ICIJ: Drehscheibe globaler Recherchen

15. April 2013, 18:26
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Das Journalisten-Konsortium, das Offshore-Leaks ins Rollen brachte

Thomas Maier hat es immer gewurmt, dass niemand ernst zu nehmen schien, was er über den Bauboom auf Long Island schrieb, darüber, dass viele Häuser zu dicht standen und gefährlich nah am Atlantik. "Die Story schien keinerlei Wirkung zu haben", schreibt der Reporter. "Das änderte sich erst im Oktober 2012, als der Wirbelsturm Sandy an der Küste Long Islands fast 100.000 Wohneinheiten in Mitleidenschaft zog."

Maier gehört zu einem Netzwerk von Reportern, das erst jetzt für Furore sorgt, indem es Offshore-Leaks veröffentlicht, detaillierte Belege, wie Schwarzgeld in Steueroasen angelegt wird. Dabei gibt es das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) seit 1997, während das Center for Public Integrity, seine Dachorganisation, bereits seit 1989 besteht. Bill Buzenberg, der Direktor des Zentrums, versteht es als journalistische Antwort auf die Globalisierung. "Geschichten überschreiten Grenzen", sagt er im STANDARD-Gespräch: "Und wir haben eine grenzüberschreitende Perspektive." Die Geschäftswelt sei längst global organisiert, zudem gebe es weltweite Netzwerke von Steuerhinterziehern oder Drogenschmugglern: "Um angemessen berichten zu können, muss sich auch der Journalismus global organisieren."

Fünf Angestellte

Buzenberg war lange Auslandskorrespondent in London, für National Public Radio, Amerikas Pendant zum öffentlich-rechtlichen Hörfunk Europas. 2011 holte er Gerard Ryle, einen Iren, der sich in Australien einen Namen als investigativer Reporter gemacht hatte, ans ICIJ nach Washington. Fünf Angestellte, enge Räume in einem Büroklotz in der Innenstadt. Größter Geldgeber ist die Adessium-Stiftung aus den Niederlanden, gegründet von der Bankiersfamilie van Vliet. "Dennoch, wir arbeiten mit überaus knappen Mitteln", sagt Ryle.

Brisante Post

Der 47-Jährige schrieb für angesehene Zeitungen, die letzten drei Jahre vor seinem Wechsel in die USA verbrachte er allerdings im Medienmanagement, frustriert, weil investigative Recherchen zunehmend unter dem Sparzwang litten. Eines Tages erhielt der Routinier brisante Post, eine Festplatte mit 2,5 Millionen Dokumenten, darunter über zwei Millionen E-Mails und 130.000 Namen. Informationen, die in über 170 Länder und abhängige Gebiete führten. Das ICIJ sollte helfen, und umgekehrt wurde Ryle auch wegen des Datenschatzes nach Washington geholt.

Digitale Briefkästen

Das Konsortium kooperiert fest mit 160 Journalisten aus 60 Ländern, die meisten sind angestellt in großen Medienhäusern, BBC, "Guardian", "Le Monde" oder "L'Espresso". An den Offshore-Leaks arbeiten zurzeit 86 Reporter aus 46 Staaten. Man korrespondiere über digitale Briefkästen, und die Idee, der Vertraulichkeit wegen E-Mails zu verschlüsseln, sei bald wieder verworfen worden, erzählt Ryle. Ein australisches Unternehmen spendierte die Software zum Ordnen der Daten. 75.000 Dollar, die das ICIJ sparen konnte.

Nicht der erste Coup

Die Offshore-Leaks mögen der spektakulärste Coup sein, der erste sind sie nicht. Das Konsortium dokumentierte, wie Russland und Kanada, die größten Asbest-Exporteure, die Gefahren herunterspielen. Oder Vetternwirtschaft des Irakkrieges. Nachdem es die Herausgabe sämtlicher Kontrakte erstritten hatte, fand das Center for Public Integrity heraus, dass Halliburton, einst geleitet vom späteren US-Vizepräsidenten Dick Cheney, die meisten Regierungsaufträge bekam. Im US-Wahlkampf 2012 nahm das Zentrum die Super-PACs unter die Lupe, politische Aktionskomitees, die nicht an übliche Spendenlimits gebunden sind. (Frank Hermann, DER STANDARD, 15.4.2013)

  • Leitete Offshore-Leaks-Aktion: Bill Buzenberg.
    foto: cpi

    Leitete Offshore-Leaks-Aktion: Bill Buzenberg.

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