Äpfel und Birnen und der Ganztagsschul-Vergleich

15. April 2013, 18:28
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Ganztagsschule ist nicht gleich Ganztagsschule: Eine Erhebung des Unterrichtsministeriums wirft in den Ländern einige Fragen auf

Wien/Linz/Bregenz – Alles begann mit einer Anfrage von Stefan Markowitz, Parlamentarier des Teams Stronach. Er wollte Anfang Jänner vom Unterrichtsministerium wissen, wie viele Schulkinder in  Österreichs Pflichtschulen und AHS-Unterstufen eigentlich ganztägig betreut werden. Die Antwort kam Ende März: 17,5 Prozent der Kinder werden laut Unterrichtsministerium ganztägig betreut, wobei es in den Gymnasien mit 33,1 Prozent deutlich mehr sind als in den Volks- und Hauptschulen (14,5 Prozent). In absoluten Zahlen gibt es 119.000 Ganztagsplätze, im kommenden Schuljahr soll diese Zahl auf 129.000 gesteigert werden.

Das Ministerium schlüsselt die Betreuungsplätze auch nach Bundesländern auf. Eindeutiger Spitzenreiter ist dabei Wien, schon auf Platz zwei folgt Vorarlberg. Besonders auffällig ist der hohe Grad an Ganztagsbetreuung in den AHS – mit 85,8 Prozent. Eine Zahl, die in Vorarlberg für einige Verwirrung sorgt, wie der Standard erfuhr: Diese Zahl habe sie "maßlos erstaunt", sagt Andrea Wiedemann, Vorsitzende des Landeselternverbands. Dieser fragte bei den zehn Langform-Gymnasien nach. Das Ergebnis: Tagesbetreuung bieten die beiden Privatschulen Riedenburg und Mehrerau (zusammen 371 Kinder) sowie das Gymnasium Blumenstraße in Bregenz für 20 Kinder an.

"Geht um Jubelmeldungen"

Wie kommt man da auf 86 Prozent? Die Antwort könnte in unterschiedlichen Definitionen liegen. Das Ministerium zählt auch Mittagsjause oder -tisch mit Beaufsichtigung zwischen Vor- und Nachmittagsunterricht als Tagesbetreuung. "Da hat das Ministerium eine eigene Brille", sagt Hubert Metzler vom Landesschulrat, "wahrscheinlich geht es um Jubelmeldungen." Andrea Wiedemann: "Das ist maximal Aufsicht, keine Betreuung. Wir wollen verschränkten Unterricht."

Metzler pflichtet dem Elternverband bei: "Mittagsaufsicht ist keine Tagesbetreuung." Aus Vorarlberger Schulversuchen wisse man, dass die Eltern hohe Erwartungen in die Betreuung haben. Metzler: "Sie wünschen sich Lernbetreuung und Förderung." Entsprechende Angebote könne man aber nur schaffen, wenn Ganztagsformen verpflichtend würden. Das sei aber Zukunftsdenken, denn "aktuell hätten wir kein Personal dafür".

Auch in Oberösterreich, das laut der Statistik des Unterrichtsministeriums mit 9,3 Prozent vorletztes Land in der Statistik ist (noch weniger Ganztagsbetreuung gibt es mit 8,8 Prozent nur in Tirol), kann man sich die Zahlen nicht so richtig erklären. Laut einem Sprecher von Bildungslandesrätin Doris Hummer (VP) "verschweigt" das Ministerium, "dass es neben der schulischen Nachmittagsbetreuung in Oberösterreich ein sehr gut ausgebautes Hortangebot gibt". 12.200 Hortplätze gebe es in Oberösterreich zusätzlich zu den 228 Ganztagsschulen. Für die Pflichtschulen komme man damit auf ein Ganztagsangebot von etwa 20 Prozent.

Enge Definition in Wien

Auch die Wiener Zahlen divergieren von jenen, die das Unterrichtsministerium publiziert hat – im Bildungsressort kommt man auf mehr als 50.000 ganztägig betreute Kinder, im Ministerium auf etwa 47.000. In der Bundeshauptstadt hat man jedenfalls eine recht enge Definition von Ganztagesschule: Gezählt werden nur Schulen, in denen entweder "verschränkt" unterrichtet wird, wo sich also Schulstunden und Freizeit den ganzen Tag über abwechseln, oder "offene" Ganztagsschulen mit Unterricht am Vormittag und Betreuung am Nachmittag. Mittagsaufsicht vor dem Nachmittagsunterricht wie in Vorarlberg rechnen die Wiener nicht in ihre Statistik ein.

Gemein ist den Schulbehörden aller drei Länder, dass man sich über die Zahlen aus dem Ministerium wundert – was man dort wiederum nicht verstehen kann, schließlich habe man die Statistik für die Anfrage-Beantwortung in den Ländern erhoben.

Heikel ist die Frage allemal: Derzeit verhandeln das rote Unterrichtsministerium und das schwarze Finanzministerium über Geld für den Ausbau der Ganztagsschulen. Geplant sind 160 Millionen Euro an Investitionen bis 2015. (Jutta Berger, Andrea Heigl, Kerstin Scheller, DER STANDARD, 16.4.2013)

  • Richtiges  Lesen will  gelernt sein – nicht nur bei Taferlklasslern. Eine  Statistik aus dem Unter richtsministerium verwirrt Schulpolitiker in den Ländern.
    foto: standard/fischer

    Richtiges  Lesen will  gelernt sein – nicht nur bei Taferlklasslern. Eine  Statistik aus dem Unter richtsministerium verwirrt Schulpolitiker in den Ländern.

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