Smalltalk-Langstrecke

14. April 2013, 20:20
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Der Ansporn ein paar Bewegungsloser als Bildungsauftrag und harte Prüfung für die Kommentatoren

Die schnellsten Menschen, die am Sonntag durch Wien liefen, hat der ORF mehrere Stunden lang mit der Kamera verfolgt und live im Fernsehen über tragen, um den Unsportlichen, den Couch-Potatoes und Churchill-Zitierenden im Lande zu zeigen, dass da draußen die Sonne scheint und dass man sich im Glanze ihrer Strahlen sogar mit eigener Muskelkraft fortbewegen kann. Wie schön: ein wahrgenommener Bildungsauftrag.

Knapp fünf Stunden wurden vom 30. Wien-Marathon übertragen. Eine lange Zeit, in der nichts passiert, als dass Menschen einen Fuß vor den anderen setzen, und die trotzdem mit sinnvollen Live-Kommentaren gefüllt werden soll. "15 Kameras, zwei Motorradreporter, eine Helikopterkamera und eine Superzeitlupe im Start- und Zielbereich samt fliegender Relaisstation" wendet der ORF auf, wie er stolz verkündet. Technik, die den Kommentatoren ihre Arbeit leider nicht abnehmen können. Der joviale "Wir san wir"-Ton, der bei solchen Gelegenheiten aus dem TV dringt, mag zum volkssportlichen Charakter des Events passen. Punkto Rassismus ist man sensibilisiert: Zum Kenianer "aus einem anderen Stall", wird schnell ein "Managementstall" hinzugefügt, um Missverständnisse zu vermeiden. Zuseher erfahren auch noch, dass die Südosttangente eine stark befahrene Straße ist und dass im Prater einst der Kaiser jagte.

Dass das TV-Programm den Sehern die körperliche Betätigung anderer unter die Nase reibt, mag okay sein. Vielleicht fühlen sich ein paar Bewegungslose angespornt. Dass die Kommentatoren ihren Zuhörern aber auch lapidaren Smalltalk abnehmen wollen, ist zu viel des Guten. Den will man schon selbst führen. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 15.4.2013)

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    foto: apa/hans punz
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