Rundschau: Aus dem Leben eines SF-Autors

    Ansichtssache18. Mai 2013, 10:10
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    Einstein als Comic-Held, außergewöhnliche Biografien und SF-Krimis von Peter F. Hamilton, Hannu Rajaniemi und Barbara Slawig

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    coverfoto: image comics

    Jonathan Hickman & Nick Pitarra: "The Manhattan Projects 1+ 2"

    Graphic Novels, broschiert, 144 bzw. 152 Seiten, Image Comics 2012/13

    Richtig, "-s". Wer glaubt, es hätte nur ein einziges Manhattan-Projekt gegeben, ist nämlich auf dem Holzweg. Der geheime Bau der ersten Atombombe war ja schon immer ein beliebtes Thema für Secret-History-Plots - bei der Gelegenheit darf ich noch einmal auf die großartige Godzilla-Persiflage "Shambling Towards Hiroshima" von James Morrow verweisen. Jüngster Anlauf ist die 2012 gestartete Comic-Reihe "The Manhattan Projects" von Jonathan Hickman, erschienen bei Image Comics, wo der Marvel-Autor sich auch jenseits des Superhelden-Genres austoben darf. Soeben ist die zweite Paperback-Ausgabe erschienen, die zusammen mit dem Vorgängerband die ersten zehn Hefte der Serie zusammenfasst.

    Ein Ensemble voller Wissenschaftspromis

    In den Manhattan-Projekten wird an soviel Verschiedenem geforscht, dass man hier in "Akte X"-Manier allem Möglichen begegnen kann: Vom Übernatürlichen bis zum Außerirdischen. Trotzdem bleibt Hickman beim Personal eng an der Historie. Auch hier fungiert General Leslie Groves als militärischer Projektleiter und hat einen ansehnlichen Stamm von Wissenschaftern um sich versammelt - von Einstein bis Oppenheimer. Allerdings mit diversen Twists versehen, wie uns gleich zu Beginn eine Doppelseite über Geburt und Heranwachsen Robert Oppenheimers und dessen fiktiven Zwillings Joseph vor Augen führt. Letzterer ist ein Psychopath, der seinen Bruder tötet, aufisst und in dessen Rolle schlüpft - und trotzdem oder vielleicht sogar deswegen für's Projekt engagiert wird. Groves dürfte Oppenheimers wahre Identität bekannt sein, immerhin lässt er sich von ihm versichern, dass er nicht die kommunistischen Tendenzen seines Bruders teilt ...

    Solche Twists wird es in der Folge mehrere geben. Ich würde daher empfehlen, die Kurzporträts der ProtagonistInnen am Ende des Bands nicht vorab zu lesen, sonst ruiniert man sich so manche Überraschung. Doch nicht nur, dass hinter den meisten Figuren etwas anderes steckt als vermutet, sie sind auch ständig im Fluss. Aufgrund unvorhergesehener Wendungen und Flashbacks zu den jeweiligen Lebensgeschichten müssen zunächst positiv oder negativ besetzte Figuren immer wieder umgedacht werden. Mit der Zeit stellt sich dabei der Eindruck ein, dass es überhaupt keine positiven Figuren gibt. Selbst die goldige Weltraumhündin Laika - nebenbei bemerkt übrigens bislang die einzige weibliche Hauptfigur - entpuppt sich als ziemliches Arschloch.

    "The Cause"

    Es folgen Themen wie die "Operation Paperclip", mit der Wernher von Braun und andere Raketenwissenschafter der Nazis in die USA geholt wurden, und der Abwurf der Atombombe gegen den Willen von Präsident Truman: Hier ein wahnsinniger Freimaurer mit dämonischen Beziehungen, der den Aufstieg des militärisch-industriellen Komplexes zu verhindern versucht. Denn längst hat sich die Entwicklung verselbständigt, und die Manhattan-Wissenschafter kooperieren lieber mit ihren sowjetischen Pendants in "Star City" als mit ihrem neuen Präsidenten. Der noch dazu damit konfrontiert wird, dass man seinen toten Vorgänger Franklin Delano Roosevelt als Künstliche Intelligenz wiedererweckt und eine Schattenregierung bilden lässt.

    Die Serie stellt - wenn auch ins Aberwitzige verzerrt - die Wissenschafter als Menschen in den Vordergrund, ihre persönlichen Entscheidungen, Prioritätensetzungen und Karrierehoffnungen. Für die meisten steht - in den Worten des selbstherrlichen von Braun - The Cause über allem: Forschung ohne jegliche Rücksicht auf die Folgen.

    ... nicht, dass "The Manhattan Projects" deswegen eine moralphilosophische Abhandlung wäre. Da beamt der Tenno mal eben eine Legion Killerroboter vorbei ("Zen powered by Death Buddhists"), auf einen beuschelreißerischen Erstkontakt mit Aliens folgt ein genozidaler Zweitkontakt und von FDR besessene Kampfmaschinen slashen sich durch die Labore. Nicht zu vergessen Oppenheimers fortgesetzte Anfälle von Kannibalismus. Meine liebste Action-Sequenz ist allerdings ein Einstein im Muscle-Shirt und mit MG in Rambo-Pose: "You have been a very bad computer, Mister President." BLAM! BLAM! BLAM!

    Die Optik

    Zeichner Nick Pitarra, der schon zuvor mit Hickman zusammengearbeitet hat, ist ein erklärter Fan von Frank Quitely und Mœbius. Das sieht man seinem poppigen Stil auch an, selbst wenn er nicht ganz an seine Vorbilder heranreicht - insbesondere bei der Ausführung der Wimmelbilder, die dafür mit einigen Insider-Gags glänzen. Und Pitarra dürfte auch die Legion der Superhelden aus dem DC-Universum mögen. Harry Daghlian, ein Physiker, der in unserer Welt durch einen Strahlenunfall gestorben ist, lebt bzw. existiert hier als tödliches Energiewesen in einem Schutzanzug weiter. Und sieht dabei irgendwie wie Mano von den Fatal Five aus. Könnte ein Zufall sein - würden später nicht Aliens auftauchen, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit Validus aufweisen.

    Sehr schön auch die Farbgebung durch Jordie Bellaire, insbesondere das für Flashbacks reservierte Rot/Blau-Schema. Jede Menge Anschauungsbeispiele gibt es hier. - Ganz zu Beginn verheißt General Groves, dass es sich beim "MP" um ein Langzeitprojekt handelt: "For us, wartime never ends ...". Sieht aus, als hätte er damit auch eine korrekte Prognose für die Serie selbst erstellt. Die läuft derweil nämlich munter im Monatstakt weiter - ich freue mich jetzt schon auf Sammelausgabe Nr. 3.

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