Wenn das Geld auf Reisen geht

8. Mai 2013, 10:05
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Wo ein Schein ausgegeben wird, ist beim Beheben nicht immer klar. Oft hat Bargeld Migrationshintergrund

Geld kennt keine Grenzen. Werden Scheine in einem europäischen Staat behoben und in einem anderen ausgegeben, spricht man von Bargeldmigration. Zunächst ist dieser Grenzgang unsichtbar, denn Bargeld ist anonym.

Touristen bringen Bargeld

Beteiligt an dieser Migration sind vor allem Touristen. So haben ausländische Reisende in Österreich im Jahr 2011 etwa 14,3 Milliarden Euro ausgegeben, weiß die Nationalbank (OeNB). Allein Urlauber aus Deutschland bringen jedes Jahr rund 2,5 Milliarden Euro Bargeld ins Land. Die österreichische Nationalbank ist der mit Abstand größte Nettoempfänger unter den Zentralbanken der Eurozone.

Wenn die einzelnen Scheine auch nicht markiert sind, so wird an den Gesamtsummen dennoch sichtbar, wie das Geld wandert. Die OeNB etwa hat im Jahr 2011 Banknoten im Wert von 66,4 Milliarden Euro in Umlauf gebracht, zurückbekommen hat sie Scheine im Wert von 73,1 Milliarden Euro.

In Europa wandert jedoch nicht nur Bargeld. Weitaus höhere Summen werden jeden Tag von einem Euro-Land in ein anderes überwiesen. Täglich gibt es Transaktionen im Wert von 2,385 Billionen. Allein die österreichischen Institute senden und empfangen laut OeNB mehr als 60 Milliarden Euro pro Tag. In einer einzigen Woche bewegen sie also ein Volumen, das dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines ganzen Jahres entspricht.

Bis 2008 stabile Werte

Zentrale Schaltstelle dieser Transaktionen ist die Europäische Zentralbank (EZB). Jedes Mal, wenn aus einem europäischen Land Geld in ein anderes überwiesen wird, entstehen ihr gegenüber Verbindlichkeiten und Forderungen. Erhält eine österreichische Bank Gelder aus dem EU-Ausland, läuft diese Zahlung über die entsprechende nationale Zentralbank auf das Konto, das die Geschäftsbank bei der Nationalbank hat. Die Nationalbank zahlt den Betrag aus, hat damit aber selbst eine Forderung gegenüber der Zentralbank des Landes, aus dem die Überweisung kommt. Und diese hat umgekehrt eine Verbindlichkeit gegenüber der Nationalbank. So funktioniert – vereinfacht ausgedrückt – das europäische Clearingsystem "Target 2".

Bis 2008 seien die Forderungen und Verbindlichkeiten relativ stabil gewesen, schreibt die EZB in ihrem Jahresbericht 2011. Seither aber explodieren die Target-Salden geradezu. Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten.

Erklärungsversuche

Die Erklärungsversuche sind vielfältig. Reiche bringen Geld aus dem Land, heißt es etwa, wenn hohe Abflüsse aus einem finanziell angeschlagenen Staat festgestellt werden – die Verbindlichkeiten der zypriotischen Notenbank etwa sind vor der Zuspitzung der Krise täglich um bis zu 200 Millionen Euro gestiegen, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

Geschäftsbanken in den Krisenländern verliehen das ihnen zugeflossene Geld am Interbankenmarkt nicht mehr, sondern legten es bei den Zentralbanken an, während die Banken in krisengeschwächten Staaten sich über das Eurosystem Geld besorgten, um ihren Liquiditätsbedarf zu decken, erklärt die Deutsche Bundesbank.

Als Grund für die hohen Verbindlichkeiten Frankreichs macht die Tageszeitung Die Presse die Reichensteuer aus. Seit Herbst 2012 sind in Frankreich auf Einkommen von über einer Million Euro 75 Prozent Steuer fällig. Geführt habe das nicht wie geplant zu klingelnden Staatskassen, sondern vor allem zu einer Kapitalflucht aus Frankreich. Paris steht bei der EZB derzeit tiefer in der Kreide als Griechenland.

Österreich im Minus

Auch Österreich häufte bis Ende November 2012 Verbindlichkeiten von fast 40 Milliarden Euro an, seither sind sie leicht rückläufig.

Diese Summe habe sich im Laufe der Jahre angesammelt, vor allem durch Handel mit ausländischen Währungen, so die Nationalbank. Eine Kapitalflucht gebe es hierzulande nicht. Dass die OeNB weniger Geld aus- als rückliefert, lasse sich aus der Orientierung der heimischen Banken nach Osten und Südosten erklären. Zum Teil würden diese hohen Abflüsse sogar die Summen ausgleichen, die in Form von Bargeld ins Land strömen.

Deutschland hat hohe Forderungen

Während aus Österreich also mehr Geld ab- als zufließt, sind die Vorzeichen in Deutschland umgekehrt. Die deutsche Bundesbank hat der EZB gegenüber Forderungen in Höhe von fast 600 Milliarden Euro. Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn sieht darin eine Falle. Würde die Währungsunion tatsächlich zerfallen, wären die Forderungen verloren, kritisiert er, und fordert die regelmäßige Tilgung der Salden. Sonst sei Deutschland erpressbar und müsse immer wieder bei neuen Rettungsaktionen zugunsten der "Europeripherie" mitmachen.

Würde man Sinns Forderung nachkommen, wäre das Funktionieren der Währungsunion behindert, hält die OeNB dagegen. Auch der belgische Ökonom Paul De Grauwe kontert Sinn: Es gebe keine zusätzlichen Risiken aus der Höhe der Target-Salden, schreibt er auf der Ökonomenplattform Vox. Die finanziellen Probleme Deutschlands seien hausgemacht. Für De Grauwe sind sie die Folge jahrelanger Leistungsbilanzüberschüsse.

Seit einigen Monaten gehen übrigens auch die deutschen Target-Forderungen wieder zurück, genauso wie die Verbindlichkeiten Spaniens, Italiens oder Griechenlands. Es hat den Anschein, als pendle sich das System langsam wieder ein. Die Höhe der Salden zeigt aber, dass die Nachfrage nach Zentralbankgeld vor allem in den südlichen Eurostaaten noch immer hoch ist. (Elisabeth Parteli, derStandard.at, 8.5.2013)

Wissen

Target 2 ist die zweite Generation des europäischen Zahlungsverkehrssystems Target (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System). Seit 2007 dient dieses gemeinsame Echtzeit-Brutto-Clearingsystem des Eurosystems dem täglichen Transfer von Geldern zwischen den angeschlossenen Geldinstituten. "Brutto" bedeutet, dass jede Zahlung aus dem Zentralbankguthaben der auftraggebenden Bank ausgeführt wird.

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    In welchem Land ein Geldschein ausgegeben wird, ist oft Zufall. Bargeld wandert anonym über Staatsgrenzen, Überweisungen innerhalb Europas registriert die EZB dagegen sofort.

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    Seit 2008 sind die Salden zwischen den europäischen Nationalbanken in einer Schieflage.

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    Die deutsche Bundesbank hat gegenüber der Europäischen Zentralbank Forderungen von rund 600 Milliarden Euro angehäuft. In Frankfurt liegen die beiden Institute nur wenige Straßen voneinander entfernt.

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