Irina Antonowa: Lebenslang Direktorin im Puschkinmuseum

Russlands Kulturminister Wladimir Medinski ernannte Irina Antonowa zur "Chefkuratorin aller staatlichen Museen"

Eigentlich könnte Irina Antonowa schon Jahrzehnte in Pension sein. Doch stattdessen huscht die 91-jährige Kunsthistorikerin auf Stöckelschuhen durchs Moskauer Puschkinmuseum und führt ein strenges Regiment - ganz nach alter sowjetischer Schule: Seit 1961 leitet sie diese Vorzeigeinstitution.

Wladimir Putin soll Antonowa, die ihn im letzten Wahlkampf unterstützte, versprochen haben, dass sie lebenslang in dieser Position bleiben könne.

Vergangene Woche schrieb sie erneut Schlagzeilen. Russlands Kulturminister Wladimir Medinski ernannte sie zur "Chefkuratorin aller staatlichen Museen". Die neu eingeführte Ehrenfunktion wurde auch als Geste der Wiedergutmachung verstanden: Kürzlich hatte der Kulturminister die Direktorin stundenlang im Vorzimmer warten lassen. Antonowa wurde dies zu bunt: Sie telefonierte kurz, und der Kulturminister wurde von höherer Stelle sofort zur Museumsdirektorin zurückbeordert.

Mit dieser Dame legt man sich besser nicht an: Sie hat nicht nur zahllose Minister kommen und gehen sehen. Bereits 1945, als Rotarmisten deutsche Beutekunst im Puschkinmuseum anlieferten, hatte die junge Kunsthistorikerin Hand angelegt. Nach dem Ende der Sowjetunion war sie dann eine der wichtigsten russischen Stimmen, die sich gegen die Rückgabe von Beutekunst an Deutschland aussprach. Den Priamosschatz von Heinrich Schliemann, der nach Kriegsende den Weg aus Berlin in ihr Depot gefunden hatte, hielt sie bis 1994 unter Verschluss.

Ideologisch konnte sich der Staat stets auf sie verlassen. Im Rahmen des politisch Möglichen setzte sie aber auch wichtige historische Akzente und trug maßgeblich zur Rehabilitierung bedeutender Kunstströmungen wie des Impressionismus in der Sowjetunion bei. Für ihr Museum, das sie international bestens vernetzte, lukrierte sie einzigartige russische Privatsammlungen. Die Kämpfernatur der seit 2011 verwitweten Antonowa ist wohl auch einem privaten Schicksalsschlag geschuldet: Der einzige Sohn kam 1954 krank zur Welt, sie kümmerte sich um ihn. "Ich bin hart durch das Leben bestraft worden und weiß nicht, warum", sagte sie in einem raren Fernsehinterview. Aktuell kämpft die Direktorin, die im Laufe der Jahre das Museum maßgeblich erweitern konnte, um den nächsten großen Ausbau.

Sie könnte es schaffen und hat noch Zeit. Ihre Mutter starb vor wenigen Jahren mit 100. (Herwig Höller, DER STANDARD, 16.4.2013)

Share if you care
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.