"Der Bildungsbereich begünstigt Ideologien"

Interview14. April 2013, 18:11
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Wissenschaftliche Erkenntnisse in die Bildungspolitik einfließen zu lassen, gestalte sich schwierig, sagt Psychologin Christiane Spiel

Bildungspsychologin Christiane Spiel über das politische Prinzip "Evidenzen statt Eminenzen", Wissenschaft für Lehrer und die Politik der langen Wege im Bildungssektor. Mit ihr sprach Lisa Nimmervoll.

STANDARD: Immer öfter ist die Rede von "evidenzbasierter Politik". Sie diskutierten bei einem Symposium von Bifie und IHS über "evidenzbasierte Bildungspolitikentwicklung in Österreich". Was bedeutet das?

Spiel: Unter evidenzbasierter Politik verstehen wir eine Politik, die auf gesicherten Forschungsergebnissen beruht und nicht auf Ideologien. Sehr fortschrittlich waren schon immer die angloamerikanischen Länder, die eine sehr pragmatische Haltung haben, während speziell in mitteleuropäischen, und noch mehr in südeuropäischen Ländern in der Politik eine sehr starke Dominanz von Ideologien oder der Meinung von wichtigen Personen vorherrscht.

STANDARD: Gibt es auch Unterschiede nach Politikfeldern?

Spiel: Besonders weit entfernt von evidenzbasierter Politik ist der Bildungsbereich – und zwar nicht nur in Österreich, sondern eigentlich in allen Ländern.

STANDARD: Warum ist das so?

Spiel:  Das hat mehrere Gründe. Es ist schwierig, zeitnah zu einer politischen Maßnahme im Bildungsbereich auch deren Effekte zu sehen. Wenn man jetzt die Pädagogenbildung ändert, wird es mindestens zwei Regierungsperioden dauern, bis sich Wirkungen zeigen. Das begünstigt Ideologien, weil man sehr langfristig planen muss. Es ist auch schwierig, im Bildungsbereich wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Anders als im Bereich Technik oder Medizin. Da gibt es Abnehmer, die Geld haben, wie die Pharmaindustrie oder andere Firmen. Die sind am Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse interessiert, weil sie daran Geld verdienen. Die Abnehmer im Bildungsbereich wie Kindergärten, Schulen und Unis werden jedoch selbst wieder von der öffentlichen Hand erhalten. Da ist also niemand, der finanzkräftig ist und Geld in den Transfer investiert.

STANDARD: Was macht den Weg bis zu den "Adressaten", den Schulen, so besonders schwierig?

Spiel:  Wenn wir gesicherte Forschungsergebnisse haben, ist der Weg sehr weit bis zu dem Ort, wo die Ergebnisse gebraucht werden, etwa in der Schule. Die Lehrpersonen müssen davon in einer Form erfahren, die sie verstehen und nachvollziehen können. Sie müssen akzeptieren, dass es neue Lehrformen gibt, die besser sind als diejenigen, die sie schon lange praktizieren. Sie müssen bereit sein, das Neue zu lernen und anzuwenden, und es muss auch bei den Schülern ankommen. Auf dem langen Weg gibt es viele mögliche Störfaktoren. Wenn es in der Medizin einen neuen Impfstoff gibt, nimmt ihn der Arzt, setzt die Spritze, drückt ab, und das war's. In der Schulpolitik kann man zwar sagen: Unterrichtet so, dass wir bei Pisa und Co im Spitzenfeld liegen. Aber das geht eben nicht so einfach.

STANDARD: Wie kann man wissenschaftliche Evidenz am besten in den politischen Betrieb und in die Gesellschaft einspeisen?

Spiel:  Es braucht Kommunikation und Kooperation zwischen allen Akteuren. Da sind einmal wir Wissenschafter selbst gefordert, dass wir unsere Forschungsergebnisse verständlich kommunizieren. Allerdings werden wir in der Wissenschaft – zumindest in Österreich – momentan vor allem dafür belohnt, wenn wir in Impact-Journals publizieren und Drittmittel einwerben, aber nicht für Transfers. Es arbeitet also vieles dagegen. Die Praktiker müssen ihre Institutionen auf Neuerungen vorbereiten. Wenn man in einer Schule zum Beispiel eine neue Form des Unterrichtens zur Förderung von Bildungsmotivation und Selbstregulation einführen will, ist es erforderlich, dass Lehrpersonen und Schulleitung dieses Ziel als Team gemeinsam langfristig verfolgen, sonst werden solche Implementationen scheitern oder zumindest nicht nachhaltig wirken. Und die Politik muss die Grundphilosophie einer evidenzbasierten Politik akzeptieren. Denn in dem Augenblick richte ich mich ja mehr nach Forschungsergebnissen als nach den Maximen meiner Partei. Das braucht Abstimmungsprozesse, die gar nicht so leicht sind.

STANDARD: Inwiefern sind denn Forscher auch bereit, bei dieser neuen Politik mitzumachen?

Spiel: Gerade was Transferforschung betrifft, hatten wir jahrzehntelang Defizite. Sozialwissenschaftliche Forschung ist besser in der Diagnose als in der Therapie. Diagnose ist ja auch weniger risikoreich. Mit der Analyse habe ich quasi immer recht. Das kann ich auch immer publizieren. Wenn ich aber Therapie versuche, ein Interventionsprogramm oder Schulentwicklungsprojekt konzipiere, erprobe und evaluiere, habe ich immer das Risiko, dass ich scheitere. Daher brauchen wir in vielen Bereichen noch Erkenntnisse speziell darüber, wie man Forschungsergebnisse flächendeckend implementieren kann. Evidence based Policy and Practice ist international daher ein großes Thema. Angloamerikanische Länder sind bereits dazu übergegangen, Transfer als einen der wichtigsten Indikatoren für Unis heranzuziehen und zu honorieren, wie gut es gelingt, die Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen. Wenn wir uns die Wirtschaftskrise ansehen, ist es ja auch wichtig, dass wir das schaffen.

STANDARD: Was kann evidenzbasierte Politik für Lehrer leisten? Bis jetzt kam Wissenschaft in der Lehrerbildung relativ wenig vor.

Spiel: So ist es. Letztlich soll die "PädagogInnenbildung neu" ermöglichen, dass man nicht nur für die Unterrichtsfächer, wie etwa Physik oder Chemie, sagt, okay, ich weiß jetzt, wie ich ein physikalisches Experiment mache, das habe ich im Studium gelernt, das kann ich nachvollziehen, sondern dass das Gleiche auch für das pädagogische Handeln gilt. Dass die Lehrpersonen auch hier auf dem aktuellen Forschungsstand sind und zum Beispiel diagnostizieren können, an welchen Stellen im Prozess der Lernmotivation ein Kind Probleme hat und wo und wie sie ansetzen können, um das Kind zu unterstützen. Ein gezieltes Vorgehen unter Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für sein Handeln hat ja auch den großen Vorteil, dass man als Lehrperson mehr Erfolgserlebnisse hat.

STANDARD: Besteht nicht die Gefahr, wenn Politiker auf Evidenzen verweisen, dass das wie eine Immunisierungsstrategie gegen den politischen Diskurs wirkt? Motto: Das sind Fakten, darüber brauchen wir nicht streiten.

Spiel:  So leicht ist es ja gar nicht. Schauen wir uns die Jurisprudenz an. Die würde man doch als sehr faktenbasiert bezeichnen, und trotzdem findet man unterschiedliche Entscheidungen. In den Sozialwissenschaften ist auch nicht alles so klipp und klar. Daher gibt es auch sehr anspruchsvolle Standards für Evidenz. Die Politik braucht ihre Maxime und Ideologien bezüglich ihrer Ziele nicht aufzugeben. Hinsichtlich ihrer Maßnahmen und deren Wirkungen sollte sie jedoch Evidenzen akzeptieren und entsprechend handeln. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 15.4.2013)

Christiane Spiel,

geb. 1951, studierte Mathematik, Geschichte, Psychologie, begann als AHS-Lehrerin, ging 1980 an die Uni Wien, seit 2006 Vorständin des Instituts für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation.

  • Wenn es darum geht, gesicherte Forschungsergebnisse in Schulen zu transferieren, gibt es - anders als in der Technik oder Medizin - "viele Störfaktoren", sagt Bildungspsychologin Christiane Spiel.
    foto: standard/corn

    Wenn es darum geht, gesicherte Forschungsergebnisse in Schulen zu transferieren, gibt es - anders als in der Technik oder Medizin - "viele Störfaktoren", sagt Bildungspsychologin Christiane Spiel.

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