Vanka Regule

Glosse15. April 2013, 10:43
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Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt

Alle nennen Ivo nur nach dem Spitznamen seiner Sippe "Šteka". Falls doch Zweifel bestehen, wer gemeint ist, sagen die Stivanjani: "Vanka Regule!". Dann ist alles klar. Doch als Ivo im Sommer 1993 über das Meer blickt, ist ihm nur eines klar: Er ist zu jung, um sein Leben dem Meer oder dem Vaterland zu opfern. Also kauft Šteka gebrauchte Surfbretter.

Surfen stinkt nicht

Ivo fährt eine Weile zur See, spart etwas Geld und als der Krieg in Kroatien fast ins dritte Jahr geht, sind allerlei teure Dinge, billig zu haben. Was später zu Vanka Regule wird, beginnt als Ivos Idee, nach dem Krieg Surfbretter an Touristen zu vermieten. An gebrauchte Bretter in Bestzustand kommt er leicht, sie irgendwo zu lagern wird zum Problem.

Doch Šteka hat eine Idee. Es gibt ein Gebäude im Besitz der Gemeinde Sutivan, das völlig ungenutzt neben der Macela, dem alten Schlachthaus, steht. Es ist das Pumpenhaus für die Ringkanalisation, deren Bau vor dem Krieg beginnt und nun auf den Frieden wartet. Im Pumpenhaus für die Fäkalien Sutivans, steht noch keine Pumpe und so bekommt Ivo von der Gemeinde die Erlaubnis gegen ein geringes Entgelt, seine Windsurfbretter dort zu lagern.

Wind, Räder und Paddel

Die meisten anderen Stivanjani verkaufen Land, auf dem meist ungarische Unternehmer, aber auch einige Stivanjani, Appartementhäuser bauen. Als nach dem Krieg die "furešti", wie man hier die Touristen nennt, nach Sutivan zurück kommen, ist Ivo der Einzige, der Surfbretter vermietet und eine Surfschule hat. Zudem ist sein Surflehrer und Freund aus Kindertagen ein attraktiver junger Mann, der Touristinnen magnetisch zum Surfen zieht. In diesen Tagen sind auf Štekas Surfbrettern Damen zu sehen, deren einzige Erfahrung mit Wind und Wellen bisher darin besteht, am Strand einen Versandhauskatalog vor diesen beiden Naturgewalten zu schützen.

Während auf Brač der Verleih von Mopeds und Autos boomt, kauft Ivo Mountainbikes und erweitert sein Programm. Und weil Sutivan inzwischen zum Familientourismus findet, nimmt Šteka   auch Fahrräder in sein Angebot, die er nun dutzendweise am Tag vermietet. Als Kajaks dazukommen, ist er Herr über eine Flotte von Wind und Muskelbetriebenen Fahrzeugen, deren Verleih seine werdende Familie durch den touristenlosen Winter bringt. Doch eines Tages steht Šteka wieder neben der Macela und dem Pumphaus für die Fäkalien, wo nur wenige Jahre zuvor alles beginnt, und blickt auf das Meer.

Die Leere füllen

Diese Kontemplation bringt Šteka eine Art Katharsis, nur das er statt zu Gott zu finden, plötzlich die leeren Orte Sutivans erkennt. Da ist das Erholungsheim für Kinder, das vor dem Krieg einer serbischen Einrichtung gehört und seit Jahren verfällt. Da ist das alte Sommerkino in dem seit dem Kriegsende keine Filme mehr gezeigt werden. Und da sind die vielen kleinen Häuser jener Stivanjani, die gelegentlich ein, zwei Zimmer vermieten können und deswegen keine Chance gegen die Betreiber der Appartementhäuser haben. An diesem Tag, beschließt Šteka all diese Leere zu füllen.

Als er ein Kind ist, so erinnert sich Ivo, stehen im Pinienwald um das Erholungsheim Zelte und Kabanen. Also stöbert er die Betriebsgenehmingung im Gemeindeamt auf und stellt fest, dass dieses Gelände noch immer für Campingzwecke gewidmet ist. Den gesamten Winter verbringt er mit der Organisation eines Mountainbike-Turniers mit Zeltmöglichkeit auf dem Gelände. Als der Sommer in seine Mitte kommt, ist niemand überraschter als Šteka selbst, dass mit den etwa 30 Teilnehmern des Turniers auch noch 150 Fans und Freunde in Sutivan auftauchen und alle ihre Zelte mitbringen. Die meisten von ihnen bleiben gut eine Woche nachdem der 3-Tägige Wettbewerb beendet ist, manche im Zelt, manche bei einem der "Zimmerstivanjani", die Šteka vermittelt.

Aus dem Vollen schöpfen

Im Jahr darauf hat Ivo bereits Sponsoren, Berichterstattung in überregionalen Medien und ein reges Netzwerk, aus jungen Menschen aus allen Teilen des untergegangenen Jugoslawiens, die ihren Freunden von Sutivan und "Vanka Regule" berichten. Das liegt daran, dass Ivo Šteka nicht aufhört, jedes Jahr am Ende des Sommers zwischen Macela und der "Govnara", wie das Fäkalienpumpenhaus inzwischen von allen genannt wird, zu stehen und auf das Meer hinauszustarren.

Das leere Kino füllt Šteka mit einem Filmfestival für Kurz- und Dokumentarfilme, deren Thema der Rand- und Extremsport ist. Die leeren Kapazitäten der Zimmerstivanjani füllt er mit jungen Rucksackmenschen, den leeren Campingplatz von Damir mit jungen Zeltmenschen. Die Leere zwischen dem Kirchturm des Hl. Johannes und der großen Mole des Hafens überspannt er mit einem Seil für den Seilgehbewerb und manche Stivanjani fragen sich, wie der strenge Don Vicko diese Profanisierung seines Turmes erlauben konnte. Die kleine Mole hingegen lässt Ivo freiräumen und an ihrem Ende eine Schanze aufstellen, die dem Bewerb im Fahrradsprung ins Meer dient. Hinter der Bucht von Lučica, gleich neben dem Hafen, montiert man eine Kletterwand, die ein weltbekannter kroatischer Freeclimber eröffnet. In der Bucht selbst gibt es eine Optimist-Regatta und sie ist der Startpunkt des Kajakmarathons. Ganz nebenbei, doch zur großen Freude der Gastronomen von Sutivan, füllt Ivo Šteka auch sämtliche Bars, Cafés, Restaurants, die Pizzeria, den Palatschinkenstand, die Ćevabdžnica, die riesige Freiluft-Disco-Grill-Restaurant-Kombo von Musa "dem Kleineren" und auch die Macela, das alte Schlachthaus, halb über den Wellen gebaut, das nunmehr eine Bar ist.

Die wilde Woche

Inzwischen dauert "Vanka Regule" eine Woche, das Filmfestival hat überregionale Bedeutung, Vanka Regule wird in allen regionalen Medien angekündigt, dutzende Reporter und das kroatische Fernsehen berichten vom Verlauf.

Doch schon Tage zuvor strömen junge Menschen aus ganz Europa nach Sutivan, bleiben oft noch eine Woche danach hier und reißen mit der brachialen Kraft ihrer Jugend Sutivan aus seiner Routine als brave Familienidylle für Touris. Diese letzte Woche im Juli reißt Vanka Regule auch meine Freundin und mich in einen Taumel der törichten Taten. Wir tanzen mit diesen Kids auf den Partys und den Konzerten, die Šteka ganz nebenbei organisiert. Wir kiffen und saufen mit jungen Menschen, die unsere Kinder sein können, wir schämen uns unserer Nacktheit nicht und sie nicht ihrer, wenn wir nachts berauscht in das Meer laufen und alle Nackt in Schlafsäcken wuseln wenn die Sonne aufgeht. Diese eine Woche in der Vanka Regule Sutivan umkrempelt, sind wir jung, verschwitzt und in das Leben verliebt. Danke Šteka! (Bogumil Balkansky, 15.4.2013, daStandard.at)

  • Fahrradsprung. Vielleicht auch ins Meer.
    foto: robert newald

    Fahrradsprung. Vielleicht auch ins Meer.

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