Minas Gerais: Wo Brasilien barockt

15. April 2013, 16:25
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Mit erwartungsvollen Mienen geht's zu den Allgemeinen Minen, wie ein brasilianischer Bundesstaat übersetzt heißt. Hier gab's einst einen Goldrausch

Und doch ist alles Gold, was glänzt. Jedenfalls hier in der Pfarrkirche Nossa Senhora do Pilar von Ouro Preto. Vom Boden bis unter die Decke sind die Holzschnitzarbeiten mit feinstem Blattgold überzogen. Wer auch immer mit der Waage danebengestanden ist: 434 Kilogramm des edlen Metalls sollen hier verarbeitet sein. Das macht sie zu einer der reichsten Goldkirchen Brasiliens, und davon hat das Land gar nicht so viele.

Brasilien besitzt Geheimnisse, die man wohl erst jenseits der Palmenstrände lüftet. Eines findet man im Bundesstaat Minas Gerais, einer Gegend mit goldenem Boden. Für brasilianische Verhältnisse eher ungewöhnlich, häufen sich in dieser Gegend auf engem Raum Prachtbeispiele der Kolonialarchitektur, barocke Städte, die an eine glänzende Vergangenheit erinnern. Im Herzen des Landes barockt es. So wie es womöglich auch tief im Innern des vor wenigen Monaten verstobenen Oskar Niemeyer immer barockte.

Niemeyeraner mit Lust auf Barock

Denn die geraden Winkel oder strengen Linien seiner Zeitgenossen Le Corbusier oder Walter Gropius waren nie sein Fall. Die Architektenkollegen bauten den Verstand, der Brasilianer das Gefühl, Niemeyer liebte das Fließende, die Kurven und Bögen. Und die Menschen, die Niemeyer verehrten, kommen nun nicht mehr nur in "seine Hauptstadt" Brasilia, sondern eben auch ins Minas Gerais.

Der Zauber des Barocks könnte ohne Zweifel in Ouro Preto über den Funktionalisten gekommen sein. Damit stünde er nämlich nicht allein. Wie in keiner anderen Goldgräberstadt verwandelte sich hier der Rausch des 17. Jahrhunderts in Kunst. In der Altstadt reihen sich prächtige Kirchen, elegante Paläste und farbig bemalte Stadthäuser aneinander, die steile Kopfsteinpflastergassen und belebte Plätze zusammenhalten. Selbst die weiträumig geschwungene Berglandschaft im Hintergrund wirkt barock.

Deutlich spürbar waren portugiesische Baumeister am Werk. Sie entwickelten einen eigenen Stil, den Barroco Mineiro. Getragen vom Goldboom, zimmerten, schnitzten, meißelten und malten sie in Überfluss und Überschwang. Der bekannteste Meister des Minas-Barock war der Bildhauer António Francisco Lisboa, Aleijadinho ("Krüppelchen") genannt, weil er an einer lepraähnlichen Krankheit litt. Trotz seiner verkrümmten Hände schuf er Altäre und Skulpturen von seltener Schönheit. "Seht, seht", soll er gesagt haben, "seht, wozu ich fähig bin."

Insgesamt sechs Kirchen in Ouro Preto tragen seine Handschrift. Von überall blinzeln seine kleinen Lieblinge auf den Besucher herab - die pausbäckigen, wild gelockten Engel aus Speckstein. Sie sind auch den Händlern auf dem nahen Kunsthandwerkmarkt und in den Souvenirgeschäften die Liebsten, weil sie rasenden Absatz finden.

Das städtische Foyer ist der Hauptplatz Praça de Tiradentes mit dem Gouverneurspalast. Mit den Touristen vermehren sich auch die selbsternannten Stadtführer und Agenten der Diamantengeschäfte, alles moderne Glückssucher, die auf Kundschaft warten. In lauen Nächten treffen sich unter dem Denkmal von Tiradentes, dem Rebell der brasilianischen Unabhängigkeit, die Mineralogiestudenten der Bergbauakademie zum Cachaça.

Gold und erschöpfte Glücksritter

Das Gold erschöpfte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die Glücksritter zogen weiter, Ouro Preto fiel in Bedeutungslosigkeit. Als Besucher kann man das getrost als Glück betrachten, weil die Stadt so fast unverändert erhalten blieb. Selbst dem Nachbarort Mariana sieht man die große Vergangenheit noch an. Die 52.000-Einwohner-Stadt zwölf Kilometer weiter östlich war die erste Hauptstadt und Bischofssitz von Minas Gerais. Mit Touristen geht sie von Haus aus gnädig um, denn fast alle Sehenswürdigkeiten erreicht man fußläufig und bequem.

Gegenüber vom alten Rathaus wetteifern die Karmeliter- und die Franziskanerkirche um den Rang der Schönsten auf dem Platz. In der Rua Direita protzen Bürgerhäuser mit schmiedeeisernen Balkonen, schön gerandeten Türen und Guillotine-Fenstern. So viel Geld war da, dass man sich 1701 für die Kathedrale eine Arp-Schnitger-Orgel aus Deutschland leistete. Ähnlich einer Filmszene aus Fitzcarraldo wurden hier 964 Orgelpfeifen und Register auf Maultieren von der Küste bis ins Gebirge geschafft. Nach einer aufwändigen Restaurierung erklingt sie nun wieder.

Hätte Congonhas do Campo, 90 Kilometer weiter, die Wallfahrtskirche Senhor Bom Jesús de Matosinhos nicht, viele Besucher würden die Kleinstadt wohl umfahren. Doch sie birgt eben diesen von der Unesco geadelten Schatz, die Pilgerstätte auf der Gipfelspitze des Berges Morro Maranhão. Den mühevollen Aufstieg zur Basilika versüßen Pilgern und Touristen sechs Kapellen, die 52 Zedernholzfiguren von Aleijadinho zieren.

Der eigentliche Blickfang ist jedoch oben die Terrasse mit den lebensgroßen Propheten, dem letzten großen Werk des Künstlers. Von der Krankheit geplagt, hatte er sich schmerzende Glieder abgehackt, ließ sich die Werkzeuge an die Handstümpfe binden und von Sklaven auf das Baugerüst tragen. Als er Jonas, Zacharias und die anderen zwischen 1800 und 1805 aus den Specksteinblöcken meißelte, gaben die Goldminen bereits kaum noch etwas her.

Königspalmen gegen die Moderne

Gut 110 Kilometer südlich liegt São João del Rei. Den Glanz von einst hat die 82.000-Einwohner-Stadt an nackte Betonbauten und eintönige Häuser verloren. Selbst der Igreja de São Francisco de Assis, dem barocken Highlight, konnten die Denkmalschützer kein gemütlicheres Umfeld bewahren. Stattdessen haben sich Königspalmen vor der Aleijadinho-Kirche aufgerichtet, wie ein Schutzschild vor der modernen Zeit. Drumherum tost dichter Verkehr. Der Freund des Minas-Barock muss sich zu den schönen Seiten der Stadt vorkämpfen, zur Kathedrale mit den Goldaltären, der Karmeliterkirche und den prächtigen Herrenhäusern.

Ortskundige empfehlen, mit dem Zug in das vierzehn Kilometer entfernte Tiradentes zu fahren: eine nostalgische Zeitreise in den wohl idyllischsten Goldgräberort von Minas Gerais. Am Wochenende steht die schwarze "Maria Fumaça" funkensprühend am alten Bahnhof. Um zehn Uhr setzt sich diese "rauchende Maria", wie die Brasilianer die alte Baldwin-Lok nennen, in Bewegung und zuckelt auf der historischen Bahnstrecke durch die grüne Bergwelt der Serra de São José. Eine gute halbe Stunde später kommt das Dampfross im 18. Jahrhundert von Tiradentes an.

Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Am Bahnhof warten schon die "charretes", die Pferdekutschen, auf Gäste. Wenn die Speichenräder über die groben, blankpolierten Natursteine in den Ort holpern, weiß man schnell, warum man sich vor der Fahrt früher Hals- und Beinbruch wünschte.

Im Altstadtkern, wo keine Autos fahren dürfen, ist alles so, wie es am Ende des Goldrausches wohl war - nur mit frischgekalkten Fassaden, neu umrandeten Türen und Fenstern und reparierten Ziegeldächern. Tiradentes bringt es immerhin auf acht barocke Kirchen und Kapellen, und die Igreja Matriz de Santo António steht im Prunk der Pfarrkirche von Ouro Preto kaum nach: Läppische 34 Kilogramm weniger Gold schimmern hier von den Altären. (Beate Schümann, DER STANDARD, Rondo, 12.4.2013)

  • Ouro Preto im Bundesstaat Minas Gerais war im 17. und 18. Jahrhundert Zentrum des brasilianischen Goldrausches. "Schwarzes Gold" bedeutet der Name auf Deutsch, weil das Edelmetall hier mit Eisenoxid versetzt aus den Minen kam. Doch in den üppig verzierten Kirchen der Stadt sieht man sofort: Hier ist alles echtes Gold, was glänzt.
    foto: corbis / song weiwei

    Ouro Preto im Bundesstaat Minas Gerais war im 17. und 18. Jahrhundert Zentrum des brasilianischen Goldrausches. "Schwarzes Gold" bedeutet der Name auf Deutsch, weil das Edelmetall hier mit Eisenoxid versetzt aus den Minen kam. Doch in den üppig verzierten Kirchen der Stadt sieht man sofort: Hier ist alles echtes Gold, was glänzt.

  • Anreise & Unterkunft 
TAP Portugal fliegt mehrmals pro Woche ab Wien über Lissabon direkt nach Belo Horizonte.
Ein eigener Mietwagen ist sinnvoll, aber die historische Bahnfahrt von São João del Rei nach Tiradentes sollte man dennoch nicht auslassen: Samstag und Sonntag ab São João del Rei um 10 und 15 Uhr, ab Tiradentes 13 und 17 Uhr. Die Rückfahrkarte kostet rund 13 Euro. Unterkunft: Die Pousada do Mondego in Ouro Preto ist ein Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert mit bester Lage; Info bei der Vereinigung Roteiros de Charme.
Touristische Auskunft: Brasilianisches Fremdenverkehrsamt, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt, oder neu im Internet: www.visitbrasil.com Tourismusamt von Minas Gerais: www.turismo.mg.gov.br
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    Anreise & Unterkunft

    TAP Portugal fliegt mehrmals pro Woche ab Wien über Lissabon direkt nach Belo Horizonte.

    Ein eigener Mietwagen ist sinnvoll, aber die historische Bahnfahrt von São João del Rei nach Tiradentes sollte man dennoch nicht auslassen: Samstag und Sonntag ab São João del Rei um 10 und 15 Uhr, ab Tiradentes 13 und 17 Uhr. Die Rückfahrkarte kostet rund 13 Euro. Unterkunft: Die Pousada do Mondego in Ouro Preto ist ein Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert mit bester Lage; Info bei der Vereinigung Roteiros de Charme.

    Touristische Auskunft: Brasilianisches Fremdenverkehrsamt, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt, oder neu im Internet: www.visitbrasil.com
    Tourismusamt von Minas Gerais: www.turismo.mg.gov.br

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