Der große Volksaufwisch

14. April 2013, 18:10
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Kevin Rittbergers Stück "Plebs Coriolan" verweist im Titel auf Shakespeare - ein Etikettenschwindel: Am Schauspielhaus Wien ergab das eine halb witzige Umverteilungsfarce

Wien - Im antiken Rom jagen die Patrizier die Getreidepreise in die Höhe, während das Volk darbt. Coriolan, der kluge Feldherr und talentierte Politiker aus William Shakespeares Tragödie, dient sich den Bedürfnissen der Masse an, um diese letztlich aber auflaufen zu lassen. Dafür hat sich der junge deutsche Dramatiker Kevin Rittberger intensiver interessiert. In seinem jüngsten Stück "Plebs Coriolan" fragt er, woran man heute herrschende Klasse und "Volksmasse" erkennt und wie sie sich zueinander verhalten.

Dass er für dieses Auftragswerk des Wiener Schauspielhauses Shakespeare im Titel bemüht, ist allerdings eine werbewirksame Irreführung. Weder ein Feldherr noch ein Heer der Volsker waren bei der Uraufführung in der Regie des Autors am Freitag zu sehen. Rittberger, der seit zehn Jahren seinen Weg als Autorregisseur erfolgreich geht, entwirft etwas ganz Neues: Er schickt Umverteiler-Paare, sogenannte "Ausheger", in die Welt der Reichen los und lässt diese dann trickreich zur Ader.

"Aushegen" meint wiederaneignen, Besitzverhältnisse aufbrechen oder, schöner gesagt: "die Druckerschwärze aus den Grundbüchern waschen". Ein Aushegerpaar (Hanna Eichel und Gideon Maoz) stiehlt Blaukrautköpfe vom Großgrundbesitzerfeld; ein anderes nistet sich als falsche Putzkolonne im Haushalt einer kunstsinnigen Aristokratin (Myriam Schröder) und ihres Notars (Thiemo Strutzenberger) ein und täuscht einen Raubüberfall vor, um an die Beute zu kommen: Schmuck und ein Laptop mit Retina-Display, das ist es, was "das Volk" heute will.

Ein bisschen dämlich ist das Volk auch, denn es verletzt sich bei seinem Erstürmen der Paläste regelmäßig selbst: Insbesondere Barbara Horvath und Steffen Höld heben in ihrer sich langsam aufbauenden Wischmopp-Szene zu einer ganz speziellen, fast schüchternen Form des Slapstick an. Dazwischen aber entstehen Längen: Da konnte das Theater die vielen klugheitsschweren Sätze des Stücks nicht aufwiegen. (Margarette Affenzeller, DER STANDARD, 15.4.2013)


Bis 1. 5.

  • Wenn der Mob mit dem Mopp zur Attacke schreitet: "Plebs Coriolan" von Kevin Rittberger: Myriam Schröder, Steffen Höld und Barbara Horvath (v. li.).
    foto: pelekanos

    Wenn der Mob mit dem Mopp zur Attacke schreitet: "Plebs Coriolan" von Kevin Rittberger: Myriam Schröder, Steffen Höld und Barbara Horvath (v. li.).

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