Missbrauch oder nicht - Propagandaschlacht um die Drogensubstitution

16. April 2013, 18:30
250 Postings

Patienten, Polizei und Propagandaschlacht: Tausende Drogenabhängige bekommen vom Staat Ersatzmedikamente, um ihre Sucht zu stillen. Experten üben Kritik an der Praxis, doch neue Zahlen relativieren die Dimension des angeblichen Missbrauchs

Wien - Schwarzmarkt, Medikamentenmissbrauch, Profitstreben von Pharmafirmen: An Österreichs Drogenpolitik hat sich eine hitzige Debatte entzündet. Im Zentrum steht die Substitutionstherapie für Suchtkranke. Statt Drogen auf der Straße kaufen zu müssen, bekommen 16.782 Abhängige auf Kosten der Krankenkasse Ersatzmedikamente verordnet. Das soll ein geregeltes Leben ermöglichen und den Absturz in die Kriminalität verhindern.

Das Programm an sich ist nicht nur unter Fachleuten weitgehend unumstritten, sondern mittlerweile auch für Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), die anfangs noch von einer "Abkehr" gesprochen hatte. Ein Dorn im Auge ist der Politikerin und der Polizei aber das beliebteste Mittel der Substitution.

55 Prozent der Patienten sind auf retardiert, also verzögert wirkendes Morphin eingestellt - und dieses gilt als Hit am Schwarzmarkt. Als Beleg dient die Kriminalstatistik: Stellten die Fahnder 2009 noch 7803 Stück illegal gehandelter Substitutionsmedikamente sicher, waren es ab 2010 bereits über 10.000. Rund 70 Prozent entfallen auf Morphinpräparate.

Minianteil am Schwarzmarkt

Neue Zahlen relativieren die Dimensionen allerdings. Wiens Drogenkoordinator Michael Dressel hat die Polizeistatistik mit den laut Magistrat pro Jahr ausgegebenen Tabletten verglichen. Ergebnis: Maximal 0,15 Prozent der in Wien verschriebenen Medikamente wurden später von der Polizei sichergestellt.

Er wolle den Handel nicht bagatellisieren, zumal ja auch nicht jedes schwarze Schaf auffliege, sagt Dressel, "aber die behauptete Überschwemmung des Marktes ist durch keine Zahlen belegt. Das ist eine reine Propagandaschlacht." Dass pro Aufgriff im Schnitt nur etwa sechs bis sieben Stück beschlagnahmt werden (siehe Grafik), deute ebenso wenig auf grassierenden Großhandel hin.

Den städtischen Suchtbekämpfer ärgert noch etwas. Vor drei Jahren habe man in einem gemeinsamen Projekt mit der Polizei begonnen, die Dealerei mit "Substis" zu bekämpfen, um Konsumenten ins legale Programm zu bringen. Mehr Anzeigen und Aufgriffe seien da die logische Folge, sagt Dressel, "doch jetzt dreht das Innenministerium den Spieß plötzlich um".

Aktion scharf der Polizei

Dass Schwerpunktaktionen die Zahlen in die Höhe trieben, will man am Bundeskriminalamt gar nicht bestreiten. Mehr "Kontrolldruck" habe zu mehr Anzeigen geführt, bestätigt Sprecher Mario Hejl, daraus sei nicht per se auf mehr Kriminalität zu schließen.

In Wien, als Großstadt Brennpunkt des Drogenproblems, verschreiben Ärzte das umstrittene Morphin so oft wie nirgendwo sonst im Land. Weil der Stoff der Wirkung von Heroin am nächsten komme, Abhängigen ein normales Gefühl und im Gegensatz zur Alternative Methadon keine Nebenwirkungen beschere, werde es gut angenommen, argumentieren die Befürworter - und entscheidend sei schließlich, dass Patienten nicht aus der Therapie flüchten.

Allerdings gibt es, was das Marktführermedikament Substitol betrifft, Konsumvarianten, die dem Sinne des Erfinders widersprechen. Wer den Inhalt der Kapseln auflöst und sich spritzt, kann einen Flash erleben, der sich durch simples Schlucken nicht einstellt. Das mache das Zeug am Schwarzmarkt begehrt, sagen die Ermittler.

Jagd nach dem täglichen Kick

Grundsätzlich muss das Substitut zwar täglich unter Aufsicht in der Apotheke geschluckt werden. Doch viele Patienten, die bei Harntests und anderen Kontrollen nie Missbrauch erkennen ließen, bekommen längerfristige Rationen, um einen unbeeinträchtigten Alltag führen zu können - in Wien sind es mehr als die Hälfte. Weil Ärzte mitunter übertriebene Mengen verschrieben, bliebe einiges zum Verkauf, heißt es im Innenministerium. Andere schmuggelten die Kapseln im Mund aus der Apotheke, um sie als sogenannte "G'spuckte" zu verchecken.

Reinhard Haller stimmt in diese Bedenken ein. Vorarlbergs Drogenbeauftragter ist "stolz", dass sein Land aus der Reihe tanzt und überwiegend auf das in den Apotheken flüssig verabreichte Methadon setzt - entgegen Wiener Warnungen verspürten nur maximal sieben Prozent der Patienten Nebenwirkungen, sagt er. Haller deklariert sich als Fan der Substitution, aber als Gegner der Fixierung auf Morphin, die "nur Nachteile" beschere. Viele Süchtige kämen weder aus dem Kriminal weg noch von der Nadel - womit die Ansteckungsgefahr mit HIV oder Hepatitis bleibe.

Problematische Zweckentfremdung

Die Zweckentfremdung des Morphinmedikaments hält auch Gabriele Fischer für ein großes Problem, gehe es doch darum, Patienten von der Jagd nach dem täglichen Kick loszureißen; die Leiterin der Suchtambulanz an der Medizin-Uni Wien entwickelt ein missbrauchssicheres, weil nicht spritzbares Präparat, und sucht dafür Studienteilnehmer. Fischer meint, dass die Morphinprodukte für Patienten sehr gut wirken, aber angesichts der Schattenseiten zu leichtfertig eingesetzt würden.

In Wiens Drogenpolitik sieht die Ärztin eine "Fehlsteuerung", die psychische Ursachen und Begleiterscheinungen der Sucht vernachlässige. Statt "multiprofessionelle Betreuung" in psychiatrischen Abteilungen zu garantieren, würden die Kranken zu sehr den Allgemeinmedizinern überlassen, die fachliche Unterstützung vermissten und oft zu viele Patienten betreuten. Häufig würden zu hohe Dosen verschrieben - sei es aus Nachgiebigkeit, sei es aus Überforderung. Laut Gesundheitsministerium sinkt die Zahl der für Substitution verfügbaren Ärzte, bei immer mehr Patienten.

Ersatz muss grauslich sein

"Die Verleumdung, dass generell zu viel verschrieben wird, ist zurückzuweisen", kontert Hans Haltmayer, zuständiger Referent der Wiener Ärztekammer. Laut Wiener Statistik bekomme ein Patient im Schnitt 730 Milligramm Morphin pro Tag, sagt Haltmayer und verweist auf medizinische Übereinkünfte, wonach dies im Mittel liegt. AKH-Ärztin Fischer setzt die durchschnittliche Dosis bei 600 bis 700 Milligramm an.

Warum gerade Österreich auf Morphinpräparate baut, die in den meisten EU-Staaten gar nicht angewendet werden? Haller glaubt an erfolgreiches Lobbying der Pharmaindustrie (siehe unten), räumt aber auch einen Unterschied ein: Mehrere Länder substituieren mit reinem Heroin, haben also keinen Bedarf am Ersatzstoff. Da unter Aufsicht gespritzt wird, hält Haller dies für einen Weg, Schwarzhandel zu vermeiden. Jedoch müssen die Patienten täglich verfügbar sein - was einen "normalen" Alltag erschwert.

Die Verfechter des "Wiener Weges" glauben hingegen an einen ideologischen Feldzug, der nun auch Österreich erfasse. Drogensüchtige würden immer noch nicht als schwerkranke Menschen gesehen, die einfach des wirkungsvollsten Medikaments bedürfen, meint Drogenkoordinator Dressel: "Wenn sie schon etwas kriegen, so die Einstellung, dann nur etwas Grausliches." (Gerald John, DER STANDARD, 17.4.2013)

  • Pillen sollen Heroinsüchtigen die Spritze ersparen, doch viele Ersatzmedikamente landeten auf dem Schwarzmarkt, behaupten Kritiker.
    foto: corn

    Pillen sollen Heroinsüchtigen die Spritze ersparen, doch viele Ersatzmedikamente landeten auf dem Schwarzmarkt, behaupten Kritiker.

  • Substitol macht den Löwenanteil an sichergestellten Ersatzpräparaten aus.
    grafik: der standard

    Substitol macht den Löwenanteil an sichergestellten Ersatzpräparaten aus.

  • Stimmungsmache auf dem Rücken kranker Menschen?
    foto: corn

    Stimmungsmache auf dem Rücken kranker Menschen?

Share if you care.