Outdoor im Trend: Anorak in der Großstadt

16. April 2013, 17:00
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Softshells und Fleecepullis in der Fußgängerzone oder ein autoreifendicker Daunen-Anorak über dem Business-Anzug sind schon fast so normal wie Flip Flops abseits vom Strand

Blättert man Outdoormagazine durch, hat man das Gefühl, Männer und Frauen im besten Alter würden tagtäglich 5000er stürmen, im Weißen Meer Eistauchen oder eben mal aus der Stratosphäre in Richtung Erde stürzen. Die Realität schaut aber anders aus. Nicht einmal drei Prozent der ÖsterreicherInnen verwenden laut Statistik Austria (Zeitverwendungsstudie 2009) ihre Freizeit darauf, wandern oder bergsteigen zu gehen. Trotzdem verkauft  sich die extrem wasserabweisende, Polarkälte-abhaltende und Sonnenschutz-integrierte Outdoor-Kleidung wie die warmen Semmeln. Trotz oder wegen ihres stolzen Preises.

Das Leben – eine Expedition

Einst als graue Maus der Sportmode ignoriert, avanciert Outdoorkleidung immer mehr zur gern getragenen Freizeitmode. Der Outdoor-Anorak ist stadtfein geworden, er besteht manchmal aus 3-Lagen-Windstopper-Laminat mit Microfleece-Außenseite und Flanell-Innenseite, die scheuerfesten Schultern sind zum Tragen für schwere Rucksäcke konzipiert und Unterarmreißverschlüsse regulieren die Luftzufuhr. Die Jacke hält in der Antarktis dicht, also wird sie wohl auch dem Nieselregen in Wien standhalten, oder? Mit leichtem Gepäck – nämlich I-Pad und Handy statt Thermosflasche und Zelt, bestreiten nicht wenige Alltags-Outdoor-Abenteurer in ihren Funktionsjacken den abenteuerlichen Weg zum Büro. Sie könnten es in ihrer dicken Kluft mit Extremkälte und Lawinen am Mount Everest aufnehmen, doch meistens fahren sie morgens nur U-Bahn.

Outdoor-Anbieter mit Alltags-Sortiment

Die Anbieter von Outdoorkleidung reagieren auf den Alltags-Trend. So wirbt das deutsche Traditionsunternehmen Maier Sports "rein in den Großstadtdschungel" mit seiner eigenen "Casual Line" in Agion Active Technologie. Die kalifornische Outdoor-Marke Patagonia hat Regenjacken für Kleinkinder im Sortiment, die jedem Outdoor-Freund Freudentränen in die Augen treiben: 2,5-lagiges, wasserdicht-dampfdurchlässiges Nylonlaminat hält "die kleinen Pfützenhüpfer bei jedem Wetter trocken". Der Schweizer Konzern "Mammut" bietet einen Kletterrock an, "für einen femininen Look am Felsen und in der Halle" und um "der Männerwelt eine Nackenstarre zu verpassen."

Der größte deutsche Anbieter Jack Wolfskin hält sich zurück beim Thema Outdoor-Trend im Alltag. "Prinzipiell machen wir Funktionsbekleidung, die für den Outdoorsport gedacht ist. Wenn Kunden die Sachen aufgrund der Qualität auch gerne im Alltag tragen, ist das ein schöner Nebeneffekt, aber nicht intendiert", so Konzernsprecher Thomas Zimmerling. Dabei bringt gerade dieser schöne Nebeneffekt das große Geld. Der große Ausrüster-Shop "Globetrotter" schätzt, dass nur mehr zehn Prozent seiner Kunden wirkliche "Hardcore-Kunden" sind, also die Personen, die tatsächlich über die Victoriafälle Paragleiten oder sich im Slacklining in den Pyrenäen versuchen. Der Rest rüstet sich für den Spaziergang um den Häuserblock.

Gerüstet für Extremes?

Der Outdoor-Trend im Alltag ist allerdings nicht unbedingt ein neues Phänomen – privat vorm Fernseher ist das atmungsaktive Sportleiberl samt Trainingshose von adidas, Nike & Co schon seit längerer Zeit sehr beliebt. Was macht aber den Reiz an übertechnologisierten Outdoor-Klamotten aus? Geht es um's Image oder Eitelkeit? Will der Träger zeigen, dass er sich teure Funktionskleidung leisten kann? Oder möchte er für mögliche Extremsituationen gerüstet sein?

Zurück zur Natur...

Bio als Lebensgefühl ist Trend. Wenn man es schon nicht im Alltag schafft, im Einklang mit der Natur zu leben, so kann man sich nun wenigstens so anziehen, als würde man es dennoch tun. Auch wenn die Outdoor-Jacke ein sehr künstliches Produkt ist, so verschafft sie eventuell das Gefühl, der Natur näher zu sein als mit der Otto-Normal-Jacke, die bloß eine Funktion hat: zu wärmen.

...aber praktisch und mit Stil

Ein weiterer Grund für die hohe Akzeptanz und Tragefreude an Outdoorbekleidung ist die Kleidung selbst, die meist deutlich bequemer und praktischer ist als herkömmliche Alltagskleidung. Die Fleecejacke lässt sich schnell in die Waschmaschine schmeißen, die Wollweste verlangt im Vergleich dazu nach mehr Sorgfalt bei der Reinigung.

Je mehr Outdoor-Sporttrends auf den Markt drängen, desto mehr hat natürlich auch die Outdoor-Branche zu bieten. Die Schnitte sind knapper geworden, die Farben poppiger und der ursprüngliche "Sinn" der Funktionskleidung ist auf den ersten Blick meist nicht mehr zu erkennen. Weg von den braunen Khaki-Hosen und Bergschuhen, hin zu mehr Stil & Chic in Softshell & Co. "Form follows function" – warum also die fesche Daunenjacke nur beim Skifahren tragen, wenn sie sich genauso gut in der Einkaufsstraße macht? (Karin Jirku, derStandard.at, 16.4.2013

  • Nur wenige nutzen die Profi-Outdoor-Kleidung für den eigentlichen Zweck.
    foto: outdoor friedrichshafen

    Nur wenige nutzen die Profi-Outdoor-Kleidung für den eigentlichen Zweck.

  • Eignet sich die Jacke für eine Shoppingtour?
    foto: outdoor friedrichshafen

    Eignet sich die Jacke für eine Shoppingtour?

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