"Keine Platte, die man einfach bei der nächsten Party spielt"

16. April 2013, 17:53
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Dass die schönsten Dinge im Leben durch nichts festzuhalten sind und der Moment des Erlebens mehr wiegt, verdeutlicht Turner-Preisträger Richard Wright auch in seiner jüngsten In-situ-Arbeit

Ein geisterhaftes Lehrstück in Silber ab Donnerstag im Theseustempel.

Wien - Schönheit ist für die Bewertung zeitgenössischer Kunst kein wesentliches Kriterium mehr, sondern eher verpönte Kategorie. Aber als Richard Wright 2009 den renommierten britischen Turner-Preis gewann, frohlockte das Feuilleton. "Verdammt schön", las man im Daily Telegraph. Und auch das Publikum, das sich mit den sensationsheischenden Arbeiten der Vorjahre schwertat, schwelgte vor den goldenen, fresko-ähnlichen Renaissance-Ornamenten, die in wochenlanger Handarbeit auf die Wände der Tate Britain appliziert wurden.

Goldschimmer, zu dem Wright auch Gemälde der Sammlung inspirierten, darunter etwa das endzeitliche The Great Day of His Wrath (1851-53) von John Martin oder der apokalyptische Himmel in William Turners The Deluge (1805). "Danke für die künstlerischen Fertigkeiten, die dem Turner Preis zurückgegeben wurden", hinterließ ein Besucher; ein anderer wünschte sich ein vom Künstler ausgestaltetes Wohnzimmer.

Provokant war die Arbeit des 1960 in London geborenen, in Glasgow lebenden Künstlers aus konservativer Perspektive dennoch, denn die kostbare Wandmalerei wurde am Ende der Ausstellung kurzerhand übertüncht. Das Schaffen ephemerer Kunstwerke, die irgendwann eine weitere Schicht Farbe zerstört, ist eine Praxis, der Wright seit mehr als 20 Jahren die Treue hält. Ein Konzept, mit dem er auch jenen Teil der Kunstwelt begeistern konnte, der sich von Schönheit allein für gewöhnlich nicht becircen lassen will. Verkaufen lässt sich das Vergängliche freilich schlecht, aber wem Galerist Larry Gagosian den Rücken stärkt, um den muss man sich kaum sorgen. Die nach dem Preis eingekehrte Flaute scheint nun auch vorbei: Erst im März enthüllte man Wrights 47.000 handgemalte Sterne über Rembrandts Nachtwache im Rijksmuseum in Amsterdam.

Schimmernder Schatten

Auch Wrights neueste Intervention im Wiener Theseustempel überzeugt mit beiden Qualitäten: 23 Arbeitstage wendete er gemeinsam mit vier Assistenten auf, um in die ursprünglich für Antonio Canovas Skulptur Theseus besiegt den Centauren gebaute Behausung den Glanz von Blattsilber zu zaubern: ein Dreieck, durchzogen von sich labyrinthisch dicht an dicht schlingenden Linien - irgendwo zwischen barockem Ornament, Tattoo, Animal Print und floralen Motiven - bedeckt die Wand, scheint sogar die Symmetrie des Raumes zu verrücken. Die Komposition wurde mittels Lochpause aufgebracht, einer seit dem Mittelalter existierenden Technik, bei der Kreide durch kleine Löcher im Entwurfskarton geblasen wird. Wrights Wandmalerei wirkt so, als ob der Geist von Canovas auf einer Dreieckskomposition basierenden klassizistischen Figurengruppe hier einen lichten, schimmernden Schatten wirft.

Die Geschichten, die in Räumen gespeichert sind, ihre Spuren interessieren ihn, sagt Wright. Auch die Architektur des Theseustempels sei eine bereits begonnene Komposition. "Die Luft in einem Raum kann man nicht sehen, aber die Atmosphäre spüren." Tag für Tag wird durch das Schwärzen des Silbers im Sonnenlicht das Motiv greifbarer, um am Ende des Sommers dennoch vollends zu verschwinden. Obwohl Wright einige permanente Werke für Sammler realisiert hat, sind ihm jene, die verschwinden, die liebsten.

Seine Arbeit sei eben "keine Schallplatte, die man einfach bei der nächsten Party spielt". Man könne über das Sterben der ortsspezifischen Werke reden oder aber ihr Leben in den Mittelpunkt stellen - und die Erinnerung daran, sagt Wright. Nicht nur Künstler wie Beuys hätten eine Präsenz, die auch nach ihrem Tod noch spürbar ist, auch "Werke existieren auf dieser psychologischen Ebene und wirken dort viel mächtiger als ihre Physis." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 17.4.2013) 

Bis 29.9.

  • Richard Wright wirft einen schimmernden Schatten aus silbrigen Linien in den Theseustempel im Volksgarten. 
    foto: kunsthistorisches museum

    Richard Wright wirft einen schimmernden Schatten aus silbrigen Linien in den Theseustempel im Volksgarten. 

  • Detail des Blattsilbers an der Wand.
    foto: kunsthistorisches museum

    Detail des Blattsilbers an der Wand.

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