Von Krankenhaus zu Krankenhaus

Interview29. April 2013, 10:04
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Menschen mit artifiziellen Störungen täuschen Krankheiten vor und fügen dabei ihrem Körper mitunter erheblichen Schaden zu

Sie spritzen sich gefährliche Substanzen in den Körper oder schlucken hochpotente Medikamente. Der Grad der Selbstschädigung bei Menschen mit artifiziellen Störungen ist mitunter enorm. Das macht das Erkennen der Erkrankung jedoch keineswegs leichter, weiß Hans-Peter Kampfhammer, Leider Universitätsklinik für Psychiatrie an der Medizinischen Universität in Graz. 

derStandard.at: Menschen die blaumachen und Patienten mit artifiziellen Störungen simulieren krank zu sein. Wo liegt der Unterschied?

Kapfhammer: Wir alle täuschen gelegentlich, wenn wir uns in einer Notlage befinden. Das ist moralisch betrachtet zwar eine fragwürdige Angelegenheit, aber ein adaptives Verhalten. Unter Simulation im engeren Sinne verstehen Psychiater Verhaltensweisen, die Krankheitssymptome vorschützen, ohne dass es zu einer  massiven Selbstschädigung kommt. Wenn sich ein Mensch aber eine Kotsuspension in das Knie spritzt und das Ergebnis dieser Aktion eine Amputation ist, dann steht der Nutzen dieses Verhaltens in keinem Verhältnis zum Schaden. In diesem Fall handelt es sich um eine artifizielle Störung mit vorrangig körperlichen Symptomen. Simulation ist zwar ebenfalls ein Vortäuschen von Symptomen, allerdings  mit dem ganz klaren Ziel daraus einen Vorteil für sich im Sinne eines sekundären Krankheitsgewinns zu erreichen. 

derStandard.at: Was bezweckt ein Patient mit artifizieller Störung mit dem Simulieren  einer Krankheit?

Kapfhammer: Das Motiv ist nicht immer ganz klar. Zunächst gibt es eine Gruppe von Personen, in der Mehrzahl Männer, die zwar von Krankenhaus zu Krankenhaus wandern, sich aber nur in relativ geringem Ausmaß selbst schädigen. Dahinter steckt nicht selten eine schwerwiegende soziale Entwurzelung oder eine Persönlichkeitsstörung, bei welcher dissoziales Verhalten im Vordergrund steht. Viel dramatischere Bilder bietet eine andere Patientengruppe – fast immer sind es Frauen – die ganz furchtbare Dinge an ihrem Körper machen, zum Teil auch mit tödlichen Ausgängen. Hier liegen primäre Motive  in Persönlichkeitsstörungen mit ausgeprägter emotionaler Dysregulation, und nicht  im sekundären Krankheitsgewinn, also nicht in den möglichen Vorteilen aus einer Krankenrolle.

derStandard.at: Wenn sich eine Erkrankung so drastisch präsentiert, warum ist sie dann so schwer zu erkennen?

Kapfhammer: Als Mediziner gehen wir davon aus, dass der Patient das was er sagt, auch meint. Wir nehmen zunächst vertrauensvoll die Angaben eines Patienten so auf, wie er sie uns erzählt. Wir unterstellen also nicht, wenn ein Patient Fieber hat, das Fieber könnte aus einem anderen als einem schicksalhaften Grunde entstanden sein, beispielsweise dass er sich etwas gespritzt hat. Wir bringen also in der normalen Arzt-Patient-Beziehung nicht ein grundlegendes Misstrauen den Äußerungen  des Patienten entgegen. Das macht auch epidemiologische Studien so schwierig, weil auch hier  die Befragung von Leuten ein gewisses wechselseitiges Vertrauen voraussetzt.

derStandard.at: Wann schöpft der Mediziner dann Verdacht?

Kapfhammer: Wenn ein Arzt bei einem Patienten mit einem Krankheitsbild konfrontiert ist, das er in dieser Form so noch nie gesehen hat, viele widersprüchliche Angaben zur Entstehung der Beschwerden vorliegen oder Laborbefunde zu dem Verlauf einfach nicht passen, könnte ein Verdacht entstehen. Nicht selten werden hochkarätige Experten in die Erklärung der unverstandenen Krankheitssymptome mit eingebunden, der en Klärungshypothesen sich auch nicht bewahrheiten, dann entsteht ein Verdacht, dass "etwas nicht stimmt". Im Klinischen Alltag wird die  artifizielle Natur der Beschwerden  aber meist nur entdeckt, wenn zufällig der Patient bei einer direkten Manipulation erwischt wird, oder "verräterische" Gegenstände wie Blutabnahmebesteck, nicht verordnete Medikamente etc. "zufällig" gefunden werden. Das heißt im klinischen Alltag wird in der Regel nur eine kleine Anzahl der artifiziellen Störungen diagnostiziert. Sehr häufig handelt es dann um dramatische Krankheitsbilder. Das Problem in der medizinischen Versorgung ist aber vermutlich sehr viel größer.

Angenommen ein Labormediziner bekommt pro Jahr 1000 Gallensteine zur Analyse übermittelt und er kommt zu dem Ergebnis, dass beispielsweise acht Prozent der Steine völlig unnatürlicher Zusammensetzung sind. Dann wäre das ein Hinweis, eine erklärungsbedürftige Situation.

derStandard.at: Täuschen Menschen mit artifiziellen Störungen auch psychische Erkrankungen vor?

Kapfhammer: Ja, es gibt Leute, die tauchen auf und sagen, dass sie beispielsweise vergewaltigt oder überfallen worden sind und jetzt Albträume und Flashbacks haben. Das ist gar nicht so selten. Das Feld ist sehr weit. Auch Borderline-Patienten und Patienten mit Essstörunge entwickeln nicht selten artifizielle Störungen.

derStandard.at: Was sind die Ursachen für dieses selbstschädigende Verhalten?

Kapfhammer: Meist sind es traumatische Hintergründe. Nur auch hier muss man vorsichtig sein, denn letztendlich lässt sich nie mit Sicherheit sagen, ob die Schilderung einer frühkindlichen Entwicklungssituation nicht selbst Bestandteil einer Täuschung ist.

derStandard.at: Wie kann diesen Patienten geholfen werden?

Kapfhammer: Ab einem gewissen Selbstschädigungsgrad und der Dauer dieser Störung, ist es extrem schwierig die Patienten davon zu überzeugen, sich auf eine therapeutische Beziehung einzulassen. Ganz realistisch muss man sagen, dass man die Mehrheit dieser schwer gestörten Patienten nicht erreicht. Allerdings gibt es durchaus positive Erfahrungen bei Patienten mit kürzerer Krankheitsdauer und nicht so ausgeprägter selbstdestruktiver Krankheitssymptomatik, die von störungsorientierten Psychotherapien nach dem Modell der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen profitieren.

derStandard.at: Haben Menschen mit artifiziellen Störungen ein Krankheitsbewusstsein?

Kapfhammer: Das ist fast wie eine doppelte Buchführung. Auf der einen Seite wissen diese Patient ganz klar, dass sie täuschen. Sie wissen nur nicht immer, warum sie es tun. Das Problem ist, dass es oft sehr schwierig ist mit den Betroffenen über die Sprache eine gemeinsame Perspektive auf die Realität zu entwickeln. Diese Menschen haben nicht gelernt, mit ihren Mitmenschen eine gemeinsame Sicht auf die Dinge der Realität vertrauensvoll zu teilen. 

Sie erzählen Geschichten und je mehr Geschichten sie erzählen, desto mehr Geschichten erzählen sie, von denen sie im Augenblick auch überzeugt sind. Das heißt die Fähigkeit einen korrekten Blick auf die eigene Biografie zu richten, ist nicht gegeben. Mir fällt es heute etwas leichter zu erkennen, wenn Patienten täuschen. Ich erkenne es an der speziellen Form ihrer sprachlichen Mitteilungen mit vielen auffälligen Lücken und Widersprüchen, dass etwas nicht stimmt. Allerdings bin auch ich vor der enormen interpersonalen  manipulativen Fähigkeit dieser Patienten nicht gefeit.

derStandard.at: Diese Patienten scheinen einen hohen Intellekt zu besitzen?

Kapfhammer:Ja, vor allem Frauen. Weit über 50 Prozent der betroffenen Patientinnen besitzen eine medizinische Qualifikation und hohes medizinische Fachwissen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es wahrscheinlich keine einzige Erkrankung gibt, die sich nicht irgendwie artifiziell produzieren lässt.

derStandard.at: Sind artifizielle Störungen Suchterkrankungen?

Kapfhammer: Der Zusammenhang zur Sucht ist komplex, aber definitiv gegeben. Die körperliche Selbstverletzung – das haben wir vor allem bei Borderline-Patienten gelernt – besitzt die psychobiologische Funktion der Beruhigung und kann auch einen masochistischen Lustgewinn bringen. Außerdem hat die diabolische Freude einen hochkarätigen Ordinarius wiederholt in die Irre zu führen, auch einen suchtartigen Charakter.

derStandard.at: Ihr Sensorium für diese Patienten ist geschult. Wie kann ein Hausarzt diese Erkrankungen erkennen?

Kapfhammer: Ich halte es als Daumenregel fest: Wenn eine Erkrankung spannend ist und es hat noch keiner auf der Welt diese Symptomatik beschrieben und alle bemühen sich darum diese Erkrankung zu klären und es wird immer komplexer und widersprüchlicher, dann sollte man an die Möglichkeit einer artifiziellen Störung denken. (Regina Walter, derStandard.at, 29.4.2013)

Hans-Peter Kapfhammer (60) ist seit 2003 Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie der Karl-Franzens Universität in Graz. Zwischen 2005 – 2007 war er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neuropharmakologie und Biologische Psychiatrie(ÖGPB).

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  • "Die diabolische Freude einen hochkarätigen Ordinarius wiederholt in die Irre zu führen, hat auch einen suchtartigen Charakter."
    foto: hans-peter kampfhammer, universitätsklinik für psychiatrie, meduni graz.

    "Die diabolische Freude einen hochkarätigen Ordinarius wiederholt in die Irre zu führen, hat auch einen suchtartigen Charakter."

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