Anna und die verzögerte Liebe

14. April 2013, 18:17
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Peter Iljitsch Tschaikowskis "Eugen Onegin" mit Staraufgebot

Wien - Wie heißen die netteste, die sonnigste und die charmanteste Person der Welt? Anna, Anna und Anna. Wo sie ist, ist der Mittelpunkt der Opernwelt, und wenn sie nach zweijähriger Absenz mal wieder an der Wiener Staatsoper auftritt, dann sitzt ihr ehemaliger Dienstherr selbstverständlich auf Platz eins der Parterre-Proszeniumsloge, um der wundervollen Frau Netrebko möglichst nah zu sein.

Doch an diesem Abend war es nicht Ioan Holender, sondern Konstantin Gorny (als mediokrer Fürst Gremin), der den Schatz hier auf einem Ball einem großen Publikum präsentieren und sogar küssen durfte, in der sechsten lyrischen Szene von Tschaikowskis "Eugen Onegin". Im ersten Akt der 2009 von der Kritik mit Verve zerschredderten Polarkreis-Inszenierung von Falk Richter hatte sie sich noch als Provinzunschuld romanlesend auf einem Eisblocksofa geräkelt, sich dann heiß verliebt, einen Brief geschrieben und sich für das viele Gefühl eine Abfuhr eingehandelt vom Sonderling Onegin ...

Ach, es war ein wunderschöner Abend. Glut und Glanz mischten sich in der Stimme der Netrebko auf eine ideale, betörende Art und Weise. Mit kraftvollen lyrischen Kantilenen bezauberte sie; die dramatischen Höhepunkte hielt sie immer etwas gedeckelt, was an die Maxime Christa Ludwigs erinnerte, dass eine Sängerin immer nur vom Zins ihres Stimmkapitals zehren, dieses selbst aber nie angreifen darf.

Routiniert, überschaubar dimensioniert der Onegin von Dimitri Hvorostovsky; Dimitry Korchak beeindruckte bei seinem Rollendebüt als Lenski mit elegantem, hellem, energischem Tenor und reichen dynamischen Abstufungen etwa in seiner großen Arie in der fünften Szene. Wie intensiv gurrende Tauben das ältere Frauenpersonal (Zoryana Kushpler als Larina, Aura Twarowska als Filipjewna), handfest-erdig die Olga Alisa Kolosovas; und Norbert Ernst hat die Rampensau (als Triquet) drauf.

Enthusiast Andris Nelsons - er wird im April am Haus auch noch die "Bohème" leiten - ließ es im Orchestergraben brodeln, gern bot das Staatsopernorchester aber auch einen etwas platten, leicht verstimmten, sympathisch altmodischen Sound dar. Jubel. (Stefan Ender/DER STANDARD, 15. 4. 2013)


15., 18., 22. 4.

  • Anna Netrebko als verliebte Tatjana in "Eugen Onegin".
    foto: michael pöhn

    Anna Netrebko als verliebte Tatjana in "Eugen Onegin".

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