"Tödliche Hilfe": Alle wollen Haiti retten

15. April 2013, 18:30
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Chaos beim Wiederaufbau, Druck auf das politische System: Eine TV-Doku erzählt die Geschichte vom humanitären Bankrott der Geberländer nach dem Erdbeben in Haiti 2010

Wien - Joséus Nader, Ingenieur beim haitianischen Verkehrsministerium, fühlte sich an dem Morgen nicht wohl. Irgendwie war er nervös, ohne genau sagen zu können, warum. "Ich spürte, dass ich nicht im Büro bleiben kann", sagt Nader. Er stieg ins Auto und fuhr los. Nach wenigen Metern schlug etwas gegen seinen Wagen: "Dann schrien alle und warfen sich auf die Knie."

230.000 Tote, 300.000 Verletzte, mehr als 1,5 Millionen Obdachlose lautete die traurige Bilanz nach dem Erdbeben von Haiti am 12. Jänner 2010. Eine Minute nur bebte die Erde, danach war nichts mehr wie es vorher war.

Land im Chaos

Und ist es bis heute nicht. Auf die Naturkatastrophe folgte der humanitäre Bankrott, wie der Dokumentarfilm Haiti - Tödliche Hilfe, Dienstag, 21.45 Arte, zeigt. Doch anders als man vermuten könnte, stürzte nicht die Untätigkeit der Reichen das Land ins Chaos, sondern das genaue Gegenteil: Die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft sorgte für Zustände, die drei Jahre danach deren Hilfsmaßnahmen in fragwürdigem Licht erscheinen lassen.

3,8 Milliarden Euro in 18 Monaten, 8,5 Milliarden Euro in fünf Jahren versprach die Weltgemeinschaft. Um diese Summen zu verwalten, wurde eine Kommission zum Wiederaufbau gegründet. Am Tisch sitzen die Geldgeber. Alle wollen Haiti retten.

Zu sehen ist, wie sich die Helfer gegenseitig im Weg stehen: Vier verschiedene NGOs arbeiten an einem Kanal, der freigeräumt werden muss. "Eine Organisation stellte einen Trupp Arbeiter, der den Schutt aushob, ihn dann neben dem Kanal liegen ließ", erzählt Nader. Zwei Tage später schwemmte Regen den Schutt wieder zurück in den Kanal. Keine fünfzig Meter weiter bezahlte eine andere NGO Mitarbeiter, die denselben Schutt wieder ausgraben sollte.

Motive der Hilfsorganisationen

"Geht es nur darum, dass ich meinen Willen durchsetze, weil es mein Geld ist?", hinterfragte René Preval, bis 2011 Staatsoberhaupt von Haiti, die Motive der Hilfsorganisationen. Die Gebergemeinschaft befürchtet, wenn man das Geld dem Land frei überlässt, es nicht den Bedürftigen zugutekommt, sondern im Korruptionssumpf versinkt.

2011 verliert Preval die Unterstützung von Bill Clinton, dem Uno-Sonderbeauftragten für Haiti. Die internationale Hilfe finanziert drei Viertel der Wahlen. Sie will sicher gehen, dass sie ihre Investitionen nicht umsonst getätigt hat. Außerdem geht es um Wirtschaftsinteressen: Coca Cola plant Mangoplantagen für Softdrinks. Clinton wechselt zu Michel Martelly, der die Wahl prompt gewinnt. Martelly will eine haitianische Armee ins Leben rufen. Die Gräben werden tiefer. (Doris Priesching, DER STANDARD, 16.4.2013)

  • Spenden, die nicht zu den Menschen kommen: "Haiti - Tödliche Hilfe" um 21.45 Uhr auf Arte.
    foto: arte

    Spenden, die nicht zu den Menschen kommen: "Haiti - Tödliche Hilfe" um 21.45 Uhr auf Arte.

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