Ein James, den sie Hansi nennen

16. April 2013, 17:02
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James Last feiert seinen 84. Geburtstag mit einem Konzert in der Wiener Stadthalle

 Wien - Heute, Mittwoch, wird James Last seinen 84. Geburtstag vor einigen tausend Leuten feiern, die möglicherweise nicht ganz so alt wie das Geburtstagskind selbst sind. Musik hält jung - aber man muss sie aktiv ausüben und noch gut hören können. Dabei kann man nicht gerade sagen, dass der 1929 in Bremen als Hans Last geborene Bandleader zu den Leistungssportlern im Gewerbe zählt.

Wenn James Last dirigiert, wirkt das immer so, als ob er vergessen hätte, vor dem Auftritt noch schnell auf einem stillen Ort zu verschwinden. Jetzt, vor all den fremden Menschen, geht das nicht, also zieht er den Kopf ein, zittert am Stand und bewegt nur den rechten Unterarm im Takt. Zu viel Erschütterung ist gar nicht gut!

Der Unterarm schwingt dabei recht lässig, die Knie sind aus Gummi. Während James Last seine Orchester lenkt, merkt man einerseits, dass er seine musikalische Grundausbildung zwar in der Heeresmusikschule Bückeburg erfuhr. Nach der Befreiung 1945 machte sich aber auch James Last locker und wechselte vom Fagott zum Kontrabass. Er wurde zu einem der gefragtesten Jazzmusiker Deutschlands und spielte 1953 gar in einem Ensemble gemeinsam mit zwei anderen großen Namen der deutschen Wirtschaftswunder-Turboblech-Tanzmusik-Klangtapete, Pianist Paul Kuhn und Saxofon-Huper Max Greger.

Gemeinsam hegten die drei nicht nur eine Liebe zum vor Lebensfreude vibrierenden Jazz aus Übersee, sondern auch zum Klingeln der Deutschmarks in der Kassa. Sie gründeten allesamt Unterhaltungsorchester und regierten jahrzehntelang nicht nur die deutsche Fernsehlandschaft. Sie überzogen das Land auch live mit einem schmetternden Sound, der vor allem in den Bläsersätzen nie verhehlen konnte, dass er zwar präzise wie ein Mercedes vom Fließband in Stuttgart rollte, aber eben auch losplärrte wie ein Fanfarenrollkommando aus der deutschen Wochenschau.

Einmal um die ganze Welt

Paul Kuhn war zu melancholisch, Max Greger zu derb. Zum auch weltweit gesehen erfolgreichsten Bandleader aller Zeiten stieg James Last ab den 1960er-Jahren auf. Mit Ausnahme der USA knackte James Last so gut wie jeden Erwachsenenmarkt der Welt. Menschen, denen intensive Musik zu intensiv und Popmusik zu sehr mit Protestpotenzial und sexuellen Glücksversprechungen vollgeräumt war, vertrauten darauf, dass das James-Last-Orchester, dessen Leader bald von den Fans liebevoll "Hansi" gerufen wurde, die Ecken und Kanten rausräumte und die dunklen Nischen mit Halogen ausleuchtete.

So entstanden über die Jahrzehnte nicht nur die legendären Nonstop Dancing-Werke, mit denen James Last müde deutsche Firmen- und Wohnzimmerfeiern mit fröhlich-beschwingter Musik befeuerte. Zur Animation der hüftsteifen Hörer wurden damals unter die Musik Gläserklirren, Lachen und Party-Party gemischt.

James Last bereiste die Welt. Er verschwingte Johann Sebastian Bach ebenso wie die Dudelsäcke des schottischen Hochlands. Er bereiste die Sowjetunion und jagte die Kalinka durch den Ballsaal, ging mit den Beach Boys in Kalifornien surfen (aber nur ein bisschen), filterte aus Abba den störenden Gesang raus - und verpasste einem Publikum, das es für Klassik immer zu eilig hat, gemeinsam mit Richard Clayderman Traummelodien und Serenaden.

Karibisch, romantisch, Happy Birthday, Christmas, Musical, Happy Lehár, Macarena, Soul, Polka, Voodoo Party, James Last im Allgäu, Russland zwischen Tag und Nacht, ja, sogar eine preisgekrönte Einspielung der von ihm mäßig geschätzten Dreigroschenoper mit Helmut Qualtinger, Franz Josef Degenhardt sowie Zank mit Weill-Witwe Lotte Lenya wegen eines elektrisch verstärkten Basses setzte es. Und wenn die anderen zur Arbeit gehn, dann sagen wir gut' Nacht!

James Last war 1977 auch verantwortlich für den verheerenden Siegeszug des Panflötenspielers Gheorghe Zamfir und dessen Superhit Einsamer Hirte , der zuletzt im Soundtrack von Kill Bill umging. Das war damals schlimmer als Punkrock. Heute ist alles verziehen. Alles Gute, Hansi! (Christian Schachinger, DER STANDARD, 17.4.2013)

  • James Last in den 1970er-Jahren: Nonstop Dancing!
    foto: polydor

    James Last in den 1970er-Jahren: Nonstop Dancing!

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