das Land das Tor zum Westen bzw. zum Osten. Wer Ostwährungen zu einem besseren Umtauschkurs als dem offiziellen kaufen wollte, konnte das in Wien gutmachen. Wien war auch immer Handelsstandort. Doch über die Wirtschaftskontakte weiß man noch erstaunlich wenig. Die Metaphern Eiserner Vorhang oder Kalter Krieg waren so dominant, dass man an diese Austauschprozesse lange nicht gedacht hat.

STANDARD: Was sind Beispiele für solche Kooperationen?

Ther: Es gab etwa offizielle Wirtschaftskontakte mit dem Stahlkombinat Eisenhüttenstadt in der DDR, für das die Vöest-Alpine ein neues Stahlwerk lieferte. Als "Deal des Jahrhunderts" galt eine andere Kooperation: sowjetisches Gas für deutsche Mannesmann-Röhren und Kompressoren. Für diese Geschäfte war aber immer politische Rückendeckung notwendig, insofern waren es auch politische Geschäfte.

STANDARD: Wie reagierten die USA auf derartige Annäherungen?

Ther: Der Gas-Röhren-Deal hat zu massiven Spannungen innerhalb der westlichen Welt geführt. Reagan und der damalige US-Verteidigungsminister Weinberger schäumten vor Wut, weil die Geschäfte die Konfrontation mit dem Ostblock aufgebrochen haben. Zudem gab es massive Exportbeschränkungen für Technologien, die man auch für Rüstungszwecke verwenden konnte.

STANDARD: In welchem Ausmaß wurden Geschäfte mit dem Ostblock betrieben?

Ther: Der Osthandel der Republik Österreich hat ab 1950 nur etwa zehn Prozent des gesamten Handels ausgemacht. Das klingt zwar nach wenig, aber für einzelne Betriebe war er bedeutend. Der Vöest hat das Geschäft in der Stahlkrise das wirtschaftliche Überleben gesichert.

STANDARD: Was lässt sich über diese informellen Geschäfte sagen?

Ther: Es gab auch wirtschaftliche Kontakte auf gesellschaftlicher Ebene: Kleinhandel, Tauschgeschäfte und Schmuggel. Aber darüber weiß man noch weniger. In Polen war der Einkaufstourismus in den 1980er-Jahren bereits ein Massenphänomen. Die Polen haben trotz aller Verbote auch innerhalb des Ostblocks sehr viel gehandelt. In Warschau gab es Ende der 1980er-Jahre bis zu elf Prozent sogenannte Prywatarzy, also Privatiers, die nicht mehr für den Staat, sondern als Selbstständige arbeiteten.

STANDARD: Mit welchen Gütern wurden hier Geschäfte gemacht?

Ther: Das waren oft banale Alltagsartikel. In der DDR haben Polen viele Kinderschuhe gekauft, weil dort Salamander produzierte. Und Salami. In der DDR gab es dafür wenige Autoauspuffe. Diese Tausch- oder Verkaufsgeschäfte gab es auch mit dem Westen. Meine Familie ist ursprünglich aus Böhmen. So habe ich als Jugendlicher und Student nach Prag immer Musikkassetten mitgebracht. Damit hatte ich dann freien Eintritt in den Discos - und mehr.

STANDARD: Was passierte mit den offiziellen Wirtschaftskontakten nach dem Ende des Konflikts?

Ther: Es ist auffällig, dass sich gerade jene drei Länder nach 1989 stark im Osten engagiert haben, die davor schon gute Kontakte hatten: Deutschland, Italien - etwa mit der Lizenzproduktion bei Polski-Fiat - und Österreich. Für Österreich geht man davon aus, dass der Osthandel nach 1989 bis zu einem Prozent zusätzliches Wirtschaftswachstum pro Jahr generiert hat. Das hat viel damit zu tun, dass man sich kannte und eher bereit war, auch nach 1989 Geschäfte zu machen.

STANDARD: Was ist heute davon übriggeblieben?

Ther: Nach 1989 erfolgte quasi eine Globalisierung im Kleinen: die Öffnung der Märkte, Produktionsverlagerungen. Das hat gerade Österreich und Deutschland die Konkurrenzfähigkeit in Europa und darüber hinaus gesichert. Stichwort: verlängerte Werkbank. Ihre Firmen können in Osteuropa günstiger produzieren. Ob das auf Dauer funktioniert, ist fraglich. Mit Blick auf Ungarn und die dortige politische Entwicklung kann man diesbezüglich skeptisch sein. (Lena Yadlapalli, DER STANDARD, 17.04.2013)


Philipp Ther, geb. 1967, ist seit 2010 am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien tätig. Die Veranstaltung "Mauersprünge: Wirtschaftliche Ost-West-Kontakte seit den 1970er-Jahren" (in Kooperation mit dem Imre-Kertesz-Kolleg der Universität Jena) findet am Donnerstag und Freitag, 18. und 19. April 2013, am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien statt.

Link
www.osteuropaforum.at/mauerspruenge

  • West-Ost-Geschäfte im Kleinen: Philipp Ther durfte als Jugendlicher mit Musikkassetten aus dem Westen gratis in Prager Discos.
    foto: standard/corn

    West-Ost-Geschäfte im Kleinen: Philipp Ther durfte als Jugendlicher mit Musikkassetten aus dem Westen gratis in Prager Discos.

Share if you care.